Die Gegner der Gegner

von Redaktion

Brennerbasistunnel Was die Befürworter des Nordzulaufs antreibt

Rosenheim – Kein anderes Bauprojekt spaltet die Region so wie der Nordzulauf für den Brennerbasistunnel (BBT). Genau 15 Jahre, nachdem der Staatsvertrag über die Errichtung des BBT unterzeichnet worden ist, haben die Arbeiter die 100-Kilometer-Marke des Tunneldurchbruchs erreicht. Den Verkehr von der Straße auf die Schiene verlegen, das wollen wohl alle – Bürger, Politik und Bahn. Darin sind sich sogar etliche Bürgerinitiativen einig, die sich eigentlich einen „Planungsstopp“ in Sachen Brenner-Nordzulauf auf die Fahne geschrieben haben.

Am „Wie?“ scheiden sich die Geister

Schwieriger zu beantworten ist dagegen die Frage des „Wie?“. Mehr Verkehr braucht mehr Schienen, sind Planer und Verkehrsforscher überzeugt. „Auf der Bestandsstrecke ist noch viel Luft nach oben“, sagen die anderen, allen voran die Vertreter von Bürgerinitiativen, die sich östlich von Rosenheim gebildet haben, wie in Rohrdorf, Riedering, Stephanskirchen und Neubeuern. Viele Teile dieser Gebiete haben heute keine oder vergleichsweise wenig Probleme mit negativen Begleiterscheinungen der Bahn, wie Lärm oder Beeinträchtigungen der Umwelt. Deshalb ist die Sorge groß, dies könnte sich langfristig ändern.

Verzwickt ist die Situation in Rosenheim. Durch Stadtteile wie Westerndorf St. Peter, Egarten, Unterfürstätt und Küpferling rauschen schon heute so viele Güterzüge auf der Strecke von und nach München, dass diese aufgrund der Lärmbelastung als Industriegebiete einzustufen sind.

Andere Bezirke wie Aising, Pang und Westerndorf am Wasen wehren sich gegen Neubaustrecken, weil diese die Panger Felder als größtes zusammenhängendes Ackerland im Stadtgebiet bedrohen.

Wird der Verkehr explodieren?

In Gemeinden, durch die schon heute Güterzüge am laufenden Band rollen, sind dagegen andere Meinungen zu hören. Roland Schmidt, SPD-Gemeinderat und Sprecher vom „Kieferer Bündnis für Familien“, sagt zwar, dass die Belastung in den vergangenen Jahren ein kleines bisschen zurückgegangen sei. „Sobald aber der Brennerbasistunnel in Betrieb ist, wird die Verkehrsbelastung im Inntal explodieren“, ist er überzeugt.

Für Kiefersfelden komme deshalb nur eine Lösung in Frage: ein Tunnel, der südöstlich von Kufstein in das Gebirge führt, und erst bei Brannenburg ans Tageslicht kommt.

Die Problematik des Transitverkehrs im Inntal kennt Hubert Wildgruber seit Jahrzehnten. Der CSU-Bürgermeister von Oberaudorf wohnt selbst direkt an der Bestandsstrecke und hat schon viele Verhandlungen mit der Bahn hinter sich, um für seine Bürger einen besseren Anwohnerschutz zu erreichen.

Nicht nur Oberaudorf, auch die Ortsteile Reisach und Niederaudorf sind unmittelbar vom Bahnlärm betroffen. „Für mich ist es schwer vorstellbar, ab dem Tag X, wenn der Brennerbasistunnel eröffnet wird, noch mehr Verkehr auf den beiden Gleisen durch mein Gemeindegebiet abzuwickeln“, sagt er. Die Notwendigkeit weiterer Trassen bestehe. Deshalb setze sich Oberaudorf auch nicht dem Planungsdialog mit DB und ÖBB entgegen.

Nach aktuellem Stand verlaufe die Neubaustrecke in Oberaudorf zu 95 Prozent unter der Erde. Ein drittes oder viertes Gleis parallel an den Bestand zu bauen, sei aufgrund der engen Bebauung auch gar nicht möglich.

Dass eine beispielsweise in Flintsbach oder Brannenburg geplante Verknüpfungsstelle aufgrund ihres hohen Flächenverbrauchs sehr kritisch gesehen werde, ist für Wildgruber nachvollziehbar. Um einen geregelten Bahnbetrieb aufrecht zu erhalten, sei diese jedoch sinnvoll und wichtig.

Nicht der Helfer der Bahn

„Ich bin nicht der Helfer der Bahn“, stellt Hajo Gruber, UW-Bürgermeister in Kiefersfelden, klar. Doch mit dem Szenario, dass alle paar Minuten ein Güterzug mitten durch seinen Grenzort rauscht, sobald der BBT offen ist, damit will sich der Rathauschef nicht arrangieren. Er wirbt für eine seiner Meinung nach relativ eindeutige Haltung seines Gemeinderats: Die Zulaufstrecke müsse her, aber so viel wie möglich davon unter die Erde. „Der Staat ist bereit, die Mittel aufzuwenden“, ist Bürgermeister Gruber sicher.

Die Alternative zum dritten und vierten Gleis, also der Ausbau der Inntalautobahn auf drei und mehr Spuren, ist für den Kiefersfeldener ein Albtraum. Eine Lkw-Kolonne, Stoßstange an Stoßstange, sei letztlich nicht zu vermitteln – geschweige denn im Sinne der Umwelt.

Für eine Tunnellösung kämpfen auch die Bewohner des Kufsteiner Stadtteils Morsbach. Eine oberirdische Trasse kommt für sie nicht in Frage. Stattdessen fordert Ortsvorsteher Josef Wagner eine „Gleichstellung mit allen anderen“, womit er sich, wie Hajo Gruber, auf den Standard des bereits fertig gestellten Abschnitts vom Nordzulauf zwischen Innsbruck und Wörgl bezieht.

Ein Dossier mit Pro- und Contra-Stimmen zum BBT finden Sie auf www.ovb-online.de unter diesem Artikel. lm