Gespräch unter Kollegen: Modest Schildhauer (links) zeigt Adama Dembele und dessen Dolmetscherin seinen Hof.Foto Heinz
Schechen – Wie unterscheidet sich die Milchviehhaltung in Deutschland und in Afrika? Und welche Auswirkungen hat die heimische Produktion auf den afrikanischen Markt? Diesen Fragen wollte Adama Dembele aus Mali, der Sprecher der malischen Milcherzeugergemeinschaft „Femalait“, bei einer Reise nach Deutschland auf den Grund gehen. Dabei hat er die Landwirte Modest Schildhauer und Hans Neumayer auf deren Bauernhöfen in der Gemeinde Schechen besucht.
Dembele hat in Mali 40 Rinder und 30 Schafe. Seine 17 Milchkühe werden von den Familienmitgliedern mit der Hand gemolken. Umso beeindruckter war er von den technischen Möglichkeiten im Stall des Schechener Landwirts Schildhauer. Doch bei dem Besuch ging es nicht nur um einen Erfahrungsaustausch zwischen Mali und Oberbayern. Thematisiert wurde auch ein internationales Problem, mit dem die Milcherzeuger in beiden Regionen derzeit konfrontiert sind.
In Westafrika leben 60 Prozent der Erwerbsbevölkerung von Landwirtschaft und Viehzucht. „Die lokale Vermarktung von Milch ist eine wichtige Einnahmequelle für die Viehhalter in Mali“, betonte Dembele. In der Region ist die Milchproduktion in den letzten 15 Jahren um 50 Prozent gestiegen und kann aktuell die Hälfte des heimischen Konsums decken.
Das Problem: Die Akteure der lokalen Milchwirtschaft in Westafrika sind mit steigenden Importen von europäischem Magermilchpulver konfrontiert. In den meisten Fällen wird dieses Magermilchpulver mit Pflanzenfetten – überwiegend Palmöl – angereichert. Im vergangenen Jahr waren 74,9 Prozent der europäischen Exporte nach Westafrika Pflanzenfett-Magermilchpulver-Vermischungen, was 276892 Tonnen und einem Anstieg von 234 Prozent seit 2008 entspricht.
Nach Meinung des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter (BDM), der zu diesem Erfahrungsaustausch eingeladen hatte, nutzt der Export von Magermilch-Palmöl-Mischungen niemandem. Die Landwirte in Westafrika werden dadurch ihrer Existenzgrundlage beraubt und auch für die europäischen Bauern hat das System negative Folgen: Sie sind gezwungen, ihre Milch zu Preisen unterhalb der im Milch-Marker-Index (MMI) ermittelten Produktionskosten abzugeben, was hierzulande zu massiven Strukturbrüchen geführt habe. So ist die Zahl der Milchviehbetriebe in den zehn ersten Mitgliedsstaaten in der EU innerhalb einer Generation um 81 Prozent gesunken. „Obwohl auf breiter Ebene erkannt wird, dass die bisherige Ausgestaltung der gemeinsamen Agrarpolitik einer grundlegenden Reform bedarf, da sie weder eine Antwort auf die verteilungspolitischen Fragen noch auf die umweltpolitischen Herausforderungen liefern kann, bleibt eine mutige Diskussion weitgehend aus“, sagte Josef Hubert, der BDM-Kreisvorsitzende aus Traunstein.
Daher haben Milchbauern-Organisationen aus sechs westafrikanischen Ländern gemeinsam mit der Dachorganisation der europäischen Milchviehhalter, dem European Milk Board (EMB) und weiteren Entwicklungshilfeorganisationen die EU-Politiker aufgefordert, die Handelspraktiken mit Afrika neu zu ordnen.
Unerlässlich sei dabei auch, dass auch die gemeinsame Marktordnung (GMO) in Angriff genommen wird. „Die GMO muss so ausgestaltet werden, dass sich die Betriebe in Europa wirtschaftlich nachhaltig aus den Verkaufserlösen ihrer Produkte weiterentwickeln können“, meinte Landwirt und BDM-Bundesbeirat Johannes Pfaller, der über diese Thematik eine Fotoausstellung in Waging im Landkreis Traunstein organisierte. „Mit gepanschten Billigstprodukten und einer Milchwirtschaft, die Menschen ihre Existenzgrundlage raubt, wollen auch viele Landwirte hierzulande nicht in Verbindung gebracht werden.“
Dembele, Schildhauer und Neumayer waren sich einig, dass eine lokale Milchwirtschaft die Lösung vieler Probleme ist: Neben ihrer Bedeutung für die Ernährungssicherheit sei sie auch ein Mittel zur Sicherung und Schaffung von Arbeitsplätzen in ländlichen Gebieten, zur Verringerung von Armut und damit von Landflucht sowie zur Verringerung der Nahrungsmittelabhängigkeit Westafrikas.