Großkarolinenfeld – Auf dem Hof von Familie Höhensteiger rührt sich was: Rotkehlchen sitzen zwitschernd in den Ästen, der Wind bringt die Blätter der Apfel- und Birnbäume zum Rauschen. Versteckt hinter einer Rosenstaude an der Hauswand brütet eine Amsel in ihrem Nest. „Das ist das Höchste, wenn hier alles wurrlt“, freut sich Junior-Landwirt Michael Höhensteiger über das Treiben auf dem Bauernhof.
Der landwirtschaftliche Betrieb der Höhensteigers in Zweckstätt bei Großkarolinenfeld umfasst 46 Hektar Grünland, neun Hektar Acker und 6,5 Hektar Wald. Die Haupteinnahmen erzielt die Familie mit der Milchproduktion, 60 Milchkühe und Nachzucht gehören zum Betrieb. Drei Generationen der Höhensteigers, vom Seniorlandwirt mit 89 Jahren bis zur Urenkelin mit einem Jahr, leben auf dem Hof. Ein klassischer Milchviehbetrieb also, wie es viele in der Region Rosenheim gibt.
Und doch findet man auf dem Hof nicht nur Milchkühe. Gleich eine ganze Schar an Tieren und Pflanzen bevölkern das Anwesen. So zum Beispiel im Bauerngarten: Michael Höhensteiger steckt beide Hände in die frische Erde. Es regnet seit Tagen, deswegen ist sie nass, schwer und schwarz. Und es lebt darin! Gleich mehrere Regenwürmer winden sich in den Händen des Landwirts. Behutsam setzt er sie zurück ins Beet. Mit der Lockerung der Erde werden die Würmer den vielen Gemüsesorten, Kräutern und Blumen noch gute Dienste erweisen.
Klostergarten
ohne Chemie
Der Bauerngarten, den Bäuerin Gabriele Höhensteiger als Klostergarten angelegt hat und der umgeben von einem Zaunkalender fast das ganze Jahr über blüht, ist ein gutes Beispiel für die Artenvielfalt auf dem Hof. Chemischer Pflanzenschutz oder Dünger ist nicht notwendig. Die Natur hilft sich selber. „Gibt es Blattläuse, kommen zum Beispiel die Marienkäfer und fressen sie weg“, erklärt die Bäuerin. Je größer die Vielfalt im Garten, desto stabiler sei er.
Am Bauerngarten kann man sehen, dass Biodiversität die Welt nicht nur bunter und schöner macht. Die Bestäubung durch Insekten ist die Grundlage der Ernten sowie einer intakten Natur, sorgt für saubere Luft, sauberes Wasser, hält Schädlinge und Krankheiten in Schach, unterstützt die Bodenbildung und den Nährstoffkreislauf.
Wie gut das funktionieren kann, auch auf einem klassischen landwirtschaftlichen Betrieb – das wollen das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) Rosenheim und der Verein zur Förderung der Regionalentwicklung Regro mit der Veranstaltung „Paradies Bauernhof“ auf dem Betrieb Höhensteiger verdeutlichen. Der Infotag mit Hofführung findet am Freitag, 14. Juni, von 13 bis 15 Uhr statt und richtet sich an alle, die Interesse haben – ohne Anmeldung und ohne Eintritt.
„Wir wollen angesichts der aktuellen Diskussion über die Biodiversität zeigen, dass unsere Landwirte vieles bereits richtig machen“, erklärt Wolfgang Hampel, der Leiter des AELF. Gleichzeitig will man mit der Veranstaltung die Möglichkeit schaffen, mit Bürgern in die Diskussion zu treten. Einige Vorurteile gegen die konventionelle Landwirtschaft könne man gemeinsam vielleicht ausräumen, andere Kritikpunkte wolle man aufnehmen und nach Verbesserungen suchen. Denn für Hampel ist ganz klar: „Den immensen Schatz der Artenvielfalt gilt es zu bewahren!“ Landwirte und Verbraucher könnten durch ihr Verhalten einen wesentlichen Beitrag dazu leisten.
Die Hofführungen auf dem Betrieb der Höhensteigers machen natürlich Halt am Bauerngarten. Über die Weide, auf der die Kälber und Kalbinnen die Sommermonate verbringen, und über den bunten Blühstreifen am Ackerrand geht es zum Totholzhaufen. Darin haben sich Bienen, Hummeln, Mäuse und Igel eingenistet. Eigentlich, so erklärt Michael Höhensteiger, wollte man Hackschnitzel aus den verschiedenen Gehölzen machen. Doch dann habe man gemerkt, dass der Haufen voller Leben war. Seit fünf Jahren bietet er nun vielen Tieren und Pflanzen einen geschützten Lebensraum.
Doch welchen Nutzen haben Landwirte davon, auf die Biodiversität zu achten? „Die Artenvielfalt hat meine Kindheit geprägt“, sagt Bäuerin Höhensteiger und ergänzt. „Man sagt ja, man soll die Erde etwas schöner verlassen, als man sie betreten hat. Das versuchen wir.“ Klar, einen großen wirtschaftlichen Profit erlange man durch Biodiversität nicht. Doch es sei auch nicht viel Arbeit, einen Blühstreifen neben einem Acker anzulegen. „Wir fahren nicht in den Urlaub, wir sind immer hier“, erklärt Michael Höhensteiger. Schon allein deshalb wolle man es sich so schön wie möglich machen. Und eine Wiese voller zirpender Grillen, zwitschernde Vögel und blühende Blumen gehörten da einfach dazu.
Immer wieder
auch Rückschläge
„Doch es ist auch nicht alles rosa“, betont Bäuerin Höhensteiger. Auf einem Bauernhof gebe es auch immer wieder Rückschläge. Ein Unwetter könne die Ernte kaputt machen, Tiere werden krank und sterben. Das gehöre einfach dazu, wenn man von und mit der Natur lebe. „Das macht es umso kostbarer“, sagt sie. Natürlich müsse man mit der Landwirtschaft Produkte erzeugen und Geld erwirtschaften. Doch die Bäuerin ist überzeugt: „Es geht beides, Milcherzeugung und Artenschutz.“ Das zeigt sich auf dem Hof der Höhensteigers auch direkt neben dem Bauerngarten. Dort, in einer ausrangierten Kälberbox, sitzt eine Ente zufrieden auf einem Nest aus Stroh und brütet ihre Eier aus.