Bruckmühl – Erst das tödliche Drama Anfang April, dann die Beinahe-Tragödie am Ostermontag und jetzt das: ein Surfer und mehrere Kajakfahrer, die auf der reißenden Mangfall leichtfertig ihr Leben aufs Spiel setzen, während eine ganze Region mit Blick auf das Hochwasser den Atem anhält.
Das war Bruckmühler und Kolbermoorer Feuerwehrlern zuviel. Auf Facebook posteten sie Bilder von dem Surfer im schwarzen Neopren-Anzug und den Kajaksportlern auf dem wild tosenden Fluss. Dabei empörten sie sich mit klaren Worten darüber, dass Menschen so grob fahrlässig nicht nur die eigene Gesundheit gefährden, sondern – falls es zum Ernstfall kommt – auch die anrückenden Einsatzkräfte in Gefahr bringen. Ganz zu schweigen von Kindern und Jugendlichen, die den Unfug nachmachen könnten.
Der Pegel sinkt –
der Ärger bleibt
Zum Glück ist der Surfer-Wahnsinn auf der Mangfall folgenlos geblieben. Auch das Hochwasser ist zurückgegangen – nicht aber die Verärgerung bei der Polizei und den Einsatzkräften. „So etwas ist absolut lebensgefährlich. Wenn er da reinfällt, kommt selbst der geübteste Schwimmer nicht mehr heraus“, bringt es Bernd Heller, stellvertretender Leiter der Polizeiinspektion Bad Aibling, auf den Punkt.
Eine Ordnungswidrigkeit oder gar ein strafrechtlicher Tatbestand ist das „Surfen auf Hochwasser führenden Flüssen“ bislang in Bayern nicht. Die Polizei könnte aber das Surfbrett beschlagnahmen oder einen Platzverweis erteilen, falls ihr ein Surfer gemeldet wird und sie ihn rechtzeitig erwischt.
Frau wird in letzter Sekunde gerettet
Fassungslos macht der „Höllenritt“ auf dem Wildwasser auch Christian Wieseke, Vorsitzender der Wasserwacht Bad Aibling. „Unverantwortlich in höchstem Maße ist das“, sagt er mit Verweis auf die vielen Gefahrenquellen: die gewaltige Kraft der Wassermassen, die vielen Äste und Bäume im Fluss und die tückischen „Todeswalzen“ im Abschnitt zwischen Bruckmühl und Kolbermoor.
Alle 100 Meter
ein Rettungsreifen
Die gefürchteten Strudel, die auch bei Niedrigwasser eine tödliche Gefahr sind, haben in den vergangenen Jahren sechs Menschen das Leben gekostet. Fast wären es sogar sieben Opfer gewesen: Am Ostermontag wurde eine 42-jährige Frau, die ihren Hund aus der Mangfall holen wollte, in letzter Sekunde von Passanten herausgezogen und gerettet. Anfang April war ein Mann (67) nachts bei einer Feier in den Fluss gestürzt und ertrunken.
„Wer Spaß am Surfen auf Flüssen hat, soll das im Eisbach in München machen“, rät Wieseke, der angesichts steigender Einsatzzahlen an der Mangfall nach Maßnahmen ruft. Allein in den letzten sechs Wochen gab es drei dramatische Einsätze, bei denen es um Leben und Tod ging.
Deshalb ist für den erfahrenen Wasserwachtler die Zeit reif für Rettungsringe am Mangfallufer. Die Reifen könnte man zum Beispiel im Abstand von 100 Metern an den weißen Tafeln mit den Flusskilometern anbringen. „An der Isar hat sich das bewährt“, so Wieseke.
Dass jemand auf die Idee kommt, sich mit dem Surfbrett ins Hochwasser zu stürzen, verblüfft auch Burgi Stadler, Vorsitzende des Priener Windsurfing Clubs und des Regatta-Surfclubs Chiemsee: „Da kann man nur den Kopf schütteln. Bei Hochwasser ist ja sogar das Surfen im See gefährlich, weil alle möglichen Sachen angespült werden.“ Von vergleichbaren Eskapaden auf der Alz oder Prien weiß sie nichts.
Im Netz wird kontrovers über den Feuerwehr-Post diskutiert. Dort finden sich auch Kommentare von Leuten, die die Aufregung nicht verstehen: „Tolles Foto von einem Profisportler. Wo ist das Problem?“, schreibt ein User. Oder es heißt: „Lasst die Leute selber einschätzen, was sie können und was nicht.“
Forscher Ton und surfender Anwalt
Auch die Qualität des Posts wird kritisiert: „Dieser umgangssprachliche Tonfall gehört sich nicht für kommunale Dienstleistungsorganisationen wie die Feuerwehr. Was kommt als nächstes: Eine Beschwerde, dass ein Mensch mit Zigarette im Bett liegt?“
Für viel Wirbel hatten bereits im August 2005 zwei lebensmüde Hochwasser-Surfer auf der Mangfall gesorgt. Nur einen Tag zuvor waren zwei Schlauchbootfahrer in den Fluten ums Leben gekommen. Dennoch hatten sich die zwei Wassersportler – ein damals 26-jähriger Rosenheimer und ein Anwalt (40) aus dem Landkreis – mit ihren Brettern auf den wilden Fluss voller Treibholz gewagt.
Der Aufforderung der Polizei, schleunigst aus dem Wasser zu kommen, folgten sie zunächst nicht. Erst ein Platzverweis führte dazu, dass der erste Surfer freiwillig ans Ufer kam. Der andere folgte wenig später.
50000 Klicks für
Wasserwacht-Video
Auf Youtube gibt es einen sechsminütigen Film mit dem Titel „Unterschätzte Gefahr“ – eine Gemeinschaftsproduktion von Rosenheimer Kreiswasserwacht und DLRG. Der Film, vor Jahren gedreht, warnt vor den Tücken der Mangfall. Er wurde schon über 50000-mal geklickt. Der Hochwasser-Surfer von Bruckmühl dürfte ihn noch nicht gesehen haben.