Oberaudorf – Kloster und Kirche zugesperrt, Schlüssel abgegeben. Bauzaun rund ums Grundstück, kein Zugang mehr – Albtraumszenario vieler Gläubiger, die am Donnerstagabend zum Teil fassungslos die schlechten Nachrichten vom Provinzial der deutschen Karmeliten, Dr. Ulrich Dobhan, und Weihbischof Wolfgang Bischof entgegennahmen. Wie ein Lauffeuer hatte sich schon Tage vor der offiziellen Bekanntgabe die Nachricht verbreitet, das Kloster werde aufgelöst, die Patres in ihre Heimat nach Polen abgezogen.
Zum Bersten voll war das Pfarrheim – für den Bischof, den Provinzial und die Reisacher Patres Pater Paul, Pater Matthäus und Pater Slawek auch ein Zeichen der großen Verbundenheit mit dem Orden.
„Geben Sie mir zehn Patres und zehn Millionen, dann muss ich das Kloster nicht auflösen. Beides habe ich nicht.“ Mit drastischen Worten begründete Provinzial Dr. Dobhan seine Entscheidung. Wie berichtet, hat die deutsche Provinz wegen mangelnden Ordensnachwuchses und aufgrund der mit dem Kloster Reisach verbundenen hohen Bau- und Unterhaltslast sein Nutzungsrecht des Gebäudes an den Freistaat Bayern zurückgegeben.
Heftige Kritik gab es seitens der Gläubigen am Provinzial der Krakauer Provinz, Dr. Thaddäus Florek, die sehr beliebten Patres nach Polen abzuziehen. „Kann man nicht die Patres da lassen?“, so die Bitte vieler. Warum haben sich die Ereignisse so überstürzt, warum wurde die „Mission Reisach“ so rigoros beendet? „Ihr wisst nicht, was ihr uns antut!“, so eine ältere Dame wütend.
Erneut wurde von den Verantwortlichen darauf verwiesen, dass vor allem finanzielle Erwägungen zu dieser Entscheidung geführt haben. Fest steht: Ende August werden Pater Slawek und Pater Paul das Kloster verlassen. Nach bisherigen Planungen soll, wie der Bischof ausführte, Pater Matthäus noch bis Ende des Jahres den Übergang zusammen mit dem neuen Pfarrer Hans Huber gestalten. Er wird ab September den Pfarrverband leiten. Welch‘ starke Veränderungen auf die Kirche in den kommenden Jahren zukommen werden, erläuterte Ordinariatsdirektorin Dr. Gabriele Rüttiger, zuständig für Grundsatzfragen und Strategie: Immer mehr Kirchenaustritte seien zu verzeichnen, immer weniger Seelsorger und Ordensleute stünden zur Verfügung.
Das Bistum habe über 1000 Kirchen, Kapellen und Pfarrhäuser zu erhalten. Die Kosten hierfür gingen in den mehrstelligen Millionenbereich, so Dr. Rüttiger. Für das Bistum Gründe genug, vom Kauf des Klosters Reisach abzusehen.
Wie der Bischof nochmals betonte, liege jetzt der Ball beim Freistaat Bayern. Bürgermeister Hubert Wildgruber rief zur Besonnenheit auf. „Gründet bitte keine Bürgerinitiative. Es geht nicht um den Brenner-Nordzulauf, sondern um ein Kloster!“
In Kürze werde er mit dem zuständigen Minister über die weitere Vorgehensweise beraten „und in den Verhandlungen auf alle Fälle alles versuchen, um das Kloster kirchlich, kulturell und weltlich weiterhin nutzen zu können“.
Pater Paul Beben griff in der Aussprache das vom Bischof verwendete Bild vom Ball nochmal auf: Der Ball liege jetzt nicht nur beim Staat. Der Pater: „Der Ball liegt bei uns allen!“
Nach allem Gehörten habe vor allem das Geld die Entscheidungen beeinflusst. Ein schwaches Fundament, wie die Auflösung des Klosters jetzt verdeutliche, so der Pater. Die Mitarbeit der Laien sei mit Blick auf das umfangreiche Aufgabengebiet, das der neue Pfarrer zusammen mit einem priesterlichen Mitarbeiter in den drei zusammengeschlossenen Pfarreien Kiefersfelden, Oberaudorf und Niederaudorf zu bewältigen hat, unbedingt erforderlich. Pfarrer Hans Huber zeigte großes Verständnis für die Empörung der Gläubigen. „In den nächsten Wochen und Monaten ist Trauerarbeit nötig.“ Er werde sie dabei begleiten, sicherte er der Versammlung zu. Er rief dazu auf, sich gemeinsam auf den Weg zu machen. Empörung, Wut und Betroffenheit brachten die Zuhörer letztlich mit einem innig gebeteten „Vaterunser“ vor dem Herrn zum Ausdruck. Er werde, so der Bischof zuversichtlich, die weiteren Wege nach seinem Willen aufzeigen. Zeitgleich zur Infoveranstaltung im Pfarrheim beteten viele Gläubige in der nahegelegenen Pfarrkirche über Stunden um eine gute Lösung.