Nur für Falco nahm er die Kappe ab

von Redaktion

Mechaniker Fritz Wagner aus Kolbermoor erinnert sich an Niki Lauda

Kolbermoor – Nicht nur im Wiener Stephansdom hat sich die Welt vor wenigen Tagen ein letztes Mal vor Niki Lauda verneigt. In Kolbermoor zündete Fritz Wagner (66) jetzt eine Kerze für die verstorbene Rennfahrerlegende an. Wagner kannte Niki Lauda gut. Er war 1978 und 1979 einer seiner Mechaniker. Im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen blickt er auf die vielen gemeinsamen Momente mit einer Rennsportlegende zurück.

So viel vorweg: Wer zu Niki Laudas Team gehörte, hatte nicht viel zu lachen. Stattdessen wurde buchstäblich an allen Schrauben gedreht – und das pausenlos. Für Witze blieb da keine Zeit. „Der Niki hat sich selbst alles abverlangt – und uns auch. Der hat so lange keine Ruhe gegeben, bis es für ihn gepasst hat“, erinnert sich Wagner.

War Lauda der beste Fahrer seiner Zeit? Fritz Wagner muss das wissen. Und er redet nicht lange um den heißen Brei herum: „Nein, es gab bessere Fahrer. Aber Niki war mit Abstand der akribischste und technisch versierteste Fahrer, den ich je kennengelernt habe. Er war der Perfektionist schlechthin.“ Dieser Mix aus Detailversessenheit und Fachverstand habe Lauda 1975 und 1977 zum Weltmeister gemacht. „Die zwei Titel hatte Ferrari nur ihm zu verdanken“, ist Wagner überzeugt.

1978 wechselte Lauda für eine Millionengage von Ferrari zu Ecclestones Brabham-Team. Dort stotterte der Motor des Wieners zwar in der Formel 1, dafür lief es in den Rennen mit den BMW-M1-Procars wie geschmiert – auch dank Wagner.

Der Ritt auf Wagners „Kanonenkugel“

Das Procar-Spektakel sorgte 1979 und 1980 für viel Wirbel im Formel-1-Zirkus. Für Motorsportfans war es eine Wonne, ihre Idole im selben Wagentyp gegeneinander fahren zu sehen. Die Zeit gilt als Hochphase des BMW M1. „Eine Fahrt damit ist wie ein Ritt auf einer Kanonenkugel“, sagte Hans-Joachim Stuck einmal. Fritz Wagner, damals 26, heute 66, hielt als Mechaniker Laudas „Kanonenkugel“ in Schuss.

Ein Grand-Prix-Wochenende lief damals so ab: Zwischen Qualifying (Freitag) und Formel1-Rennen (Sonntag) stiegen die fünf Trainingsschnellsten der Königsklasse am Samstag in die BMW-M1-Cockpits und traten gegen die besten GT- und Tourenwagenfahrer an.

Geheimtraining
in Silverstone

Das war eine spannende Sache: Lauda, Piquet, Prost, Fittipaldi, Hunt, Watson, Regazzoni, Reutemann, Stuck, Danner oder Winkelhock – alle fuhren unter gleichen Bedingungen mit baugleichen Typen gegen Sportwagen- und Privatpiloten: 480 PS, sechs Zylinder in Reihe, jeder mit vier Ventilen, 330 km/h Spitze, 1100 Kilo schwer.

Wer wurde am Ende Procar-Meister? „Der Niki natürlich“, lacht Wagner. Lauda (78 Punkte) vor Stuck (73) und Regazzoni (61) – so das Gesamtergebnis nach dem letzten Rennen in Monza. Waren die Bedingungen wirklich gleich? „Nicht ganz“, erinnert sich Laudas M1-Chefmechaniker. Denn der Österreicher hatte seinem BMW noch kurz vorm Saisonstart, das ist fast auf den Monat genau 40 Jahre her, den letzten Feinschliff verpasst: in Silverstone, unter strengster Geheimhaltung. Wagner war dabei. Für ihn bedeutete die England-Mission zwei Tage lang volles Programm: „Wir mussten alles x-mal ändern – Stabilisatoren, Federn, Fahrzeughöhe.“

Aber der Aufwand zahlte sich aus. Wieder einmal hatte Lauda die Nase vorn. Manche Rennfahrerkollegen wissen bis heute nichts von dem Geheimtraining. Wagner: „Lauda war halt der Cleverste von allen, hatte stets das Wesentliche im Blick. Abends bei Schampus feiern und die Puppen tanzen lassen. Das machten im bunten Rennsportzirkus die anderen – aber nicht der Niki.“

Entsprechend groß sei im Team der Respekt vor Lauda gewesen. „Er hat nie gejammert, der Glamour im Grand-Prix-Zirkus war ihm wurscht“, erinnert sich der 66-Jährige, der noch heute ein weltweit gefragter „Motorflüsterer“ ist, wenn es um einen M1er-BMW geht. 2016 schauten zum Beispiel Gerhard Berger und Nelson Piquet in Kolbermoor vorbei beziehungsweise ließen sich dort ihre Flitzer für ein Schaurennen in Wagners Werkstatt flottmachen.

Neben der meist roten Kappe verbindet Wagner noch ein zweites Accessoire mit Lauda: eine abgenutzte Lederaktentasche, die eher zu einem Steuerfahnder gepasst hätte als zu einem Rennfahrer: „Die hatte er bei jedem Training dabei.“ Der Kolbermoorer hat den Österreicher nach dem folgenschweren Unfall von 1976 nur einmal ohne „Kapperl“ gesehen: „Bei der Trauerfeier für Falco 1998 auf dem Wiener Zentralfriedhof.“

Erfolgreiches Abenteuer

Für Lauda wie Wagner hat sich das erfolgreiche Procar-Abenteuer gelohnt. Dem Piloten schenkte BMW den M1 im Wert von 113000 Mark („damals ein Haufen Geld“), der Mechaniker aus Kolbermoor untermauerte seinen Ruf, einer der besten seiner Zunft zu sein.

Trotzdem wurde auch Wagner im September 1979 kalt erwischt, als Lauda – nur wenige Tage nach dem Coup von Monza – beim Training in Kanada den legendären Rückstritts-Satz sprach: „Warum soll ich wie ein Trottel mit den anderen im Kreis fahren?“

1982, als der Mann mit der roten Kappe bei McLaren sein Comeback feierte, war die Procarserie schon Geschichte. Die Fans verfolgten die Rennen zwar mit großer Begeisterung, doch die Formel-1-Piloten hatten Ärger wegen ihrer Verträge bekommen. So hatte der M1-Zauber 1980 ein Ende. Lauda und Wagner führten in der Folge nur noch vereinzelte Demo-Rennen zusammen – zum Beispiel 2005 in Hockenheim.

1984 wurde der Österreicher noch einmal Weltmeister. Für Wagner hat von Laudas Perfektionismus, Persönlichkeit und Intelligenz stets auch der zweite Fahrer im Rennstall profitiert – oder auch nicht. So soll er Alain Prost, den großen Rivalen im Team, nicht immer mit allen Auto-Infos versorgt haben. Der Mechaniker grinst: „Er war den anderen halt immer ein Stück voraus.“

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