Mit Walter Schlosser auf Spurensuche

von Redaktion

Erste Erinnerung an Verfassungskonvent geht auf ihn zurück Herrenchiemsee

Herrenchiemsee/Rosenheim – „Bis dahin erinnerte nur eine Steintafel an der Wand des Alten Schlosses auf der Insel an die historischen Tage im Sommer 1948.“ Dieser Satz aus unserer Berichterstattung über den Verfassungskonvent auf Herrenchiemsee und 70 Jahre Grundgesetz brachten Walter Schlosser ins Grübeln. Steintafel? Da war doch was. Dass bis zur Verfassungsausstellung zu 50 Jahren Grundgesetz am Augustiner Chorherrenstift überhaupt mit einer Tafel an den Verfassungskonvent erinnert wurde, ist das Verdienst des ehemaligen bayerischen Landtagsabgeordneten aus Rosenheim.

Landtagsamt besorgt

die alten Unterlagen

Ein Enkel Schlossers hatte nach dem Abitur auf der Herreninsel gejobbt, als ihm die Tafel auffiel, die in mehreren Metern Höhe an der Fassade an der Südostecke des Alten Schlosses prangt. Als er seinen Großvater in einer geselligen Gartenrunde darauf ansprach, fiel es ihm nach langer Zeit wieder ein: „Die ist von mir. Die Tafel habe ich damals im Landtag beantragt.“ Die Enkel wollten ihm keinen Glauben schenken, erzählt Schlosser und lacht. „Die haben gesagt: Beweise bitte!“

Nichts leichter als das, dachte sich der ehemalige Abgeordnete. Schlosser kontaktierte die Landtagsverwaltung in München, die ihm binnen weniger Tage aus dem Archiv einen Abzug des Antrags und den zugehörigen Beschluss aus dem Landtagsplenum besorgte. Der 83-Jährige erinnert sich: „Das war ganz sicher der erste Antrag, den ich jemals als Abgeordneter im Landtag gestellt habe.“

Die Idee dazu sei ihm im April 1975 bei einem Ausflug auf die Insel Herrenchiemsee gekommen. Wenige Monate zuvor, im Oktober des Jahres 1974, war Walter Schlosser erstmals für die SPD in den Landtag eingezogen, wo er bis 1990 den Stimmkreis Rosenheim Ost vertrat. Der Schlossführer habe damals beim Besuch auf der Insel bedauert, dass kaum ein Besucher des Alten Schlosses über die historischen Ereignisse im August des Jahres 1948 Kenntnis habe. Schlosser erinnert sich, dass er damals dachte: „Das muss sich ändern.“

Also beantragte er schriftlich beim Landtag: „Die Staatsregierung wird ersucht, im alten Schloss auf Herrenchiemsee eine deutlich lesbare Gedenktafel anzubringen, die auf die historische Tatsache hinweist, dass im Saal 7 des alten Schlosses der Verfassungskonvent auf Herrenchiemsee in der Zeit vom 10.8. – 23.8.1948 stattfand.“ Wie aus dem Plenarprotokoll vom 13. Mai 1975 hervorgeht, wurde im Beschluss aus „im Alten Schloß“ schließlich „am Alten Schloß“. Und der Landtag stimmte dem Anliegen von Walter Schlosser ohne viel Aufhebens einstimmig zu.

Im? Am? Dieser feine Unterschied lässt Walter Schlosser heute bei einer Spurensuche auf Herrenchiemsee zweifeln. Bei der Überfahrt von Prien auf die Insel sprudeln die Geschichten über die Zeit als Abgeordneter aus ihm heraus.

„Ich habe nur meine Arbeit gemacht.“

So habe er zum Beispiel das Bundesverdienstkreuz abgelehnt, das man ihm für seine Verdienste als Abgeordneter verleihen wollte. „Ich habe nur meine Arbeit gemacht“, sagt er. Es ärgert ihn sichtlich, dass die Auszeichnung reihenweise an Politiker geht. Schlosser findet, dass diese Ehre jenen vorbehalten sein sollte, die über ihren Job hinaus Außergewöhnliches leisten.

Schon vor der Sache mit dem Bundesverdienstkreuz habe er dankend abgewunken, als ihn die SPD nach den ersten Jahren im Landtag für die Bundestagswahl aufstellen wollte. Mit der Zweitstimme bei der Bundestagswahl wird eine Partei gewählt. Je weiter oben auf ihrer Liste die Partei einen Kandidaten platziert, desto besser sind dessen Chancen auf ein Mandat. Und für einen guten Listenplatz müsse man „kuschen“, wie Schlosser sagt. Das sei nie seine Art gewesen. „Ich habe immer selbst entschieden und war nie abhängig von der Partei.“ Das Landtagsmandat für Rosenheim sei aufgrund des Landtagswahlrechts in Bayern eine sichere Bank für ihn gewesen. „Da entscheidet der Wähler über meine Zukunft, keine Partei.“ In Bayern geht auch die Zweitstimme zuerst an einen Kandidaten und über ihn an dessen Partei. Somit ist der Listenplatz eher unbedeutend.

Schlösserverwaltung

tilgt letzte Zweifel

Im Jahr 1990, als Walter Schlosser aus dem Landtag ausschied, machte er einen radikalen Schnitt und verbrannte alle Unterlagen, die er aus seiner Zeit als Abgeordneter zu Hause hatte. Sieben, acht Stunden habe der Kamin in der Gartenhütte ununterbrochen Papier verschlungen, erzählt er. „Für mich war damals die Sache erledigt. Heute reut‘s mich.“ Auch wegen seines Antrages zur Erinnerung an den Verfassungskonvent auf Herrenchiemsee.

Als Schlosser nun die Gedenktafel für den Verfassungskonvent am Alten Schloss betrachtet, kommen ihm Zweifel. Er habe erwartet, die Tafel irgendwo im Inneren des Gebäudes zu finden – so, wie es auch sein Antrag vermuten lässt, den ihm die Landtagsverwaltung aus dem Archiv gesucht hat. Doch die Bayerische Schlösser- und Seenverwaltung, die das Alte Schloss unterhält, bestätigt auf Anfrage unserer Zeitung, „dass es sich bei der besagten Steintafel um die Tafel handelt, die damals aufgrund des Antrags des ehemaligen Landtagsabgeordneten Walter Schlosser angebracht wurde“.

Am Alten Schloss.

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