Rosenheim – Eine Zugfahrt von der Arbeit in München nach Hause – wie immer. In etwa 30 Minuten ist sie daheim in Rosenheim, glaubt Ricarda Leucht am vergangenen Mittwoch. Sie sitzt im vorderen Abteil des Meridian, als sie im Bereich von Aßling plötzlich Blätter wild fliegen sieht und es auch schon gewaltig rumpelt und der Zug extrem stoppt.
Viele Glassplitter auf
der rechten Sitzseite
„Dreifache Intervallbremsung“, registriert Leucht und schaut sich, seltsam ruhig geblieben, um nach einer Frau mit Kleinkind im Buggy, die ihr zuvor schon auf dem Bahnsteig aufgefallen war. „Alles in Ordnung“, schießt ihr durch den Kopf – die Frau ist durch die Vollbremsung lediglich in den Sitz gedrückt und niemand anderes herumgewirbelt worden. Was aber ist passiert?
„Die Scheibe hinter Ihnen ist geborsten“, erklärten die Herrschaften ihr gegenüber. Nicht nur diese Scheibe – eine unmittelbar aufgetauchte Zugbegleiterin bittet alle Passagiere auf die linke Platzseite, rechter Hand hatten sich Glassplitter auf die Sitze verteilt. Dann die Information: Ein Baum stürzte auf die Gleise (wir berichteten).
Aiblinger Unglück fährt gedanklich mit
Kam Leucht bei der Notbremsung der Gedanke an ein Zugunglück auf? „Ich denke jedes Mal, wenn ich im Zug bin, an das Aiblinger Unglück“, sagt die Rosenheimerin. Entsprechend setze sie sich stets so, dass sie nicht durchs Abteil katapultiert wird, wenn es zum abrupten Stillstand kommen sollte. Ein Nachbar sei damals bei dem Zugunglück am 9. Februar 2016 gestorben, das bleibe haften. In den ersten beiden Jahren, als die Rosenheimerin beruflich andere Fahrtzeiten hatte, wurde in dem Zug mit einem Gong, der erklang, an das Unglück erinnert. „Es ist doch erschreckend, dass das Ganze schon so lange her ist und die Erinnerung daran verblasst“, sagt sie. „Deshalb finde ich solche Gesten grundsätzlich gut.“
Im aktuellen Fall hatte der Zugführer mit seiner Umsicht Schlimmeres verhindert. Davon ist Leucht fest überzeugt. „Ich möchte mich beim Zugführer für seine schnelle Reaktion zum Bremsen bedanken. Ich glaube, nicht nur ich habe heute einen Schutzengel gehabt, sondern zuallererst der Zugführer. Schließlich ist der Baum bei ihm zuerst aufgeschlagen“, postet sie in den sozialen Netzwerken und bestätigt dies gegenüber den OVB-Heimatzeitungen: „Ich bin nach vorne gegangen und habe gesehen, wie extrem es die Führerkabine erwischt hat“, sagt sie und schätzt noch im Nachhinein hoch ein, wie besonnen der Mann die auf ihn einredenden Fahrgäste beruhigte. Inzwischen war ein Notfallmanagement aufgetaucht sowie die Feuerwehr, die den Baum entfernen sollte. Die Strecke wurde begutachtet, Entscheidungen gefällt und wieder durch neue ersetzt. „Es hieß, der Meridian Nr. 79019 nach Rosenheim solle wieder aktiviert werden, dann wieder, es geht zurück nach Aßling, wo Ersatzbusse warten.“ Plötzlich gab es einen Knall – es war der erste Wiederstartversuch des Zuges. „Da hat es dann wohl alle Sicherungen rausgehauen“, vermutet Leucht.
Schließlich diese Lösung: Ein zweiter Zug auf dem zweiten Gleis wird alle Fahrgäste aufnehmen. Per Rampen, sozusagen als Brückenschlag von Einstieg im Unglückszug zum Einstieg im Meridian 2. Etwa 60 Menschen wechselten so das vordere Abteil, um die 110 Passagiere folgten aus dem hinteren. „Das alles hat erstaunlich gut geklappt“, sagt Leucht.
Ein Passagier
wird ohnmächtig
Zurück in Aßling gab es im Ersatzzug einen weiteren unfreiwilligen Aufenthalt, weil ein Passagier in Ohnmacht gefallen und ein Notfalleinsatz notwendig war. Wahrscheinlich die Hitze und die Aufregung, meint Leucht. „Jeder stand wohl doch ein bisschen unter Schock.“
Gegen 17 Uhr war die Rosenheimerin schließlich zuhause. Eine Zugfahrt, die um 12.04 begann und eigentlich nur 30 Minuten dauert. „Oh Gott, was ist passiert?“, schrieb ihr eine Bekannte kurz danach. „Alles gut“, erwiderte Leucht.