Kolbermoor – Alleinerziehende, Hundebesitzer, Geringverdiener: Dass sie im Wettlauf um eine bezahlbare Wohnung oft chancenlos sind – daran und an ihre Geschichten voller Verzweiflung, Wut und Hoffnungslosigkeit hat man sich im Raum Rosenheim fast schon gewöhnt.
Aber diese Geschichte ist neu: Eine Vermieterin, in der Region aufgewachsen, bestens vernetzt, angesehen und bekannt, die alle Register zieht, um eine Wohnung zu finden – „ned füa mi, sondan füa liabe Leidl“. Und dabei beinahe verzweifelt.
Die „liaben Leidl“, das waren ihre eigenen Mieter, denen sie schweren Herzens wegen Eigenbedarfs hatte kündigen müssen. Also suchte die Frau aus Kolbermoor nach einer neuen Bleibe für sie. Viele Monate lang hat sie alles versucht.
„Dass es schwer ist, im Raum Rosenheim eine Wohnung zu finden, das wusste ich. Dass es aber nahezu unmöglich ist, hätte ich nicht gedacht“, blickt Katharina K. zurück. Weil sie sich ungern ins öffentliche Licht rücken möchte, will die 62-Jährige nicht mit vollem Namen in der Zeitung stehen. Zudem soll die Familie anonym bleiben. „Es geht ja nicht um Namen, sondern um die Sache“, sagt die Vermieterin.
Warum legt sich jemand so sehr ins Zeug für eine Familie, die nicht die eigene ist? Vermutlich, weil er selbst weiß, was es heißt, in einer zu kleinen Wohnung zu leben, etwas zu suchen und nichts zu finden. Deshalb holt Katharina K. in ihrer Geschichte weit aus, geht bis in die frühe Kindheit zurück: nach Bad Aibling, wo sie in einer Zwei-Zimmer-Wohnung aufwuchs, die viel zu klein war für sechs Personen.
25 Mark für den Quadratmeter Boden
Die Eltern mussten sich das Schlafzimmer mit vier Kindern teilen. Was heute kaum noch vorstellbar ist, waren damals bescheidene Verhältnisse. Nach erfolgloser Suche in Bad Aibling fanden ihre Eltern – sie Köchin, er Holzfacharbeiter – eine größere Wohnung in Kolbermoor. Dort, im Stadtzentrum, kauften sie 1970 ein 1150 Quadratmeter großes Grundstück. 25 Mark kostete der Quadratmeter – was für ein Schnäppchen.
Dort bauten sie ein Haus mit mehreren Wohnungen. Katharina K. wohnt noch heute darin. Als ihre Eltern starben, wurde die Parterrewohnung frei. Vor knapp neun Jahren zogen dort die Mieter der 62-Jährigen ein: eine vierköpfige Familie mit zwei halbwüchsigen Kindern. Bis 2011 zahlte sie 650 Euro Kaltmiete für 110 Quadratmeter mit Garten, Garage, Keller und Terrasse – danach 725 Euro.
„Eigenbedarf – wir kündigen euch“
Die Vermieterin kam glänzend mit der Familie zurecht und umgekehrt. Als die Flut von 2013 das halbe Kolbermoorer Stadtzentrum unter Wasser setzte, schöpften sie das Grundwasser gemeinsam aus dem Keller.
Doch dann schloss die 30-jährige Tochter von K. ihr Studium in Göttingen ab, suchte in der Heimat nach Baugrund, erst in Rosenheim und Kolbermoor, dann in einem Radius bis nach Rott am Inn. Aber umsonst. 500 bis 1200 Euro wären für den Quadratmeter fällig gewesen. Welches junge Paar kann sich das schon leisten? Mutter K. ließ auch nichts unversucht, nervte ihren Bekanntenkreis, Arbeitskollegen, Architekten, Makler, Bauunternehmer – vergeblich. So eröffnete sie im Oktober 2018 schweren Herzens ihren Mietern: „Eigenbedarf – wir müssen euch leider kündigen.“
Die Kündigungsfrist betrug ein halbes Jahr. „Eine lange Zeit, da wird sich leicht was finden“, dachte sich K. anfangs. „Doch aus heutiger Sicht war das realitätsfremd – eine reine Illusion“.
Wochenlang durchforstete die Kolbermoorerin die Immobilienseiten der OVB-Heimatzeitungen und im Internet. Dort wurde sie fündig, doch entweder waren die Wohnungen für eine Familie mit zwei inzwischen fast erwachsenen Kindern ungeeignet oder es hagelte Absagen.
Nette Worte, aber kein Mietvertrag
So machte K. im Februar 2019 richtig ernst. Nicht nur, dass sie erneut ihren Freundes- und Bekanntenkreis in erhöhte Meldebereitschaft versetzte und zwölf weitere Internetportale, darunter Facebook, anzapfte. Nun kontaktierte sie Makler und Privatvermieter direkt, schrieb sie an, griff zum Telefon, verschickte Empfehlungsschreiben, fuhr persönlich vorbei – vor der Arbeit, nach der Arbeit, nachts, am Wochenende.
Und K. schaltete Anzeigen, im OVB und im Mangfall-Boten, in Stadtmagazinen. Vor allem die „boarische“ Annonce in unserer Zeitung verfehlte ihre Wirkung nicht. Viele Leser meldeten sich. Allerdings: Es gab nur Zuspruch und nette Worte, keinen Mietvertrag. Griesstätt, Brannenburg, Eiselfing oder Oberaudorf sind schöne Gemeinden – aber einfach zu weit weg vom Schuss für eine vierköpfige Familie, die ihre Arbeitsplätze und Lehrstellen in Rosenheim und Kolbermoor hat, auf Bus und Bahn angewiesen ist.
Also schwang sich K. aufs Radl, klapperte ganze Straßenzüge ab auf der Suche nach Baustellen und Leerständen. Tatsächlich entdeckte die Stadtradlerin einige leer stehende Wohnungen, fragte sich mühsam durch bei Passanten, Nachbarn, Hausmeistern und Hausverwaltern bis zu den Besitzern.
Aber der Erste sagte ihr: „Die Wohnung muss renoviert werden, das ist mir zu teuer. Außerdem findet man derzeit keine Handwerker.“ Der Zweite erklärte, er habe Probleme mit dem Vormieter, die Wohnung sei noch nicht geräumt und überhaupt: „Mir pressiert nix.“
„Leer ist die Wohnung ja noch mehr wert“
Billige Ausreden? Möglicherweise. Der Dritte suchte erst gar nicht danach: „Ich lass die Wohnung jetzt leer stehen. Ohne Mieter ist sie ja noch mehr wert, wenn ich sie verkaufen will.“ Also wieder kein Platz „füa liabe Leidl“. Der Profit geht vor.
„Es war so ernüchternd“, winkt Katharina K. ab. Etwa bei 100 Absagen hat sie aufgehört, die vergeblichen Anläufe zu zählen. Insgesamt dürften es über 300 gewesen sein: „Die meisten Makler waren sehr nett und bemüht, aber an die strengen Auflagen der Vermieter gebunden.“ Dazu gehörte unter anderem eine Finanzauskunft. Ein Empfehlungsschreiben half da nichts.
Schließlich, nach monatelangem Frust, passierte doch noch das „Wunder“: Eine Reihenhauswohnung in Großkarolinenfeld wurde frei, Katharina K. und die Familie bekamen durch einen Zufall rasch Wind davon, waren diesmal schneller als die anderen. Die Familie durfte dort einziehen. So wurde es doch noch etwas mit einer neuen Bleibe „füa liabe Leidl“.