Rosenheim – Fünf mögliche Trassen für den Brenner-Nordzulauf präsentierten Deutsche Bahn und Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer gestern in Rosenheim – und die Reaktionen aus der Region sind ein Wechselbad der Gefühle: von „beängstigend“ (Riedering) bis „wenig überraschend“ (Bad Aibling). Mit dabei sind aber auch Enttäuschung bei den einen (Kolbermoor), große Erleichterung bei den anderen (Kiefersfelden).
Gelöste Stimmung herrschte gestern bei den Abgeordneten aus der Region. Sowohl Bundestagsabgeordnete Daniela Ludwig (CSU) als auch die beiden Landtagsabgeordneten Otto Lederer und Klaus Stöttner (beide CSU) begrüßten neben der Reduzierung der ursprünglich über 100 Trassenvorschläge auf nun fünf Varianten insbesondere die Zusicherung des Bundesverkehrsministers, den Lärmschutz entlang der Bestandsstrecke zu verbessern.
„Eine gewaltige
Herausforderung“
Daniela Ludwig betonte: „Für unsere Region ist und bleibt das Projekt Brenner-Nordzulauf eine gewaltige Herausforderung. Es ist unerlässlich, es intensiv zu begleiten und die Sorgen und konkreten Betroffenheiten der Bürger immer im Auge zu haben. Es ist gut, dass die Vorstellung von fünf ausgewählten Grobtrassen und Überprüfung der Bestandsstrecke früher erfolgt ist als geplant.“
Die Abgeordnete weiter: „Die Bestandsstrecke wird in den nächsten Jahren bis zur Fertigstellung einer Neubaustrecke den gesamten Verkehr abwickeln müssen. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer hat deshalb eine größtmögliche Flexibilität für einen effektiven Lärmschutz zugesagt.“
Für eine künftige Trassierung der Neubaustrecke gilt nach den Worten von Daniela Ludwig, die Menschen vor Lärm zu schützen, die Eingriffe in die Umwelt so gering wie möglich zu halten und den Personen- und Güterverkehr auf der Schiene zukunftsfähig zu machen. „Für mich ist klar: Trassenvorschläge ohne Tunnellösungen – egal, ob östlich oder westlich vom Inn – sind nicht geeignet für eine mögliche Neubaustrecke, auf der Züge möglichst nicht zu sehen und nicht zu hören sein sollen. Sie lösen das Problem nicht und sind den Menschen in der Region nicht zuzumuten. Ich lehne sie strikt ab. Eine weitestgehende Untertunnelung muss deshalb unser Ziel sein.“
Optimierungsbedarf sieht der Landtagsabgeordnete Otto Lederer (Stimmkreis West) in jedem der fünf präsentierten Vorschläge. „Jetzt beginnt die eigentliche Arbeit, die Trassen in den Regionalgruppen zu besprechen und nach und nach in eine feinere Planungsebene zu gelangen.“ Insbesondere die Varianten mit kaum oder wenig Untertunnelung müssten diesbezüglich nachgebessert werden. Und er betont: „Es darf keine Billiglösung werden für unsere Bürger, wir müssen vielmehr nach der bestmöglichen Lösung suchen.“
Besserer Takt für Personennahverkehr
Lederer wie auch Landtagsabgeordneter Stöttner (Stimmkreis Ost) begrüßten zudem die Ankündigung von Bayerns Verkehrsminister Hans Reichhart, den Schienenpersonennahverkehr auf der Bestandsstrecke ausbauen zu wollen. Dazu zählen eine Ausweitung des Halbstundentaktes und eine Anbindung bis in die späten Abendstunden. Als „sehr positiv“ beurteilen Lederer wie auch Stöttner zudem die angekündigten Verbesserungen in Sachen Lärmschutz entlang der Bestandsstrecke. „Solange die Neubaustrecke nicht gebaut ist, muss der Lärmschutz entlang des Bestands vorangetrieben werden“, unterstrich Stöttner gegenüber unserer Zeitung. Des Weiteren fordert auch Stöttner für den Neubau eine Trassenvariante mit möglichst vielen Einhausungen und Untertunnelungen. „Jetzt bleibt abzuwarten, was technisch machbar und welche Lösung auch die beste für die Menschen ist“, so Stöttner.
OB Bauer zufrieden mit Fortschritten
Zufrieden mit den Planungsschritten zeigt sich Rosenheims Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer. „Endlich können wir über konkrete Vorschläge für die weiteren Trassenplanungen seriös diskutieren. Auch wenn es sich bei den vorgestellten Trassen neuerlich erst um Trassenkorridore handeln kann, die im weiteren Planungsverlauf noch verfeinert werden müssen, hat jetzt der Wirrwarr mit hundert möglichen groben Trassenverläufen ein Ende. Ein wesentliches Ziel für die endgültige Trassenfindung muss es sein, dabei auch so viele Tunnellösungen wie möglich zu realisieren“, so die Oberbürgermeisterin.
Nach ihrer Einschätzung herrscht damit auch Klarheit für die Bestandsstrecke München-Rosenheim-Kufstein. „Die Bestandsstrecke kann niemals auf Dauer die alleinige Zulauftrasse auf bayerischer Seite sein, wie von Bürgerinitiativen gefordert. Dennoch werden wegen der Vorlaufzeiten für die weiteren Planungen und dem Streckenneubau bis 2040 oder 2050 die Hauptverkehre zum Brenner über diese Trasse abgewickelt werden müssen. Deshalb hat der Lärmschutz entlang der Bestandsstrecke für die ganze Stadt Rosenheim und ihre Bürger höchste Priorität.“ Entsprechend begrüßte auch Bauer die Zusagen von Scheuer und Reichhart, den Lärmschutz zu verbessern; ebenso die Aussage Reichharts, das Zugangebot für München-Pendler auf der Bestandsstrecke speziell in den Abendstunden weiter zu verstärken.
Groß ist die Bestürzung in den Gemeinden, die von den nun vorgestellten Grobtrassen durchschnitten werden. Eine davon: Riedering. Bürgermeister Josef Häusler sieht sich in seinen Befürchtungen bestätigt und beklagt den „enormen Eingriff in die Natur“. Häusler: „Die einzig verträgliche Variante wäre die größtmögliche Untertunnelung.“
Diese Ansicht teilt auch Raublings Bürgermeister Olaf Kalsperger: „Für das Inntal bis nach Stephanskirchen wäre eine Untertunnelung die beste Lösung.“ Auch wenn natürlich die Bauzeit für Beeinträchtigungen sorgen würde. „Aber danach hätte man eine vernünftige Lösung für die Region.“ Die Raubling betreffenden Varianten sind für ihn keine große Überraschung. Absolutes „Schreckensgespenst“ seien indes die Verknüpfungsstellen, eine davon auf Höhe Reischenhart.
Erleichterung
im Inntal
Erleichterung indes im südlichen Inntal: Hier sind bis weit nach Oberaudorf sämtliche Varianten untertunnelt – sehr zur Freude unter anderem von Hajo Gruber, Bürgermeister von Kiefersfelden. „Wir sind froh, dass die Planung jetzt weitergeht. Wir brauchen dringend einen Neubau“, betont Gruber. Die Abwicklung über die Bestandsstrecke – „mitten durchs Dorf“ – wäre seiner Ansicht nach ein Unmögliches gewesen. Denn in Kiefersfelden sei beinahe täglich die Verkehrsproblematik ersichtlich. „Wir erleben jedes Wochenende, dass der Verkehr viel zu viel ist. Es muss dringend auf die Schiene verlagert werden.“
Erleichtert, dass die Variante Bestandsstrecke vom Tisch ist, äußert sich auch Oberaudorfs Bürgermeister Hubert Wildgruber: „Das wäre für uns keine Option gewesen.“ Seine Hoffnung nun: eine Trasse mit geringstmöglicher Belastung für das Inntal – und das am besten mit größtmöglicher Untertunnelung.
Drei Varianten westlich des Inns – und allesamt würden sie zwischen Bad Aibling und Kolbermoor hindurchführen. Die beiden Bürgermeister, Felix Schwaller (Bad Aibling) und Peter Kloo (Kolbermoor), zeigten sich wenig überrascht über die Ergebnisse – wenn auch nicht glücklich darüber. „Es ist ja nichts Neues, dass die Trasse B15neu in die engere Wahl fallen wird“, so Schwaller. Nun gelte es, die Schutzgüter zu bewerten und die bestmögliche Trasse zu finden. „Schlussendlich wird die Entscheidung vor Gericht fallen, deshalb ist es wichtig, genau zu untersuchen.“
Zwischen Bad Aibling und Kolbermoor
Unbestritten ist sowohl für Schwaller als auch für Bürgermeister Kloo die Notwendigkeit einer Neubaustrecke – wobei sich der Kolbermoorer Rathaus-Chef vom Grundsatz her enttäuscht über die Trassenplanung zeigt: „Meiner Meinung nach ist sie zu kleinteilig gedacht, es müsste der gesamte Großraum bis ins Chemiedreieck und darüber hinaus betrachtet werden“, führt Kloo aus. „Das hier ist und bleibt mobilitätspolitischer Murks.“ Hinsichtlich der konkreten Grobtrassenvorschläge hat Kloo bei den westlichen Varianten zudem große Bedenken wegen der Torf- und Lehmböden. „Die östlichen Trassen würden sich da eher anbieten. Aber das bleibt spannend.“
Enttäuscht äußert sich auch Stephanskirchens Bürgermeister Rainer Auer, dessen Gemeinde von einer Untertunnelung betroffen wäre: „Es ist so gekommen wie befürchtet: Die versprochene Untersuchung der Bestandstrasse war offensichtlich nie ernst gemeint, sondern nur ein beschwichtigender Trick des Ministers. Entsprechend hat man deren Ertüchtigung schnell wieder vom Tisch genommen, obwohl sie sehr wahrscheinlich eine machbare und verhältnismäßig kostengünstige Lösung darstellt. Die prestigeträchtige Beschleunigung der überregionalen Personenzüge auf 230 km/h, künftig wohl an Rosenheim vorbei, ist nicht im Sinne der Region. Wir werden daher weiter auf den Grundsatz ‚Erhalt vor Neubau‘ drängen, wie auch im Bundesverkehrswegeplan genannt wird.“