Schönau/Tuntenhausen – Biker- Romantik oder besser wachsam sein? Darüber gehen die Meinungen auseinander im Fall des Biker-Treffpunkts in Schönau (Gemeinde Tuntenhausen). Denn das aktuell eröffnete Tattoo-Studio in der Ortsmitte des beschaulichen Dorfes wird immerhin mit dem Rocker- und Motorradclub Hells Angels in Verbindung gebracht. Und auf den hat wiederum der Verfassungsschutz ein Auge.
Denn, so viel ist nach den Recherchen des Polizeipräsidiums Oberbayern sicher: In Schönau hat sich eine neue Ortsgruppierung („Charter“) der Hells Angels gegründet, das „Charter Hells Angels Rosenheim“. Grund genug für erhöhte Wachsamkeit, bestätigte Präsidiumssprecher Stefan Sonntag auf Anfrage der OVB-Heimatzeitungen. „Wir haben vor allem die Leute dahinter im Blick, schauen uns ganz genau an, wer da ein und aus geht.“ Und eben deshalb die hohe Polizeipräsenz zuletzt bei der Einweihung des neuen „Clubheims“ am Wochenende.
Blick zurück: Für Aufsehen hatte am Wochenende, wie berichtet, ein anfangs harmlos anmutendes Biker-Sommerfest gesorgt – von dem allerdings die Polizei im Vorfeld Wind bekommen hatte. Offenbar aufgrund der angekündigten Gäste: Hells Angels sollen Schönau an diesem Tag zum Treffpunkt auserkoren haben.
Großaufgebot
der Polizei
Die Polizei reagierte mit entsprechendem Großaufgebot: engmaschige Polizeikontrollen ab Samstagnachmittag auf allen Zufahrtsstraßen nach Schönau – was auch die Einheimischen traf, die oft mehrmals an diesem Tag angehalten wurden. Bis in die Nachtstunden drehten zudem permanent Streifenwagen ihre Runden durch den kleinen Ort.
Ein Großaufgebot, das seinesgleichen sucht, sind sich die Einwohner einig. „Dass da was im Busch ist, war offensichtlich“, beschreibt ein Anwohner die Situation vor Ort – und der angesichts der „prominenten“ Gäste nicht namentlich genannt werden will.
Die Verunsicherung ist seit dem Wochenende groß in Schönau. Was kommt auf den Ort noch zu? Denn dass die Räume oberhalb der Dorfmetzgerei als Treff für Biker genutzt werden und die auch regelmäßig im Juli zum Sommerfest einluden, war bekannt. Und bis zuletzt auch kein Problem. „Die Biker, die bis dahin kamen, waren alle sehr nett und entspannt, kein Vergleich zum letzten Wochenende“, meint ein Anwohner, der die Entwicklung seit geraumer Zeit mit Argusaugen verfolgt.
Rückblick: Anfang Mai hatte der Dorfmetzger seinen Betrieb an den Nagel gehängt – die Türen blieben seitdem verschlossen. Doch vor wenigen Wochen kehrte wieder Betriebsamkeit ein, beobachteten die Schönauer. Und plötzlich prangte ein roter Schriftzug über dem Eingang: offenbar ein Tattoo-Studio. Doch die Zusatzbezeichnung sorgt schnell für Stirnrunzeln und Irritation: „Route 81 Ink“. Für den Kenner klar und eindeutig: Hier besteht eine Verbindung zu den Hells Angels.
„HA 81“: Geheimcode der Hells Angels
Denn: Die Ziffernkombination „81“ steht Experten zufolge bei den Bikern für die Initialen „HA“, also Hells Angels, wobei die „8“ für den achten Buchstaben im Alphabet, das H, steht; die „1“ für Buchstabe Nummer eins, das A.
Und entsprechend oft war die „81“ an diesem Samstag auch ansonsten präsent in Schönau: Nicht wenige Auto- und Motorradkennzeichen – die Besucher kamen aus dem gesamten süddeutschen Raum und darüber hinaus –, waren mit „HA“ und/oder der „81“ vor Ort zu sehen – und sorgten dementsprechend zusätzlich für Unruhe bei den Anwohnern. Die fragen sich nun, was mit dem Tattoo-Studio und dessen Umfeld noch alles auf sie zukommen wird.
Einen ersten Eindruck verschaffen konnte sich derjenige, der vergangenen Samstag einen Blick erhaschen konnte auf die Gesellschaft, die sich auf dem vorsorglich mit Bauzaun und Planen abgeschirmten Gelände tummelte. Oder der mit wachsamen Auge das Kommen und Gehen verfolgte. „Beim Rausgehen wurden schnell die Biker-Jacken auf links gewendet, im Gelände trugen die Besucher ganz offensichtlich ihre Kutten“, berichtet ein Schönauer. Und offenbar stets präsent: die „81“, das „Markenzeichen“ der Hells Angels. In der Öffentlichkeit ist das Tragen der Kutten, der speziellen Biker-Westen der Rocker-Gruppierung, im Übrigen streng verboten.
Während zahlreiche Online-User auf dem Facebook-Auftritt der OVB-Heimatzeitungen die „Aufregung“ in Schönau als übertrieben beurteilen und die Zusammenkunft mit Biker-Romantik und einem geselligen Bier in Verbindung bringen, haben der Bayerische Verfassungsschutz und mit ihm auch die Experten im Polizeipräsidium Rosenheim die Rockergruppe Hells Angels durchaus im Blick.
Im aktuellen Verfassungsschutzbericht werden in Bayern derzeit etwa 1500 Personen der als „polizeilich relevant anzusehenden Rockerszene“ zugerechnet. Wobei die Tendenz laut Verfassungsschutz leicht rückläufig ist (2017: 1600 Personen).
Organisiert sind die Rocker jeweils in Ortsgruppen, den sogenannten Chaptern oder Chartern. Die Hells Angels waren bis dato bayernweit in insgesamt neun Ortsgruppen organisiert, darunter drei im Großraum München, aber auch in Traunstein, im Raum Chiemsee – und in Töging (Kreis Altötting). Neu hinzu kommt nun offenbar das soeben gegründete „Charter Hells Angels Rosenheim“ – womit auch der Verfassungsschutz ein neues Kapitel aufschlagen muss.
In Töging sind die Hells Angels im Übrigen seit Jahren präsent. Sie betreiben dort seit sieben Jahren ein Clubheim. Es liegt nahe dem Industriegebiet, versteckt sich hinter hohen Mauern und hat keine unmittelbaren Nachbarn. Der Club und seine Mitglieder agieren eher im Verborgenen, tauchen praktisch nie bei öffentlichen Veranstaltungen auf.
Diesen Eindruck bestätigt auch Tögings Bürgermeister Dr. Tobias Windhorst (CSU) gegenüber den OVB-Heimatzeitungen: „Aus Sicht der Stadt gestaltet sich das Verhältnis unproblematisch. Beschwerden erreichen uns diesbezüglich nie.“ Das liege auch daran, dass der Club und der Vermieter aus seiner Sicht kein Interesse daran haben, öffentlich für Aufsehen zu sorgen. „In regelmäßigen Abständen finden im Clubheim private Treffen statt, die nicht genehmigungspflichtig sind.“
Identisch fällt das Fazit der Polizei aus. „Rund um das Clubheim in Töging ist es seit Jahren völlig ruhig“, sagt Polizeisprecher Sonntag. Obwohl der Einzugsbereich mit den beiden Chartern „Chiemsee“ und „Southgate“ verhältnismäßig groß sei, gebe es keine Probleme. „Trotzdem haben unsere Experten die Szene im Blick. Das gilt besonders dann, wenn sich neue Strukturen aufbauen wie jetzt in Tuntenhausen.“
Unauffällig ins Dorfleben „integrieren“ will sich offenbar auch der Treff in Schönau: Im Rahmen des Dorffestes, das für diesen Samstag angesetzt ist, lädt das neu eröffnete Tattoo-Studio zum „Tag der offenen Tür“ ein – so erzählen es sich zumindest die Schönauer Bürger.
Dort ist man sowieso gespannt, wie sich die Situation weiterentwickeln wird: Denn immerhin ist der ehemalige Metzger und Vermieter des Biker-Treffs samt Tattoo-Studio zugleich Kommandant der örtlichen Feuerwehr. Ein weiterer Aspekt, der bei dem ein oder anderen Bürger für gewaltiges Stirnrunzeln sorgt.
Tuntenhausens Bürgermeister Georg Weigl, der selbst in Schönau lebt, weiß um die „Riesenverunsicherung“, die in seiner Gemeinde herrscht. „Das ist alles andere als befriedigend, wir müssen sehen, dass wir das alles wieder auf die richtige Bahn bringen.“ Dabei setzt er insbesondere auf die Polizei – und auf die kurzfristig angesetzte Bürgerversammlung für die Schönauer am Mittwoch, 31. Juli, 19 Uhr, in der örtlichen Mehrzweckhalle. Dort hofft er, zusammen mit der Polizei, die ein oder andere Unsicherheit vom Tisch zu bekommen.
Die Rocker und ihr Clubheim wird er möglicherweise nicht so einfach wieder loswerden – „solange sich niemand was zuschulden kommen lässt, belassen wir es bei der Beobachtung“, erklärt Polizeisprecher Sonntag.