Drama: Seil trennt Bub (13) Arm ab

von Redaktion

Badeunfall am Hochstraßer See – Zehnstündige OP verläuft erfolgreich

Raubling – Ein schrecklicher Badeunfall ereignete sich am späten Donnerstagnachmittag am Hochstraßer See (Gemeinde Raubling). Dort hat sich ein 13-jähriger Bub beim Sprung von einem der „Seilbäume“ einen Arm regelrecht abgerissen. Sein Arm hatte sich offenbar im Sprungseil verheddert.

Schwer verletzt wurde er mit dem Hubschrauber in die Haunersche Kinderklinik nach München (LMU Klinikum) geflogen. In einer fast zehnstündigen OP versuchten die Ärzte, den Arm zu retten.

Am Hochstraßer See steht man unter Schock. So auch Wirtin Petra Labus, die dort die Seegaststätte betreibt – und die natürlich wie eine ganze Reihe weiterer Badegäste sogleich zur Stelle war. „Wir waren als Ersthelfer dort“, sagt die Wirtin noch merklich geschockt.

Beim Absprung
im Seil verheddert

Doch wie kam es zu dem tragischen Unglück? Der Junge war, wie an diesem heißen Nachmittag so viele andere Kinder auch, auf einen der „Sprungbäume“, die mit Holztritten ausgestattet sind, geklettert. Beim Sprung mit dem dort angebrachten Seil ins Wasser aus gut fünf Metern Höhe geschah dann das tragische Unglück.

Professor Dr. Riccardo Giunta, Leiter des Hand-Trauma-Zentrums der Abteilung für Handchirurgie, Plastische Chirurgie und Ästhetische Chirurgie am Klinikum der LMU München, erklärt zum Unfallhergang: „Der Junge hat sich wohl mit einem um den Arm geschlungenen Seil auf den See geschwungen, wollte loslassen, aber das Seil hat sich nicht gelöst und durch sein eigenes Körpergewicht ist der Unterarm ausgerissen.“

Der Bub stürzte laut Zeugen schwer verletzt ins Wasser. Zwei seiner Freunde waren nach Informationen unserer Zeitung sofort zur Stelle, zogen den Schwerverletzten aus dem Wasser. Ein dritter Bub hatte den abgetrennten Unterarm geborgen. Mit vereinten Kräften schufen sie dann den schwer verletzten 13-Jährigen den langen Fußweg entlang bis zum Badeplatz.

Nach 10-Stunden-OP:

Arm wieder angenäht

Dort erfolgte die Erstversorgung bis zum Eintreffen von Rettungsdienst und Notarzt. Angesichts der schnellen Hilfeleistung zeigte sich die Einsatzleiterin (Malteser Hilfsdienst) schwer beeindruckt: „Das war eine Klasseleistung der Kameraden des Buben.“

In der Haunerschen Kinderklinik waren die Spezialisten gefragt: „Ein interdisziplinäres Ärzteteam nähte dem Kind in einer fast zehnstündigen Operation den abgerissenen Unterarm wieder an“, schildern die Kinderärzte den weiteren Verlauf.

„Derzeit haben wir eine sehr gute Durchblutung des replantierten Arms. Die rekonstruktive Mikrochirurgie hat eine Wiederherstellung von Nerven- und Gefäßen möglich gemacht“, sagt Prof. Giunta. Die schnelle Replantation war nach Angaben des LMU-Klinikums nur durch das reibungslose Zusammenspiel von Haunerscher Kinderklinik, Unfallchirurgie, Anästhesie und der Hand- und Plastischen Chirurgie am Klinikum der LMU möglich.

Professor warnt
vor Schwingseilen

Angesichts der Bade-Hochsaison schickt Prof. Giunta eine deutliche Warnung hinterher: „Als Handchirurgen warnen wir davor, Schwingseile um Hände oder Arme zu wickeln.“

Weitere Angaben zu dem verunglückten Buben wollte das Polizeipräsidium Oberbayern aus Gründen des Opferschutzes nicht machen. Die Ermittlungen zum Unfallhergang übernimmt nun die Kripo Rosenheim.

Die Freunde des verunglückten Jungen und weitere Ersthelfer wurden noch vor Ort von einem Kriseninterventionsteam betreut. „Auch dieser Teil eines Einsatzes ist sehr wichtig“, erklärte die Einsatzleiterin.

Das schreckliche Unglück überschattet nun das Badevergnügen in der Region – und es stellt sich die Frage nach der Haftung. Denn an unzähligen Badeseen sind Sprungseile an Bäumen angebracht, die zumeist rege genutzt werden. Und das teils schon seit Jahren.

Erschüttert über das Unglück zeigt sich Raublings Bürgermeister Olaf Kalsperger. Allerdings handelt es sich weder bei der Liegewiese noch bei den weiteren Uferflächen um Gemeindegrund. „Der gesamte See ist in Privateigentum“, erklärte Kalsperger. Beim Hochstraßer See handle es sich um einen ehemaligen Baggersee mit verschiedenen Eigentümern. Dennoch hat Kalsperger das Thema Haftung auf dem Schirm und will die Rechtslage aus Sicht der Gemeinde klären lassen. Auch im Hinblick auf die weiteren Raublinger Badeseen und -bereiche am Happinger See (Pfraundorf) und am Reischenharter See. „Bis dato bin ich allerdings der Meinung, dass in diesem Fall nicht die Gemeinde für die Sicherheit der Badegäste verantwortlich ist.“

Der Unfall am Hochstraßer See ist im Übrigen kein Einzelfall: Ein ähnlich schweres Unglück hatte sich zuletzt Anfang Juli in Paderborn ereignet. Dort wurde einem 24-Jährigen beim Sprung von einem Baum ins Wasser ein Arm abgerissen.

Experte Dr. Christian Kindler über Chancen und Heilungsverlauf

Das tragische Unglück am Hochstraßer See bewegt die Region. Doch wie steht es um die Chancen des 13-jährigen Buben, seinen Arm jemals wieder verwenden zu können?

Wir haben dazu mit einem Experten gesprochen, Dr. Christian Kindler (Foto), Oberarzt am Zentrum für Hand- und Ellenbogenchirurgie, Mikrochirurgie und Plastische Chirurgie der Schön Klinik München-Harlaching (Schön-Gruppe Prien): „Im Prinzip kann man sagen, je jünger der Patient ist, desto besser ist es um die Regeneration bestellt.“ Grundsätzlich müssten erst die Knochen, dann die Blutgefäße, Nerven und Sehnen genäht und somit wieder verbunden werden.

Entscheidend für den weiteren Heilungsverlauf ist laut Kindler zudem, wie das jeweilige Körperteil abgetrennt wurde. „Wenn messerscharf, stehen die Chancen besser, wenn allerdings die Nerven relativ langstreckig geschädigt sind, kann es schwieriger werden.“

Erstes wichtiges Ziel: „Dass der Arm überlebt und die Blutgefäße Anschluss finden.“

Diesbezüglich scheint der 13-Jährige Glück zu haben. Denn wie die Ärzte aus der Haunerschen Kinderklinik vermelden, ist die Durchblutung des Arms wiederhergestellt – nach zehnstündiger OP.

Nächster wichtiger Schritt ist nun nach den Worten von Kindler, dass sich die Nerven und Muskeln regenerieren. Und dass sie wieder ihre Funktion übernehmen. „Zumindest eine Teilfunktion“, schränkt der Oberarzt ein. Es bestünde durchaus die Chance, dass der Patient wieder eine „einigermaßen gute Funktion des Armes“ bekommt. „Eine Teilkraft und ein Teilgefühl“, beschreibt es Kindler. Damit verbunden sei aber in jedem Fall eine langwierige Reha.Interview: Rosi Gantner

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