Wildschweine wittern Bergluft

von Redaktion

Eine Gams, ein Hirsch, mit viel Glück mal ein Steinbock: Das würde man in den Bergen hoch über Oberaudorf erwarten. Aber kein Wildschwein. Doch genau die sind inzwischen dort anzutreffen. Jäger und Bauern sind alarmiert. Und es stellt sich die Frage: Woher kommen sie?

Oberaudorf – Drei Tage lang war Sepp Hoheneder in den Gebirgswäldern rund um den Bichler See in Lauerstellung. Dann lief er ihm direkt vor die Büchse: ein junger Keiler, stattliche 45 Kilogramm schwer.

Seelenruhig zog er über eine Wiese, rundherum einzelne Bauernhöfe. Und das auch noch bei bestem Licht. 21 Uhr war es an diesem Sommerabend erst und damit noch so gut wie taghell. Sepp Hoheneder, der Berufsjäger, musste nur anvisieren – und abdrücken. Schon hatte er den Keiler erlegt.

Irrläufer oder

Rückzug in die Höhe?

Einer von vielen in seinem schon langen Berufsleben – doch für die Region rund um Oberaudorf durchaus etwas Besonderes: Ein Wildschwein unterwegs in den Höhenlagen oberhalb des Inntals. In diesem Fall auf rund 800 Höhenmetern. „Außergewöhnlich, in der Tat“, bekennt auch der Jagdexperte, der immerhin seit 1974 im Revier in Niederaudorf tätig ist.

Weitere Besonderheit: Das Tier war bei Helligkeit unterwegs, fühlte sich offenbar völlig sicher. „Eigentlich sind Wildschweine wegen uns Jägern durch die rigorose Verfolgung zu reinen Nachttieren gemacht worden“, wundert sich der Jagd-Experte.

Zuvor war Hoheneder ein einziges Mal in seinen Heimatgefilden auf ein Wildschwein gestoßen, 2016 war das. Ein Einzelfall.

Und jetzt: Wieder nur ein Irrläufer? Oder breitet sich Schwarzwild in die Berghöhen aus, um dem wachsenden Druck in der Ebene zu entgehen?

Schließlich wurde ganz aktuell ein weiteres Wildschwein in den Bergen hoch über Kiefersfelden erlegt. Ein Keiler. Am Nußlberg, weiß Hoheneder.

Und dann halten sich da noch Gerüchte über eine Sichtung: Eine Bache mit fünf Frischlingen soll im Bereich der Steilen-Alm, gelegen auf gut 1300 Metern westlich des Brünnstein-Hauses, gesehen worden sein. Gerüchte, denen Sepp Hoheneder durchaus Glauben schenkt. „Der Bergsteiger, der die Bache und ihre Frischlinge entdeckt hat, ist durchaus ernst zu nehmen“, so seine Einschätzung.

Also Schwarzwild auf dem Vormarsch im Gebirge? Sepp Hoheneder (72) ist immer noch unschlüssig. Vielleicht befanden sich die Tiere nur auf dem Durchzug in Richtung Tirol. Dort soll es größere Vorkommen geben. Doch gleichzeitig ist er auch alarmiert. Das war er auch, als ihn ganz aktuell die Bauern vom Bichler See riefen. Als Profi wusste er sogleich: Ist ein Wildschwein unterwegs, ist Handlungsbedarf gefragt. „Gegen eine Wildsau muss man schnell sein, wenn man das übersieht, ist der Teufel los“, betont er.

Schaden kann

immens sein

Denn der Schaden, den Schwarzwild anrichtet, kann immens sein. Aktuell war viel Glück für alle Beteiligten dabei: Der Keiler konnte schnell erlegt werden. Der Schaden hielt sich in Grenzen.

Keinesfalls mehr in Grenzen halten sich die Schäden im Alpenvorland. Insbesondere der Maxlrainer Forst, aber auch die großflächigen Waldbestände von Hohenthann im Westen über Schonstett bis nach Amerang und Halfing haben sich in den vergangenen Jahren offenbar zu Schwarzwild-Hochburgen entwickelt. Und treiben dort so manchen Bauern in die Verzweiflung. „Denn wenn sich erst einmal Rotten bilden, ist man auf verlorenem Posten“, weiß Hoheneder aus Erfahrung.

„Die Vermehrung der Wildschweine ist ein großes Problem“, bestätigt Wolfgang Aniser, Leiter des Hegerings Maxlrain. Einen Grund für das Ausbreiten des Schwarzwilds im Alpenvorraum sieht er in den sich verändernden Klimabedingungen: Die Tiere würden durch Schneelagen und Frost nicht mehr so dezimiert wie in früheren Jahren. Einen weiteren Beitrag leiste der zunehmende Maisanbau. „Das ist ebenfalls nicht dienlich, die Tiere sind damit gestärkt durch einen Überhang an Nahrung.“

In den schwer betroffenen Regionen will man nun mit technischer Unterstützung dem Schwarzwild zu Leibe rücken. Zehn Anträge auf spezielle Nachtzielhilfen liegen dazu der zuständigen Behörde im Landratsamt Rosenheim bereits vor. Über sie wie auch über einen Antrag auf „Saufang“ – eine Art Käfig, in den Wildschweine gelockt werden – soll in naher Zukunft entschieden werden.

Dringenden Handlungsbedarf für die extrem betroffenen Bereiche sieht Sepp Bodmaier, Kreisobmann im Bayerischen Bauernverband. Denn auch er weiß: Die Flurschäden für die Landwirte sind groß. Mal sind Maisfelder betroffen, mal Wiesen und Äcker, die bei der Nahrungssuche verwüstet werden. „Da kommen schnell 1000, 2000 Euro Schaden zusammen, ganz abgesehen vor der Arbeit, die man damit hat“, erklärt er auf Anfrage der OVB-Heimatzeitungen.

Schwarzwild, bestätigt er, wird im Raum Rosenheim zunehmend zum Problem. „Hier herrscht Gesprächsbedarf, auch was Hilfsmittel bei der Jagd angeht“, ist er überzeugt. „Die brauchen wir unbedingt.“

Dauerhaft zu ungemütlich

Während unten sprichwörtlich der Teufel los ist, sucht die ein oder andere Sau offenbar Erholung in den Bergen. Diese Einschätzung vertritt zumindest Christian Pölt, Leiter der Jagdbehörde im Landratsamt Miesbach, dessen „Revier“ mit Bayrischzell und Sudelfeld an die Oberaudorfer Bergregion angrenzt. „Schwarzwild braucht Ruhe und Feuchtigkeit“, erklärt er weiter. „Ich kann mir schon vorstellen, dass die Tiere, wenn es lange trocken ist, in die Höhe gehen.“ Diese Erfahrung habe man auch im Kreis Miesbach gemacht. „Das ist nicht ungewöhnlich“, sagt Pölt.

Dass sich Wildschweine dauerhaft in den Höhenlagen ansiedeln, damit rechnet Pölt nicht. „Dazu sind die Winter zu ungemütlich in den Bergen.“ Insbesondere die Frischlinge bräuchten es möglichst trocken und warm. „Ist es zu kalt und nass, gehen sie ein.“

Prävention: Afrikanische Schweinepest

Die Wildschweinjagd in der Region Rosenheim hat neben den beträchtlichen Flurschäden, die Schwarzwild verursacht, einen weiteren Aspekt: als Prävention zur Afrikanischen Schweinepest (ASP). Bei der ASP handelt es sich um eine für den Menschen ungefährliche, anzeigepflichtige Tierseuche, von der laut dem Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit Haus- und Wildschweine betroffen sind. Einem Ausbruch in der Region will man möglichst vorbeugen. „Weil Wildschweine klug und nur schwer zu jagen sind, entschädigt der Landkreis Rosenheim den Aufwand der Jäger mit 100 Euro pro erlegtem Tier“, erklärt Behördensprecher Michael Fischer auf Anfrage der OVB-Heimatzeitungen.

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