Die endlose Suche nach Antworten

von Redaktion

Plötzlich sind sie weg. Tauchen nie wieder auf. Für Angehörige beginnt eine Leidenszeit, für die Polizei eine schwierige Ermittlungsarbeit. Das Polizeipräsidium Oberbayern Süd untersucht jährlich 1500 Vermisstenfälle.

Rosenheim – Der heutige Internationale Tag der Verschwundenen soll an all die Menschen erinnern, die zu einem „Fall“ geworden sind. Die sich scheinbar in Luft aufgelöst haben. Deren ungewisses Schicksal die Angehörigen aus der Bahn wirft. Es ist unglaublich, wie viele Menschen pro Jahr allein in Bayern verschwinden: 2018 betrug die Gesamtzahl der Vermissten 11087. Davon waren 283 Kinder und 3137 Jugendliche sowie 2665 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.

Körper des Mannes wurde nie gefunden

Diese Zahlen nannte das Landeskriminalamt (LKA) in München auf Anfrage der OVB-Heimatzeitungen. Der älteste Fall datiert von 1962. Ein damals 49-Jähriger verschwand in München spurlos. Der Mann wäre heute 106. Sein Körper wurde nie gefunden, er gilt als „ungeklärter Fall“ – und damit wird seine Akte auch nicht endgültig geschlossen.

Im südlichen Oberbayern verschwinden jährlich etwa 1500 Menschen. „Fast alle Fälle lösen sich, bis auf etwa ein Dutzend“, sagt Stefan Sonntag, Sprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd in Rosenheim.

Der Taucher-Fall

verrät Unglaubliches

So auch der Fall eines kürzlich vermissten Tauchers im Walchensee bei Kochel. Die Suche war zunächst ergebnislos, ein Taucherkollege fand dann seine Leiche. Damit wurde aus dem Vermissten- ein Todesfall.

Das Geschehen zeigt zweierlei: Den enormen Arbeits- und Zeitaufwand, den die Polizei bei einem Vermisstenfall betreiben muss. „Oft suchen wir mit Hundertschaften, mit Rettungshundestaffeln, mit Hubschraubern, mithilfe der Bergwacht – unser wichtiger Seniorpartner in den Bergen – und auch mit Drohnen, die wir von der Grenzpolizei anfordern“, erläutert Sonntag. Allein in der vorletzten Woche gab es für Oberbayern Süd 50 Fälle, die in der Einsatzzentrale als vermisst eingingen.

Strohhalm Hoffnung nach neun Jahren

Der Fall des Tauchers belegt auch, dass für die Familie die Gewissheit über das Schicksal ihres Angehörigen und sein Auffinden lebenswichtig ist – „um Abschied zu nehmen und trauern zu können“, weiß Sonntag aus langjähriger Erfahrung.

Wie sehr zudem der Strohhalm „Hoffnung“ eine Rolle spielt, auch nach neun Jahren, wird bei Christopher James Miles deutlich. Der damals 28-jährige Brite lebt in Maishofen in Österreich und fährt am 31. Juli 2010 mit einem Kleinbus von Saalfelden nach Ruhpolding. Er liefert dort Hotelgäste ab. Danach ist er wie vom Erdboden verschluckt. Sämtliche Fahndungen und Aufrufe durch Polizei und Familie bleiben ergebnislos.

Eine Aktenzeichen-XY-Sendung 2015 brachte 73 Hinweise. „Zeugen sahen ihn in Bottrop, in Prag und in Übersee im Strandbad“, so Sonntag. Jede Angabe überprüfte die Polizei – Fehlanzeige. Der Fall „Miles“ ist der älteste im Präsidium in Rosenheim. Während der neun Jahre Sucharbeit ist der Kontakt zwischen Sachbearbeiterin und Familie auch persönlicher, geworden. Vor einigen Tagen noch meldete sich der Vater bei ihr mit der Bitte: „Wenn sich in dem Fall etwas tut, sagen Sie es.“ Beigefügt war die neue E-Mail-Adresse, er lebt jetzt in Australien. Eins kann die Polizei aber inzwischen ausschließen: Christopher James Miles fiel keinem Verbrechen zum Opfer. Mehr wollte Sonntag dazu nicht sagen.

Die Geschichte

eines Aussteigers

Warum verschwinden Menschen? Die Gründe sind vielschichtig: verzweifelt, des Lebens überdrüssig, aussteigen und irgendwo neu beginnen – wie der Fall eines Mannes aus Neufahrn. Er verschwand Anfang Juli. Die Suche endete am Chiemsee: Der Mann tauchte unversehrt wieder auf und freute sich seines Lebens. Er wollte nur ein anderes. Indes stellen sich viele Fälle nach Angaben von Sonntag am Ende als Suizid heraus.

Rosenheim: Im Jahr 400 Vermisstenfälle

In Stadt und Landkreis Rosenheim bearbeitet die Polizei 400 Vermisstenfälle im Jahr. Auch hier, wie insgesamt in Oberbayern Süd, waren von 2015 an viele unbegleitete minderjährige Flüchtlinge darunter. Sie liefen dem Polizeisprecher zufolge aus Jugendeinrichtungen weg, weil sie in andere Länder wollten, und gelten, da unauffindbar, als vermisst. Ihre Zahl ist nicht verifizierbar, aber: „Es hat mittlerweile spürbar nachgelassen.“

Je jünger ein Kind, desto kritischer

Krimis vermitteln den Eindruck, dass Ermittler bei verschwundenen Erwachsenen erst nach 24 Stunden tätig werden. „Stimmt nicht“, sagt Polizeihauptkommissar Sonntag. Der Einzelfall entscheide. Verdächtig sei es, wenn der Erwachsene seinen gewohnten Lebenskreis verlässt und niemand weiß, wieso und warum. Es gibt allerdings einen Unterschied zu verschwundenen Minderjährigen: Erwachsene können grundsätzlich tun, was sie wollen.

Anders bei Kindern. „Je jünger, desto kritischer“, betont Sonntag. Eine Sisyphusarbeit beginnt für die Beamten. Schul- oder Familienprobleme? Verquatscht? Mit zum Freund gegangen? Unfall? Alles wird in Zusammenarbeit mit der Familie abgeklappert. Das Ausschlussverfahren hilft.

„Zum Glück“, sagt Sonntag, „haben wir in Oberbayern Süd kein vermisstes Kind.“ Und wenn der Fall bei Familien eintritt: Sofort bei der Polizei melden, keine Zeit verlieren. Sollten Betroffene und Freunde in einem derartigen Fall dann in sozialen Netzwerken eigene Suchaufrufe starten?

„Wenn, dann in Abstimmung mit der Polizei“, rät der Sprecher. Manches könne aus Unwissenheit womöglich kontraproduktiv sein.

Die Polizei Oberbayern Süd „postet“ und „twittert“ ihrerseits seit 2015 und baut damit auf Mithilfe der Öffentlichkeit. Zu den Fahndungsmethoden gehört die öffentliche Fahndung mit Foto. Die Erlaubnis dazu gibt ein Richter, sofern es sich um einen Verschwundenen mit Straftat handelt. Wird jemand vermisst und es geht um Leib und Leben, entscheidet der Einsatzleiter der Polizei, ob öffentlich gefahndet wird und wie. Hat sich der Fall erledigt, löscht die Polizei Wort und Bild im Internet und fordert dazu auch die Medien auf.

Der heutige Gedenktag umfasst alle Facetten des Verschwundenseins – auch erzwungenes, also das „Verschwindenlassen“, etwa aus politischen Gründen und meint: Entführung, Freiheitsberaubung. Verschwindenlassen ist laut Völkerrecht eins der schwerwiegendsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Im Lateinamerika der 70er- und 80er-Jahre verschwanden Hunderttausende. So geht der Internationale Tag der Verschwundenen auf die Initiative der Federación Latinoamericana de Asociaciones de Familiares de Detenidos-Desaparecidos (die Verschwundenen) zurück, 1981 in Costa Rica gegründet.

Das Schicksal des 19-jährigen Frasdorfers

Schicksale, die Schlagzeilen machten, kommen zudem vom Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes. Noch 74 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges wollen Tausende Menschen Klärung, was mit ihren Lieben geschehen ist. Im ersten Halbjahr 2019 gingen 4778 Anfragen ein. „Wir rechnen mit nahezu 9000 Anfragen im gesamten Jahr. 2018 waren es 8939 Fälle“, sagt DRK-Präsidentin Gerda Hasselfeldt zum Internationalen Tag der Verschwundenen.

Heinrich Rehberg aus Frasdorf war bis 2014 Leiter des DRK-Suchdienstes in München. Er erinnert an den Fall des Frasdorfers Max Lindner. Dessen letztes Lebenszeichen: 1944 aus der Gegend um Kischinew in Russland. Trotz intensiver Nachforschung bleibt das Schicksal des 19-Jährigen bis heute ungeklärt.

Leicht rückläufig seien dagegen die Anfragen bei der internationalen Suche nach Menschen, die durch aktuelle bewaffnete Konflikte, Katastrophen, Flucht oder Migration getrennt wurden. Im ersten Halbjahr 2019 gab es hierzu 1034 neue Anfragen, 2018 waren es 2291. Das Problem: Die Sucher haben keine Infos, in welchem Land sich ihre Angehörigen aufhalten.

Viele versuchen daher, online nach Vermissten zu suchen. „Trace the Face“ (www.tracetheface.com.) ist eine derartiges weltweites Angebot. 27308 Suchende und Gesuchte hatten sich daran von 2013 bis 2018 weltweit beteiligt, 7532 Personen konnte der Suchdienst erfassen. Bis Mitte Juli 2019 gab es 161 Erfolgsgeschichten.

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