Samerberg – Entenfahrer sind einfach anders. Während man viele Oldtimerbesitzer bei schlechtem Wetter vielleicht in ihrer Garage, aber kaum noch auf der Straße trifft, lassen sich Entenpiloten von nichts und von Regen schon gar nicht abhalten. Nicht jedenfalls, wenn das Ziel ein Ententreffen ist: Über 90 Teilnehmer kamen am Samstag zu der Veranstaltung beim Entenwirt am Samerberg (wir berichteten).
Landkarte in
der Heckscheibe
Zum Ratschen und Erzählen gab es auch diesmal viel. Da war zum Beispiel Thomas Schadeck aus Bad Aibling, der in die Heckscheibe seiner Kastenente eine Karte geklebt hatte, auf der blaue Striche eingezeichnet waren, die von England aus in die Mongolei führten. Bei anderen Autobesitzern hätte man vielleicht an erhebliche Hochstapelei gedacht – doch Schadeck übertreibt nicht.
Auf eigene Faust durch die Mongolei
Die Reise zog er in einer Etappe durch – und das innerhalb von zwei Monaten, als Teil einer Rallye eines englischen Veranstalters. Wobei der Ausdruck Rallye, wie sich im Gespräch zeigt, einen falschen Eindruck erweckt. Kein Fahren im gesicherten Pulk, sondern alleine, auf eigene Faust. Dazwischen nur alle paar Tausend Kilometer ein gemeinsamer Treffpunkt.
Nur einmal hatte die Ente leichte Probleme. Auf den letzten Metern vor einer Pass-Steigung in 4500 Metern Höhe in Tadschikistan. Da, so erzählt Thomas Schadeck, sei selbst ihr die Luft etwas knapp geworden.
Geschafft hat er den Pass trotzdem. Er und sein Copilot legten die letzten Meter einfach rückwärtsfahrend zurück, weil der Rückwärtsgang noch ein gutes Stück niedriger übersetzt ist als der erste Vorwärtsgang. „Auf den Trichter, so Thomas Schadeck, „kam ich allerdings erst, nachdem ich dummerweise geglaubt hatte, ich könnte in dieser Höhe durch Schieben etwas nachhelfen: Das hat keine 20 Meter gebraucht, dann lag ich wie ein Käfer nach Luft schnappend auf dem Rücken“.
Nicht ganz soweit unterwegs waren Carolin und Marc Schmidt mit ihrer Ente, denn ihre Tour führte nur bis Südfrankreich. Die Geschichte dahinter ist aber trotzdem erzählenswert. Über lange Jahre, so Carolin Schmidt, habe ihr Mann ihr immer wieder von einem Kindheitserlebnis erzählt: Zusammen mit den Eltern und drei Geschwistern – also zu sechst – in den Sommerferien über Italien an die Cote d‘ Azur.
Überraschung
zum 50. Geburtstag
Es muss ein Schwärmen wie von einem verloren gegangenen Stück Paradies gewesen sein. Denn als Marc Schmidt im vergangenen Jahr seinen 50. Geburtstag feierte, bekam er als absolutes Überraschungsgeschenk: eine Ente. Mit der haben die beiden dann dieses Jahr im Frühsommer das Jugenderlebnis noch einmal „nacherfahren“. Und es muss, bei dem Strahlen, mit dem Marc Schmidt davon erzählt, mindestens genau so schön gewesen sein wie damals.
Auf Ententreffen tummeln sich aber nicht nur Entenbesitzer, sondern auch Leute, die schon immer gerne eine gehabt hätten, aber – zumindest bislang – noch nicht zu einer gekommen sind. Oder aber solche, die einmal eine hatten und dieses Fahrzeug ihr ganzes Leben lang nicht mehr vergessen konnten.
Wie zum Beispiel Ferdinand Leopoldseder, heute 85 Jahre alt. Auf die Ente stieß er, als er als ganz junger Mann Anfang der 60er-Jahre auf einer Motorradreise durchs Elsass hinter einem Fahrzeug herfuhr, dessen Typ ihm bis dahin unbekannt war. Sofort aufgefallen aber war ihm die Tatsache, dass dieses Ding offenbar völlig unbeeindruckt über die miserable Straße zu schweben schien, während er auf seinem Zweirad Mühe hatte, hinterherzukommen. Auf einem Rastplatz, an dem das geheimnisvolle Fahrzeug anhielt, war der Typ erfragt. Und zurück in Rosenheim die Ente auch schon bestellt.
Auch wenn es beim Samerberger Ententreffen, wie alle Teilnehmer immer wieder besonders hervorheben, in erster Linie ums Zusammensein, ums Fachsimpeln und eben auch ums Austauschen solcher Geschichten geht und keineswegs um Rekorde oder Höchstleistungen: Wissen möchte man schon, wer das älteste Modell hat und die weiteste Anreise.
Die älteste Ente war mit Baujahr 73 heuer das Gefährt von Schadeck. Also genau die, die schon die Reise in die Mongolei hinter sich hat und die, wenn sich die Planungen ihres Besitzers erfüllen, irgendwann in naher Zukunft diese Reise noch einmal machen wird. Dann aber nur als Etappe: Denn von der Mongolei aus soll es weiter nach Alaska und dann die Pan Americana entlanggehen.
Geplant: Von
Russland nach Alaska
Als größte Hürde sieht Schadeck neben dem Jahr Auszeit, das er hierfür von seinem Job als Programmierer braucht, die Frage nach einer Überfahrtsmöglichkeit von Russland nach Alaska. Bei allen anderen Organisationsfragen wird nach dem Motto „Schau mer mal, dann seng ma scho“ gehandelt.
Durchaus ein Erfolgskonzept, wie Thomas Schadeck meint. Denn bis zu seinem großen Ententrip habe er zu dem Typ Autofahrer gehört, die die Motorhaube öffnen und sich sagen: „Motor ist da. Waschwasserbehälter auch. Die anderen Teile kenn ich nicht, sind aber auch da. Kann also losgehen.“
Däne hatte die
weiteste Anfahrt
Die weiteste Anfahrt hatte auch heuer Raimo Jensen aus Dänemark. Vergangenes Jahr zum ersten Mal dabei, hatte es ihm damals beim Samerberger Treffen so gut gefallen, dass er wieder die gut 1200 Kilometer einfacher Strecke auf sich nahm. Allerdings verzichtete er in der für Entenfahrer durchaus typischen Bescheidenheit auf eine Auszeichnung. Jensen: „Schließlich bin ich Wiederholungstäter.“
Diese Auszeichnung ging dafür an Ronald Möller aus Sundern im Sauerland. Und der brachte das Faszinosum Ente noch einmal auf den Punkt: „Sobald ich hinter dem Steuer sitze, fang ich einfach an zu grinsen. Und alle die, die mir begegnen, lächeln auch.“