Rettungstaten in Gefahr

von Redaktion

Blaulicht an, Martinshorn an – und doch knallt es zwischen Pkw und Motorrad mitten in Raubling. Besonders schlimm: Der Sanitäter auf dem Krad ist im Einsatz zur Autobahn. Er erleidet Rippenbrüche. Das Krad ist schrottreif – damit ist die Rettungsarbeit des BRK gefährdet.

Rosenheim – „Wir sind die Kindermädchen für alles auf der Bundesautobahn“, sagt Gerhard Hintermeier augenzwinkernd über seine Tätigkeit und die seiner fünf Mitstreiter. Das Sextett arbeitet wechselweise und ehrenamtlich an den Wochenenden als Motorradstreife für das BRK.

Sechs Männer auf „fliegendem“ Krad

Ob relativer Jungspund oder Senior – wie der verunfallte Fahrer mit 65 und Hintermeier mit seinen 62 Jahren – die Männer zwischen 30 und Rentenalter aus dem ganzen Landkreis beherrschen alle die einzig zur Verfügung stehende 1200 RT BMW aus dem Effeff. Dass das Motorrad des BRK jetzt nur noch zum Ausschlachten taugt, hängt mit einem Unfall zusammen. Genauer gesagt: Mit zweien.

Der 65-jährige Fahrer und Rettungssanitäter befindet sich in Raubling, als er von der Leitstelle zu einem Unfall auf der Autobahn bei Irschenberg beordert wird. Ein normaler Vorgang. Die Motorradstreife des BRK-Kreisverbandes Rosenheim ist vor allem in der Ferienzeit auf der Autobahn unterwegs (Pfingsten bis Ende September).

Alle stoppen, bis

auf einen: Es knallt

Die sechs Mitglieder des Fachdienstes übernehmen dabei die Erste Hilfe in Notfällen, unterstützen den Katastrophenschutz, hin und wieder auch die Polizei, wirken als Staubetreuer und Verkehrslenker und kümmern sich um Reisende. „Zum Beispiel um bewusstlose Personen in Reisebussen, weil sie einen Kreislaufkollaps hatten, oder einen Herzinfarkt“, sagt Fachdienstführer Hintermeier. Deshalb ist das Krad auch mit einem AED ausgestattet – einem automatisierten externen Defibrillator.

Mitten in Raubling passiert es

„Helfer vor Ort“ wollte auch der 65-jährige Rettungssanitäter sein. Mit Einsatzhorn und Blaulicht fuhr er auf dem Motorrad mitten durch Raubling. Auf Höhe einer Tankstelle passierte es: Den Stopp anderer Fahrzeuge hatte offenbar ein Autofahrer falsch gedeutet und lenkte seinen Pkw vom Tankstellengelände auf die Straße. Es kam zur Kollision mit dem Motorrad. Noch glimpflich mit einigen Rippenbrüchen kam der Fahrer davon, das Krad hatte Totalschaden.

13 Jahre alt ist es nach Angaben von BRK-Kreisgeschäftsführer Martin Schmidt. Gehegt, gepflegt und gewartet wie ein Augapfel. Es sollte noch einige Jahre seinen Dienst tun. Aus und vorbei, die Versicherung zahlt lediglich den Zeitwert. Etwa 5000 Euro. Aber die reduzieren sich, denn zum Ausschlachten wird das Motorrad verkauft und diesen Betrag rechnet die Versicherung an. „Übrig bleiben circa 2500 Euro“, erläutert Schmidt.

Ein neues Einsatzfahrzeug kostet ihm zufolge inklusive Umbau wie Blaulicht und Sondersignal rund 29900 Euro. Geld, das der Kreisverband nicht hat. „Wir brauchen jetzt selbst Unterstützung“, sagt Schmidt und hofft auf Spender, die bei der Neuanschaffung eines Motorrades mitwirken wollen (Spendenkonto: DE33 7115 0000 0000 0110 56, Verwendungszweck Motorradstreife).

Die Rettungssanitäter oder Rettungsassistenten (ab 2024 verpflichtend: Notfallsanitäter mit dreijähriger Berufsausbildung) der Motorradstreife haben für ihr Ehrenamt daheim großen Beistand. „Ohne das geht es nicht“, betont Hintermeier und begründet seine Affinität zum BRK und sein Engagement seit über 36 Jahren mit einem Beispiel.

Ein älteres Ehepaar verunglückte am Bernauer Berg bei Prien mit seinem Motorrad. Hintermeier war zur Stelle, der Mann kam in die Klinik, die verzweifelte Ehefrau begleitete er bis zu deren Wohnung.

Wenige Monate danach auf dem Rosenheimer Herbstfest tönt es Hintermeier entgegen: „Da ist mein Lebensretter“ – es war das Ehepaar. „Klar“, sagt Hintermeier, „wer macht schon aus dem im Staustehen ein Hobby, so wie wir. Aber es sind diese Gesten, die uns immer wieder neu motivieren.“

Bei Staus auf der Autobahn trifft die Motorradstreife in 70 Prozent aller Fälle noch vor dem Rettungsdienst am Unfallort ein und leitet die ersten Hilfsmaßnahmen ein. Im Jahr 2018 legte sie von Mai bis September 7800 Kilometer zurück und half bei insgesamt 45 Unfällen mit 24 zum Teil schwer verletzten Menschen.

Ein lebenswichtiges Utensil „retteten“ die sechs Männer aus dem zerstörten Krad und bauten es an den Wochenenden in ein Leihkrad ein: Die digitale Funkanlage. Das Krad vermittelte eine niederbayerische Firma, um das Vakuum im Rettungsdienst zu füllen. Es ist bereits 16 Jahre alt.

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