Söchtenau – Für rund 600 Zugreisende ist das Wochenende alles andere als entspannt zu Ende gegangen. Der Meridian M79038 blieb Sonntagabend zwischen Bad Endorf und Rosenheim liegen. Es dauerte Stunden, bis die Fahrgäste in einen anderen Zug umsteigen konnten. Der Vorfall hätte deutlich schlimmer enden können.
Als Benjamin Hahn um 23.15 Uhr endlich zu Hause in Vaterstetten (Landkreis Ebersberg) ankam, hatte er den entspannten Nachmittag mit seinem besten Freund in Salzburg schon fast vergessen. Denn die Heimfahrt im Meridian war alles andere als entspannt – und sie dauerte sechs Stunden.
Der Zug war bereits ziemlich voll, als Benjamin Hahn in Salzburg einstieg. Bei Krottenmühl, zwischen Bad Endorf und Rosenheim blieb der M79038 liegen. „Es gab eine Durchsage, dass es sich um eine technische Störung handelt“, berichtet Hahn. Dann kam lange nichts mehr – und es ging auch nichts voran. Neben dem 34-Jährigen saß ein kleines Mädchen, dass irgendwann dringend auf die Toilette musste. Doch alle WCs im Zug waren außer Betrieb. „Das Mädchen begann zu weinen“, erzählt Hahn weiter.
Eine Bahnmitarbeiterin, die privat mit dem Meridian unterwegs war, griff ein, berichtet er weiter. Sie öffnete eine der Toiletten für das Mädchen und schraubte auch ein verriegeltes Kippfenster auf, als die Luft immer schlechter wurde. „Außerdem redete sie beruhigend auf die Fahrgäste ein und übersetzte für eine Gruppe amerikanischer Touristen“, berichtet Hahn. „Denn die Durchsagen kamen nur auf Deutsch.“
Sehr viele Durchsagen habe es allerdings nicht gegeben, sagt er. Nach etwa einer Dreiviertelstunde habe der Lokführer angekündigt, dass ein weiterer Meridian geschickt werde, in den die Fahrgäste in einer halben Stunde umsteigen könnten. Doch bis der Zug tatsächlich eintraf, verging noch einmal etwa eine Stunde – und nur die Hälfte der Fahrgäste konnte dann auch mitfahren. „Denn der zweite Zug kam aus Salzburg und war ebenfalls bereits ziemlich voll“, sagt Hahn.
Und zu diesem Zeitpunkt sei die Stimmung unter den Fahrgästen nicht mehr sehr entspannt gewesen. „Das Krisenmanagement der Bahn hat wirklich überhaupt nicht funktioniert“, ärgert sich der 34-Jährige.
Darüber kann auch ein Fahrgast aus Rosenheim nur den Kopf schütteln. Er berichtet von Szenen, die extrem gefährlich waren. „Als nach der Ankündigung, dass ein Ersatzzug geschickt wird, ewig nichts passierte und auch keine Durchsagen mehr kamen, haben einige Fahrgäste den Notknopf an den Türen gedrückt, um auszusteigen“, erzählt er. Zu diesem Zeitpunkt war es bereits dunkel, auf dem nebenstehenden Gleis fuhren Züge. 40 bis 50 Fahrgäste stiegen einfach aus, erzählt er. „Das war enorm gefährlich“, betont der Rosenheimer.
In dem Teil des Zuges, in dem er saß, seien die Fahrgäste nach zwei Stunden mehr als nervös geworden, berichtet er. „Es wusste ja keiner, was los ist.“ Irgendwann habe eine Frau nach einem Arzt gerufen, weil ihr schlecht wurde. Auch in diesem Waggon sorgten eine Bundespolizistin und ein Bundeswehrsoldat, die privat unterwegs waren, dafür, dass keine größere Panik ausbrach.
Die Bayerische Oberlandbahn (BOB), die die Meridian-Züge betreibt, erklärte gestern, dass bei dem Zug die Fahrzeugsteuerung ausgefallen war. Der Lokführer konnte den Meridian nicht mehr in Gang setzen. Zunächst war geplant, den Zug abzuschleppen, doch es gab technische Probleme. In der Regel seien Kundenbetreuer an Bord, berichtete eine Sprecherin. Bei diesem Meridian sei das leider nicht der Fall gewesen.
Notfallmanager angefordert
Der Zugführer habe zwar bemerkt, dass Fahrgäste den Notfallknopf gedrückt und den Zug verlassen haben. Er habe aber den Lokführerstand nicht verlassen können. Deshalb habe er den Fahrdienstleiter informiert, damit die Strecke gesperrt werde. Außerdem wurde der Notfallmanager angefordert, der die Fahrgäste beruhigt habe. Die Menschen seien jedoch nicht auf der Zugseite ausgestiegen, auf der die anderen Gleise verlaufen, betonte die Sprecherin.
Die BOB will sich nun bei allen Betroffenen entschuldigen. Sie bekommen nicht nur den Ticketpreis erstattet, sondern dazu einen Pauschalbetrag. Wie hoch der sein wird, stand gestern noch nicht fest.