Rosenheim – Für Familien mit schwerkranken Kindern und Jugendlichen gibt es jetzt auch Unterstützung in Rosenheim: In der Bayerstraße 2a eröffnete das Zentrum Südostbayern mit der Nachsorgeeinrichtung „Bunter Kreis Rosenheim“. Leiterin ist Elisabeth Nützel.
Das Zentrum Südostbayern in Rosenheim liegt hinter einer schweren Holztür, die sich nur von einer Seite öffnen lässt. An der Tür hängt ein Schild, verrät, was sich in dem weißen Haus mit den großen Fenstern verbirgt. Elisabeth Nützel hat hier das Sagen.
Erst Intensivmedizin
dann Nachsorge
Die 55-Jährige beginnt ihre berufliche Laufbahn in der Uniklinik Erlangen, wechselt nach der Elternzeit in die Kinderklinik nach Rosenheim. 2009 baut sie die Nachsorgeeinrichtung „Bunter Kreis Rosenheim“ auf. Sie unterstützt Eltern, versucht Krankenhausaufenthalte für kranke Kinder oder Frühchen zu verkürzen beziehungsweise gänzlich zu vermeiden und betreut die Angehörigen. Über die Jahre werden die Rahmenbedingungen am Klinikum immer schlechter. Schnell steht für Nützel fest: Ein neuer Träger muss her.
Über Kollegen erfährt sie von der Stiftung Ambulantes Kinderhospiz in München. Stifterin und Geschäftsführerin ist Christine Bronner. Als selbst betroffene Mutter gründete Bronner im Jahr 2004 den ersten ambulanten Kinderhospizdienst in Bayern. Die Stiftung betreut und begleitet lebensbedrohlich schwersterkrankte Kinder und Jugendliche ab der Diagnose über den Tod hinaus.
Kurzerhand schreibt Elisabeth Nützel eine E-Mail an Christine Bronner, mit der Bitte um Hilfe. Sie hofft, dass die Stiftung Ambulantes Kinderhospiz als Träger infrage kommen könnte. Ihr Plan geht auf. Zwei Wochen später steht Bronner vor ihrer Tür, die beiden Frauen unterhalten sich. Am Ende des Tages hat der „Bunte Kreis Rosenheim“ einen neuen Träger und Nützel nach 29 Jahren einen neuen Arbeitgeber. Der „Bunte Kreis“ zieht aus dem Rosenheimer Klinikum aus und in das Haus in die Bayerstraße 2a ein. „Wir sind durch Zufall auf das Haus aufmerksam geworden und hatten auch noch das Glück, dass es zu der Zeit leer stand“, sagt Nützel.
Zahlreiche Ehrenamtliche unterstützen sie und ihre sechs Mitarbeiter bei dem Umzug. Das Haus ist 140 Quadratmeter groß, hat einen Gruppenraum, zwei Büros und einen Therapieraum. Die Einrichtung bekommen sie größtenteils geschenkt. An den Wänden hängen Bilder einer Kolbermoorer Künstlerin, es herrscht eine Wohnzimmer-Atmosphäre. „Unser Ziel ist es, soweit wie möglich vom Klinikcharakter wegzukommen, wir wollen, dass sich Kinder und Erwachsene wohlfühlen“, sagt Nützel. Das Konzept geht auf. Alle zwei Wochen meldet sich eine neue Familie. Einige haben ihre Kinder verloren, andere kommen nach einer Frühgeburt, wieder andere haben ein schwerkrankes Kind zu Hause. „Ich wusste schon immer, dass es so etwas in Rosenheim braucht, bis jetzt hat einfach der Rahmen gefehlt“, sagt Nützel.
Jetzt gibt es den Rahmen und die Leiterin plant für die Zukunft. Sie will Schulungen durchführen, Vorträge halten. Es soll Beratungen geben und zahlreiche Selbsthilfegruppen. Die Gruppe „Winzigklein“ laufe bereits, richte sich an Eltern mit „Frühchenerfahrung“.
Außerdem gibt es die sozialmedizinische Nachsorge, die teilhabeorientierte Nachsorge, die therapeutische Kurzintervention, den familienbegleitenden Kinderhospizdienst sowie die Angehörigenberatung (siehe Kasten). Anspruch auf die Angebote des Zentrums Südostbayern haben alle Familien mit einem oder mehreren Ungeborenen, Neugeborenen, Kindern und Jugendlichen mit einer lebensbedrohlichen und möglichen lebensverkürzenden Erkrankung ab der Diagnose. Das Angebot ist für die Eltern kostenlos. Die Kosten übernehmen zum Großteil die Krankenkassen, für den Rest komme die Stiftung selbst auf, sagt Nützel.
Niemand soll
sich allein fühlen
Elisabeth Nützel hat ihren Platz gefunden. Sie ist die richtige Frau für den Job, weiß wie es ist, wenn sich Familien im freien Fall befinden und kein Netz da ist. Jetzt will sie ein solches Netz aufbauen. Stück für Stück. Gemeinsam mit ihrem Team.
„Man kann den Familien ihre Päckchen, die sie zu tragen haben, nicht abnehmen, aber wir können sie auf ihrem Weg ein Stück begleiten und unterstützen, damit sie sich nicht so alleine fühlen“, sagt Elisabeth Nützel. Und spricht damit ihrer Chefin Christine Bronner wirklich aus der Seele.