Ein Totschlag fürs Geschichtsbuch

von Redaktion

Vor 20 Jahren starb Carlos Fernando aus Mosambik in Kolbermoor

Kolbermoor – Nein, zum Rauchen geht Carlos Fernando (35) nicht raus. 1999 darf man in Kneipen noch qualmen. Auch in der Cubana-Bar in Kolbermoor. Es ist 23 Uhr. Vielleicht will der Afrikaner heimgehen. Oder sich nur die Beine vertreten, frische Luft schnappen.

Aber dazu kommt er nicht mehr. Weil vor dem Lokal der angetrunkene Robert M. (31, Name geändert), gerade kocht vor Wut. Da kommt ihm der Mosambikaner genau recht. Ansatzlos und brutal schlägt er Fernando zweimal die Faust ins Gesicht. Das Opfer hat beide Hände noch in den Hosentaschen, als es mit dem Kopf auf den Beton knallt. M. tritt dem 35-Jährigen noch mit dem Fuß ins Gesicht, als er schon wehr- und bewusstlos am Boden liegt.

Die Folgen sind schrecklich. Fernando erleidet schwerste Gehirnverletzungen, fällt ins Koma, stirbt Wochen später im Krankenhaus Vogtareuth. Totschläger Robert M. wird deshalb im Mai 2000 zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt.

20 Jahre danach ist die Tragödie in Kolbermoor kein Thema mehr. Doch es war ein Totschlag für die Geschichtsbücher, der die Stadt jahrelang verfolgt hat. Nicht nur, dass der Fall als „Rassistischer Mord von Kolbermoor“ bundesweit für Schlagzeilen und Diskussionsstoff sorgte. Zudem verzeichnete die offizielle Polizeistatistik für Bayern noch 2014 neben den fünf NSU-Morden in Nürnberg und München nur einen Toten durch rechtsextreme Gewalt seit der Wiedervereinigung: Carlos Fernando aus Mosambik, erschlagen am 15. August 1999 in Kolbermoor.

So hatte der tödliche Gewaltausbruch in der Schuhmannstraße eine politisch-zeitgeschichtliche Dimension. Dass Carlos Fernando von einem „Rassisten“, „Nazi“ oder „Rechtsradikalen“ nicht nur erschlagen, sondern „ermordet“ wurde, und das „nur aufgrund seiner Hautfarbe“ – das stand für viele schnell fest.

Dann, im Mai 2000, urteilte das Landgericht Traunstein so: Es war Totschlag, kein Mord, wie es noch in der Anklage hieß. Rassismus sei zwar ein Aspekt, doch weder Kernmotiv noch tatauslösend gewesen, so die Richter. Dabei hatte die Bildzeitung noch getitelt, Robert M. habe zusammen mit einem Freund „Jagd auf Afrikaner“ gemacht aus „Fremdenhass und purer Lust an der Gewalt“.

Robert M. hatte in der Tatnacht noch vier weitere Schwarzafrikaner attackiert – nur weil das Auto seiner Freundin kurz zugeparkt war. Sie mussten unter anderem mit einigen Schneidezähnen dafür bezahlen. „Scheiß Neger“ und „Schwarze gehören einfach erschlagen“ soll M. gerufen haben, als er ausrastete.

Eine Hausfrau schilderte im Prozess als Zeugin, Robert M. habe sogar einen Sanitäter, der dem Mann am Boden zu Hilfe eilen wollte, weggeschubst mit den Worten: „Ausländer brauchen keinen Rettungsdienst.“ Das Tatmotiv könne in einem „tiefverwurzelten Ausländerhass“ gesehen werden, vermutete die Polizei bereits kurz nach der Tat in einer Pressemitteilung.

So hagelte es Kritik am Urteil, vor allem aus dem linken Lager. Aber nicht nur die Justiz, sondern auch Kolbermoor bekam sein Fett weg. Der Tatort passte genau ins Bild. Die Stadt hatte schon für Schlagzeilen gesorgt, einmal sogar bundesweit, bei der Europawahl 1989. Da kamen die rechtspopulistischen Republikaner auf 29,1 Prozent in Kolbermoor – bestes Ergebnis in der Geschichte der Partei.

Drei Jahre davor, als Flüchtlinge in ein leer stehendes Hotel ziehen sollten, hatte das die „Bürgerinitiative gegen Asylantengroßheime in Kolbermoor“ verhindern wollen – vergeblich. 1992 explodierte dort eine Rohrbombe.

Kein Wunder also, dass es Attacken von gewaltbereiten jungen Menschen auf Ausländer nicht nur im Osten gibt, sondern auch in Kolbermoor – so folgerte die Mehrzahl der Journalisten, die dutzendweise in den Süden kamen, um dort im vermeintlich „braunen Sumpf“ zu stochern.

Bis es Ludwig Reimeier, damals Bürgermeister, zu bunt wurde. Er soll mit der Faust auf den Tisch geschlagen haben, als ihn schon wieder so ein Journalist fragte, „was eigentlich los ist in Kolbermoor“. Die Stadt sei kein rechtsradikales Nest, beteuerte er. Aber das wollten ihm die Reporter aus Berlin, Köln oder Hamburg nicht glauben.

Stattdessen schrieben sie, dass Fans schon mal mit der Reichskriegsflagge die Straße entlang laufen und „Sieg Heil!“ rufen, wenn der SV Kolbermoor ein Spiel gewinnt; dass zwar statistisch nicht erfasst wird, wie viele junge Straftäter aus Kolbermoor kommen, die Polizei aber einen hohen Prozentsatz unterstellt; oder dass die Polizei das Kolbermoorer Volksfest „verboten“ hat – wegen zu hoher Einsatzzahlen. Viel Wahres war da nicht dran. In Wirklichkeit hatten Standort- und Lärmprobleme zum Volksfest-Aus geführt.

Carlos Fernando arbeitete ab 1987 als „Mossi“, als Mosambikaner in der DDR, in einem Reifenkombinat in Neubrandenburg. Die Wende machte den Vertragsarbeiter, der fließend deutsch und englisch sprach, arbeitslos. Die Behörden wollten ihn abschieben, seine Freundin Ramona versteckte ihn bis zur Hochzeit. 1992 heiratete das Paar, trennte sich aber schnell. Über Rüsselsheim kam Fernando mit seiner Tochter Tracy an die Mangfall. Dort fand er Arbeit als Schweißer in einem Elektrounternehmen. Tracy besuchte die Grundschule in Kolbermoor. Nach dem Tod ihres Vaters holte die Mutter das Mädchen (9) wieder nach Neubrandenburg. Fernando wurde in Friedrichshafen beerdigt.

Täter hat wieder Fuß gefasst im Leben

Und der Täter? Robert M. hat seine Strafe komplett abgesessen. Zehn Jahre war er im Gefängnis. Vorzeitige Haftentlassung wurde ihm nicht gewährt. Heute lebt der 51-Jährige in Kolbermoor, er hat wieder Fuß gefasst im Leben. Es gebe keine Probleme, erklärt die Stadt auf Anfrage. Wenn Robert M. zuletzt aufgefallen sei, dann positiv. Zum Beispiel als engagierter Helfer bei der Flutkatastrophe von 2013. Im Rathaus erinnert man sich auch noch daran, dass er sich das Kolbermoorer Bürgerblattl sogar ins Gefängnis schicken ließ.

Bekannte von Robert M. sehen das Tatmotiv nicht im „Rassismus“. Er habe in jungen Jahren „eine kurze Zündschnur gehabt“, erzählen sie, „schnell zugeschlagen“. Aber es habe Deutsche wie Ausländer getroffen.

Womit Robert M. heute sein Geld verdient? Wie es ihm geht? Die OVB-Heimatzeitungen haben versucht, Kontakt mit ihm aufzunehmen – vergeblich. Aber er wird Arbeit gefunden haben. Denn davon gibt es reichlich in der Stadt, die sich rasant entwickelt hat. Waren die schweren Zeiten nach dem Niedergang der Industrie damals noch spürbar, so würden die Geschichtenmacher von 1999 Kolbermoor heute nicht wiedererkennen – und wohl vergeblich nach sozialen Brennpunkten suchen.

Für Aufschwung und Wandel steht auch die Schuhmannstraße. Dort ist die alte Cubana-Bar – vielen Kolbermoorern eher noch als „Die Traube“ ein Begriff – einem modernen Wohnhaus gewichen. Benannt ist die Straße übrigens seit 1961 nach Georg Schuhmann, Sozialist und Kolbermoorer Bürgermeister zur Rätezeit, der 1919 trotz kampfloser Übergabe der Stadt von Weißgardisten ermordet worden war.

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