Rosenheim – Es wird gebissen, bedroht, getreten, gespuckt und geschlagen: In den vergangenen Tagen wurden alleine in der Stadt Rosenheim fünfmal Beamte im Dienst körperlich attackiert. Doch wie schützen sich die Helfer, wenn sie selbst zur Zielscheibe werden?
Die Gewalt gegen Polizisten in Oberbayern Süd erreichte 2018 mit insgesamt 705 Fällen ihren bisherigen Höchstwert (wir berichteten), ebenfalls in ganz Bayern mit 7689 Fällen. Dabei wurden insgesamt 2500 Beamte verletzt.
Schläger
verbünden sich
Stefan Sonntag, Sprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd, erinnert an den jüngsten Vorfall in der Rosenheimer Ruedorfferstraße: Die Polizei wird zu einer Schlägerei gerufen, will helfen. Und wird dann selbst angegriffen, weil sich die Schläger plötzlich gegen die Uniformierten verbünden.
Nur einer von mehreren Fällen: Vom 14. bis 19. August wurden bei Einsätzen gegen randalierende und gewalttätige Zeitgenossen allein in Rosenheim sieben Beamte verletzt. Am Dienstagnachmittag kamen zwei weitere Verletzte in Mühldorf hinzu: Dort hatte ein 16-Jähriger mit einer Pistole auf seine Begleiterin gezielt. Zeugen alarmierten die Polizei, die den sich heftig wehrenden Mann, der letztlich nur mit einer Spielzeugwaffe hantiert hatte, überwältigen konnte (wir berichteten). Zwei Polizeibeamte wurden dabei verletzt.
Jüngst hatte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann die Gewalt gegen Polizisten ein „Männerphänomen – insbesondere von jungen Männern“ genannt. Eine Entwicklung, die dem Präsidium in Rosenheim große Sorge bereitet. „Der Respekt hat zweifellos abgenommen“, sagt Sonntag und führt das auf gesellschaftliche Veränderungen zurück. Sie hätten sich bereits in den vergangenen Jahrzehnten abgezeichnet und zeigten, dass der Uniformierte nicht mehr unantastbar sei. Eine aufgeklärte Gesellschaft, sagt er, dürfe und solle durchaus Kritik üben. Nicht akzeptabel aber sei, wenn die Kritik in tätliche Angriffe umgemünzt werde. Hier müsse sich die Gesellschaft hinterfragen lassen.
Zusammenhalt in
der Dienstgruppe
Und wie gehen die Polizisten mit den Gewaltausbrüchen um. Mit Prellungen, Abschürfungen und Bissen? „Der eine verkraftet das besser, der andere weniger“, sagt Sonntag und verweist auf den Zusammenhalt innerhalb einer Dienstgruppe, in der – auch bei einem Leichenfund zum Beispiel – das Thema angesprochen werde. „Da wird dann gesagt „Mir geht es scheiße, was ist mit dir?“
Wer nicht klarkomme, dem stehe einer der Polizeiseelsorger zur Seite. Auch eine Sozialtherapeutin könne helfen und auf Wunsch der zentrale psychologische Dienst in München. Zudem würden die Polizisten für den Fall von Angriffen geschult. Und bei kritischen Einsätzen wie Schlägereien würden zwei bis drei Streifenwagen mit vier bis sechs Beamten eingesetzt.
Keine Häufung bei Flüchtlingsheimen
Die verbreitete Annahme, dass in Flüchtlingsunterkünften mehr Gewaltbereitschaft gegen Beamte vorherrsche, teilt Sonntag hingegen keineswegs. Auch im Ankerzentrum in Waldkraiburg gebe es nicht mehr und nicht weniger Vorfälle dieser Art als außerhalb des Zentrums, betont er.
Im Hinblick auf etwaige Attacken schätzt das Polizeipräsidium Oberbayern Süd die Fitness seiner Beamten. Sonntag: „Gerade in Rosenheim haben wir viele sehr junge Polizisten in sehr guter körperlicher Verfassung.“
Technische Unterstützung
Zudem sei ein technischer Helfer sehr gut geeignet, um etwaige Übergriffe zu verhindern, wie der Polizeisprecher betont: „Die Bodycam. Die Streife hat sie immer dabei und es zeigt sich: Wenn wir ankündigen, dass wir sie einschalten, führt das bei vielen dazu, dass sie sich zurücknehmen.“ Laut Innenminister Herrmann sollen die bayerischen Ordnungshüter bis zum Herbst mit 1400 Bodycams ausgerüstet sein.
Ein zweites Maßnahmenpaket des Rosenheimer Präsidiums: das Präventionskonzept, das gemeinsam mit der Traunsteiner Staatsanwaltschaft erarbeitet wurde. Demnach werden ausgewählte Fälle schnell behandelt, damit „die Strafe auf dem Fuße folgt“, so der Pressesprecher (wir berichteten).