Patschnass und trotzdem glückselig

von Redaktion

Der Kinderfestzug anlässlich des Rosenheimer Herbstfestes gehört längst der Vergangenheit an und ist heute fast vollständig in Vergessenheit geraten. 1955 fand er in der Nachkriegszeit zum ersten Mal, 1971 zum letzten Mal statt.

Rosenheim – Private Fotoalben, die Bilddokumente zur Rosenheimer Wiesn enthalten, besitzt Marisa Steegmüller einige. Um persönliche Erinnerungen an den Kinderzug lebendig werden zu lassen, muss sie allerdings gar nicht lange in einem Album blättern. So manche Episode im Zusammenhang mit diesem Ereignis ist in der Erinnerung der geschäftsführenden Gesellschafterin der Flötzinger-Brauerei in Rosenheim noch heute so präsent, als hätte sie sich erst gestern zugetragen.

Wieder ins

Leben gerufen

Ein paarmal ist Steegmüller Ende der 60er- und zu Beginn der 70er-Jahre als Kind dabei gewesen, seit dieser Festzug, den es bereits vor dem Zweiten Weltkrieg gegeben hatte, 1955 auf Betreiben des Schaustellers Max Fahrenschon und des damaligen Geschäftsführers des Wirtschaftlichen Verbandes für die Stadt und den Landkreis Rosenheim (WV), Hans Engelhard, wieder ins Leben gerufen wurde. Engelhards Frau Marianne und Schwester Adeltraud, Oberin der ehemaligen Mädchen-Volksschule Rosenheim, waren damals mit der Durchführung der ersten Veranstaltung betraut. „Es gab einen Festwagen mit Schneewittchen und ihrem Prinzen und dazu Fußvolk in hübscher Verkleidung als Glühwürmchen, Sonnen- und Glockenblumen. Zwei Kapellen begleiteten die rund 300 Kinder“, schreibt die in Nußdorf lebende Volkskundlerin und Kunsthistorikerin Michaela Firmkäs in einem Beitrag für eine Chronik, die 2011 zum 150. Geburtstag des Rosenheimer Herbstfestes erschienen ist. Eine Intention für den Festzug sei sicher auch gewesen, Kindern aus weniger betuchten Familien zur Herbstfestzeit eine Freude zu bereiten, sagt Firmkäs.

Geschmückte Puppenwagen

Marisa Steegmüller erinnert sich nicht nur an die bunten Festwagen, die bei diesem Spektakel durch die Stadt fuhren. Im Gedächtnis haften geblieben sind ihr auch die geschmückten Puppenwagen, mit denen stets viele Dutzend Mädchen als fester Bestandteil des Zuges unterwegs waren. „Da mitmachen zu dürfen, war für uns Kinder einfach immer etwas Besonderes“, weiß die Brauerei-Geschäftsführerin. Nicht nur, weil es als krönenden Abschluss immer ein Hendl und Limonade für sie gegeben habe, seien sie und ihr verstorbener Bruder Franz stets mit Feuereifer bei der Sache gewesen. Selbst Regen konnte dem Geschwisterpaar die Freude an diesem Erlebnis nie verderben. „Einmal sind wir patschnass geworden, weil wir bis zum Schluss im Festwagen sitzen bleiben mussten“, erinnert sich Steegmüller.

Der Kinderfestzug nahm nach den Recherchen von Firmkäs in den 60er-Jahren eine rasante Entwicklung. In ihrer Abhandlung für die Herbstfest-Chronik schreibt sie, dass 1961 bereits 20 Wagen, 1968 gar 40 Motivwagen mit von der Partie gewesen sind.

Eine Änderung des Herbstfestkonzeptes führte schließlich dazu, dass ab 1972 kein Kinderfestzug mehr durch die Stadt führte. Heute gibt es an den beiden Herbstfest-Mittwochen sogenannte Kinder- und Familientage, an denen ermäßigte Preise für die jüngsten Wiesnbesucher gelten. Natürlich hat Marisa Steegmüller Verständnis dafür, dass sich das Konzept eines Festes im Verlauf der Jahre immer wieder ein wenig verändern muss und der traditionelle Kinderzug längst Vergangenheit ist.

Ein bisschen Wehmut schwingt freilich noch heute mit, wenn sie in einem Anflug von Nostalgie in einem ihrer Fotoalben blättert und sich auf diese Weise auch ein wenig auf das Herbstfest einstimmt. „Der Kinderzug war einfach unheimlich schön. Ich freue mich noch heute, dass ich ihn miterleben durfte.“

Artikel 11 von 11