Rosenheim/Samerberg – Wie kleine Mahnmale stechen sie aus dem mit Wildblumen bewachsenen Straßenrand hervor – und das sollen sie mit Sicherheit auch sein: die drei weißen Kreuze, die seit einigen Tagen an der Miesbacher Straße in Rosenheim stehen. Direkt an der Stelle, an der am 20. November 2016 die 15-jährige Ramona Daxlberger und die 21-jährige Melanie Rüth ihr Leben verloren haben. Wer die Kreuze aufgestellt hat, weiß indes niemand.
Sie haben die Taufkerze herausgeholt und angezündet, sind gemeinsam essen gegangen: Vor wenigen Tagen haben die befreundeten Familien Daxlberger und Rüth am Samerberg Geburtstag gefeiert. Einen ganz besonderen Geburtstag – den 18. von Ramona Daxlberger. Doch das Geburtstagskind hat – wie in den vergangenen zwei Jahren – gefehlt, nachdem ihr Leben am 20. November durch ein Überholmanöver ausgelöscht worden war. Und nicht nur ihres – auch das von Melanie Rüth, die Anfang August 24 Jahre alt geworden wäre.
Nur Lena überlebt schwer verletzt
Es ist kurz nach 21 Uhr am 20. November 2016, als den jungen Frauen auf der Rückfahrt von einem Restaurantbesuch in Rosenheim auf der Miesbacher Straße ein damals 24-jähriger Mann aus Ulm auf ihrer Fahrbahn entgegenkommt. Es gibt keine Chance, auszuweichen – der VW kracht frontal in den Nissan Micra der 21-jährigen Melanie Rüth. Sie stirbt noch an der Unfallstelle, die 15-jährige Ramona Stunden später im Krankenhaus. Ramonas Schwester Lena überlebt schwer verletzt, leidet aber bis heute unter den Folgen des Zusammenstoßes.
Noch an der Unfallstelle beschuldigte der Ulmer zwei BMW-Fahrer, ihn beim Überholvorgang behindert zu haben. In mehreren Gerichtsprozessen wird der Unfallfahrer schließlich zu einer Bewährungsstrafe, die jungen BMW-Fahrer aus Kolbermoor und Riedering zu Haftstrafen verurteilt (wir berichteten). Ab Dienstag, 10. Oktober, wird nun vor dem Landgericht in Traunstein erneut gegen die beiden 24 und 25 Jahre alten Männer verhandelt (siehe Kasten).
Nachdem zunächst ein schlichtes Holzkreuz auf Höhe der Unfallstelle an der Miesbacher Straße an den Tod der beiden jungen Frauen erinnert hatte, gab es seitens der Familien Überlegungen, mit einem großen Kruzifix ein Zeichen zu setzen. „Da hätten wir dann allerdings vermutlich eine Genehmigung dafür gebraucht“, erklärt Melanies Vater Ralf Rüth, weshalb die Familien von dieser Idee letztlich Abstand genommen hatten.
Umso mehr verwundert die Samerberger nun, dass dort seit einigen Tagen drei weiße, schlichte Holzkreuze stehen. „Wir gehen davon aus, dass diese Kreuze auch zum Gedenken an Melanie und Ramona aufgestellt worden sind“, sagt Ramonas Mama Manuela Daxlberger gegenüber unserer Zeitung. Über das dritte Kreuz kann sie ebenfalls nur spekulieren. Sie vermutet aber, wie auch Ralf Rüth, dass damit einem Motorradfahrer gedacht wird, der Jahre zuvor an fast derselben Stelle sein Leben verloren hatte.
Auch wer die Kreuze aufgestellt hat, bleibt für Daxlberger ein Rätsel. „Wir haben keine Ahnung“, sagt die Samerbergerin, „aber es tut gut, zu wissen, dass auch andere Menschen an unsere Lieben denken. Das ist ein schönes Zeichen.“ So sieht es auch Ralf Rüth, der jedoch „gerne wüsste“, wer hinter der Aktion steckt.
Doch diese Frage kann auch die Rosenheimer Polizei nicht beantworten. „Wir wissen nicht, wer die Kreuze aufgestellt hat, sagt Robert Maurer, Sprecher der Rosenheimer Polizei. Rechtlich sei die Aktion seiner Einschätzung nach allerdings unbedenklich. „Banner, die beispielsweise für Feste werben, sind nicht so gerne gesehen, weil sie Fahrer ablenken können, erklärt der Sprecher. „In diesem Fall handelt es sich aber um schlichte Kreuze, bei denen wir sicherlich nicht einschreiten.“ Schließlich sei dies auch eine Frage der Pietät.
Ob das Rätsel um den Initiator der Kreuze noch gelöst wird, bleibt ungewiss. Ebenso wie die Antworten auf die Frage, was in der verhängnisvollen Nacht auf der Miesbacher Straße wirklich passiert ist. Hat es sich – wie kurzzeitig vermutet – um ein Rennen zwischen dem Golf- und den BMW-Fahrern gehandelt? Haben die befreundeten BMW-Fahrer die Lücke für den überholenden Ulmer zugemacht? Oder hat einfach ein Fahrfehler des Golf-Fahrers zu dem tödlichen Drama geführt? Fragen, die nun vor dem Landgericht Traunstein geklärt werden sollen.
Familie hofft
auf Schlussstrich
„Das werden auf jeden Fall wieder ganz harte Wochen für uns“, sagt Ralf Rüth in Hinblick auf die sieben Verhandlungstage im Herbst. „Da wird wieder alles hochkommen.“ Dennoch hofft er, dass nach dem Urteil endlich ein Schlussstrich gezogen werden kann und die Familien mehr zur Ruhe kommen.
Wie sehr der Tod seiner Tochter auch fast drei Jahre nach dem Unfall Einfluss auf sein tägliches Leben hat, zeigt unter anderem die Tatsache, dass Rüth die drei neuen weißen Kreuze noch gar nicht mit eigenen Augen gesehen hat. Rüth: „Ich vermeide so weit wie möglich, diese Strecke zu fahren. Denn dann muss ich immer daran denken, wie sehr mir Melanie fehlt.“