Einziger Ausweg: Flucht

von Redaktion

Seit Jahren greift die Bundespolizei Rosenheim täglich Migranten auf, die ohne Papiere über die Grenze kommen. Doch das ist für die Polizisten noch immer nicht alltäglich. Rainer Scharf schildert mit seinen Worten einen Einsatz in dieser Woche.

Kiefersfelden/Rosenheim – Es vergeht kein Tag, an dem die Bundespolizei nicht Migranten aufgreift, Urkundenfälschungen aufdeckt oder gegen kriminelle Schleuser vorgeht. Allein in Rosenheim haben wir im August bei Grenzkontrollen zwischen Chiemsee und Zugspitze rund 330 Personen festgestellt, die versucht haben, illegal einzureisen.

Doch immer wieder wird uns Bundespolizisten im unmittelbaren Kontakt mit den Menschen klar, dass kein Fall wie jeder andere ist. Die Migranten habe alle individuelle Gründe, wegen denen sie ihre Heimat verlassen. Manche erscheinen profan, manche sind schockierend. Vor einigen Tagen gab es einen Fall, der auch für uns nicht alltäglich ist.

Reisebus aus

Italien kontrolliert

In einem Reisebus mit italienischer Zulassung kontrollierten wir um die Mittagszeit in der Grenzkontrollstelle auf der A93 eine Frau, die mit ihren drei minderjährigen Kindern in Richtung München unterwegs war. Die Mutter händigte den Beamten vier Pässe aus. Deutsche Reisepässe – alle ausgestellt in der „Hansestadt München“.

„Sprechen Sie Deutsch?“, fragte ein Polizist. Die Frau zeigt keine Reaktion. Der Beamte hatte angesichts der Dokumente eigentlich auch mit keiner Antwort gerechnet und schwenkt um auf Englisch. Das funktionierte. Die vierköpfige Familie musste den Bus verlassen. Ihre Koffer holte der Busfahrer aus dem Gepäckfach.

Er schien das Verfahren zu kennen – was nicht überrascht, denn bei der Bundespolizei in Rosenheim werden inzwischen etwa 50 Prozent der unerlaubt Einreisenden in Fernreisebussen aufgegriffen. Der Bus verließ das große weiße Kontrollzelt nahe der Tank- und Rastanlage Inntal-Ost wieder. Zurück blieben die Mutter und ihre drei Kinder.

Zur gleichen Zeit informierte der Leiter der Kontrollstelle die Inspektion in Rosenheim per Telefon knapp und sachlich: „Im Reisebus aus Italien – viermal Urkundenfälschung und versuchte unerlaubte Einreise, eine Erwachsene, drei Minderjährige, Nationalität ungeklärt, vermutlich iranisch.“

Etwa eine Stunde später traf die Frau mit ihren Kindern in der Rosenheimer Dienststelle ein. Einer unserer Kleinbusse hatte sie dorthin gebracht. Routinemäßig liefen alle organisatorischen Maßnahmen an. Getränke, belegte Brote, Dolmetscher, Belehrungsdokumente. Dann wurde die Frau von einem Ermittlungsbeamten befragt. Ein Dolmetscher war dabei und übersetzte, denn die Frau sprach nur Farsi.

Ehemann übt Kritik am iranischen Regime

Die Situation war unaufgeregt, doch der Frau war anzumerken, dass sie angespannt ist. Sie schilderte ruhig ihre Geschichte: Ihr Ehemann habe Kritik am Regime im Iran geäußert. Auf einmal sei er verschwunden gewesen – ohne Lebenszeichen. Ihr sei mit Steinigung gedroht worden, da sie zum Christentum konvertiert ist.

Dann tauchte plötzlich ein Mann auf, der sich um die Familie kümmern wollte. Mehrfach habe er sie gezwungen, mit ihm zu schlafen. Er drohte ihr, dass er sie als Prostituierte anzeigen und ihre Steinigung in die Wege leiten würde, wenn sie sich nicht gefügig zeige. Schließlich sollte auch ihre Tochter vergewaltigt werden. Sie sah nur noch einen Ausweg: die Flucht.

Sie verkaufte das Haus, die Möbel, ihren Schmuck. Insgesamt konnte sie rund 24000 Euro erzielen. Die Schleuser ließen sich teuer bezahlen – von dem Geld ist fast nichts mehr übrig. In die Türkei konnten sie noch fliegen. Von dort brachten Schleuser sie und die Kinder in einem Schlauchboot nach Griechenland. Von dort aus ging es weiter über Italien nach Deutschland. Einschließlich der falschen Pässe habe allein der letzte Abschnitt 17000 Euro gekostet.

Bei der Kontrolle hatte die Frau nur noch knapp 140 Euro bei sich. Das war mehr oder weniger alles, was von ihrem alten Leben im Iran übriggeblieben ist. Auf die Standard-Frage, ob sie wisse, dass es strafbar sei, mit falschen Papieren zu reisen, antwortete die Frau: „Ich hatte doch keine andere Wahl.“

Aufnahmestelle

für Flüchtlinge

Nach Abschluss der polizeilichen Maßnahmen, leiteten wir die Mutter mit ihren drei Kindern an eine Aufnahmestelle für Flüchtlinge weiter. Diesen Weg schlagen nicht alle Migranten ein – einige werden zurückgewiesen und der österreichischen Polizei überstellt. Wie es für die Frau weitergeht, werden wir wohl nie erfahren.

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