Rosenheim – Erntedank, der Moment im Kirchenjahr, in dem die Gläubigen beider Konfessionen innehalten, um Gott für seine Gaben zu danken. Und um die Heiligkeit der Schöpfung anzuerkennen, die allein aus Gott heraus gelingt. Ein Moment, den Gläubige aus Rosenheim und dem Umland gestern gefeiert haben, mit einem Festgottesdienst in der Rosenheimer Stadtpfarrkirche St. Nikolaus und der sich anschließenden Erntedank-Prozession zur Loretowiese.
An die Gaben Gottes, aber auch an die Ernte der Landwirtschaft, die im Herbst eingefahren wird, erinnern in der Kirche die beiden großen Erntekronen. Ganz aus Weizenähren gebunden ist die der Landjugend Prutting. Die zweite Krone, in die zusätzlich Buchs eingearbeitet ist, stammt von der Landjugend Vogtareuth. Dazu schmücken Blumen, Früchte und Gemüse, allesamt prachtvoll gesteckt, das Kirchenschiff. Das Landwirte-Ehepaar Johanna und Josef aus Rundorf bei Halfing bringt die Gaben zu Altar, ein Brot und blaue Weintrauben.
Ökumenische
Verbundenheit
Die Bläser der Blaskapelle Am Wasen stehen bereit, sie sorgen für das musikalische Zwischenspiel während des Gottesdienstes. Ebenso wie der Hamberger Viergsang und die Erler Bläser. Katharina Kern liest. 48 Vereine haben ihre Mitglieder geschickt, samt Fahnen und Standarten. Viele Hundert Menschen sind an diesem Sonntagmorgen gekommen, um den ökumenischen Gottesdienst zu verfolgen und gemeinsam Gott zu loben und zu preisen für die Ernte dieses Jahres. Unter ihnen Vertreter aus Kirche, Politik und Gesellschaft, aus Vereinen und Institutionen.
Sie alle ruft Pfarrer Reinhold Seibel von der evangelischen Kirche in Stephanskirchen zu „ökumenischer Verbundenheit“ auf. Erntedank sei weit mehr als eine Tradition, sei etwas, das die Menschen bewege seit vorchristlicher Zeit. Als Beispiel nennt er die Malereien in der Höhle von Lascaux in der französischen Dordogne. Er selbst habe sie, gemeinsam mit seiner Frau, besucht und dort Wandmalerei gesehen von Auerochsen, Wildpferden und Hirschen. Sie belegten, dass der Mensch schon damals die Heiligkeit der Schöpfung verstanden habe als ein Geschenk und dann seine Dankbarkeit darüber mit Bildern zum Ausdruck gebracht habe. Gott sei derjenige, der behüte und bewahre, nicht nur die Nahrung, sondern auch Kleider, Hof und Hab und Gut. Gott tue das aus reiner „Väterlichkeit“, ohne dass der Mensch selbst etwas dafür tun müsse, sagt Pfarrer Seibel.
Reichel spricht die Gläubigen direkt an
Dekan und Domkapitular Daniel Reichel spricht die Menschen in der Kirche direkt an. Er fragt sie, wann sie sich das letzte Mal „so richtig narrisch gfreit“ haben. Er ruft sie auf zu echter Lebensfreude, einer Freude am Leben, die das Jetzt in den Vordergrund stellt. Nicht so sehr das Gestern und das Morgen. Vorfreude sei gar nicht unbedingt die „schönste Freude“ wie es das Sprichwort formuliere. Nein, Vorfreude impliziere bereits das Ende der Freude, das genau dann eintrete, wenn die Freude gerade da sei. Die Freude „an etwas“ sei ihr vorzuziehen, komme sie doch ohne die zeitliche Begrenzung aus, sagt der Dekan. Als Beispiel nennt er die „Freude am Herrn“, die „aus einer anderen Welt“ komme, aus „der Welt des Herrn“. Diese Freude könne nicht zerstört werden, sei nicht abhängig von äußeren Umständen. Vielmehr sei sie ein Bollwerk gegen alle Widrigkeiten. Aus der Freude am Herrn „schöpfen wir unsere Kraft und unsere Zuversicht“, sagt Dekan Reichel. Erntedank also ist auch der Moment der Freude. Der Freude an Gott, der auf die Menschen schaut, sie nährt und am Leben erhält.
Für die Gläubigen an diesem Sonntag beginnt nach dem Gottesdienst die Zeit der Freude am Miteinander. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg zum Rosenheimer Herbstfest. Begleitet auch von den Pferdegespannen der Rosenheimer Brauereien Auer und Flötzinger. Sie alle haben Glück: Der große Regen setzt erst später ein.