Kamera läuft – und die Statistin patzt

von Redaktion

Blick hinter die Kulissen des Drehs für die neue Schindler-Komödie – Reporterin spielt Reporterin

Soyen – „Ich bin ein Star, holt mich hier raus!“ Das muss ich natürlich nicht ausrufen bei meinem ersten Einsatz als „Schauspielerin“. Das Set befindet sich schließlich nicht im Dschungel, sondern im Soyener Ortsteil Kirchreit. Und mein Einsatz besteht nur aus zwei Szenen und einem einzigen Satz. Und überhaupt: Eigentlich ist es gar keine Rolle. „Heike, Du spielst einfach die Heike von der Wasserburger Zeitung“, hat Regisseur Sebastian Schindler mir erklärt. Eine Journalistin verkörpert also eine Journalistin im neuen Film des 22-Jährigen, der nach seinem Riesenerfolg mit „Ein Dorf steht Kopf“ wieder eine bayerische Komödie dreht – und erneut die Stars ins Wasserburger Land holt.

Im Wohnzimmer des Hofs der Familie Hinterberger in Soyen hat sich gerade Kabarettist Wolfgang Krebs, angereist in Jeans und T-Shirt, in den Ministerpräsidenten verwandelt. Der blaue Anzug sitzt, die Perücke auf der Glatze ebenfalls nach ein paar Handgriffen. Die Maske hat Krebs einfach selbst erledigt. Denn wer mit Sebastian Schindler dreht, darf keinen großen Apparat oder gar einen roten Teppich erwarten. Und trotzdem machen sie alle gerne mit: Kabarettist Michael Altinger, Hans Schuler („Eine heiße Nummer 2.0“), das Duo „Steckerlfisch & Sahne“ und Corinna Binzer („Wer früher stirbt, ist länger tot“) sind nur ein paar von vielen bekannten Namen.

Dabei sein, wenn der Kultregisseur dreht

„Dabei sein ist alles“, findet Wolfgang Krebs. „Der Sebastian ist jünger als meine Kinder und doch schon ein bayerischer Kultregisseur.“ „Dem Sebastian kann ich nichts abschlagen“, sagt Uli Bauer, der im neuen Film ausnahmsweise nicht seinen Doppelgänger, den Ude, aber trotzdem einen Bürgermeister spielt. „Wenn Du dem den kleinen Finger gibst, nimmt der die ganze Hand.“ Deshalb steht Uli Bauer jetzt im 80er-Jahre-Look an einem grauen Freitagmorgen in der bayerischen Provinz und musste sogar sein Kostüm im Kofferraum mitbringen. Im karierten Sakko und extra breiter knalliger Krawatte, ausgeliehen vom Vater, mimt der Nockherberg-Star den Rathauschef. Und der hält heute, am 15. von 18 Drehtagen, eine Pressekonferenz. Die Journalistenmeute lauert auf dem Dorfplatz, um zu hören, warum der Bürgermeister sein Dorf „mit dem Rückwärtsgang nach vorne“, so der Filmtitel, führen will – genauer gesagt in die 80er-Jahre.

Das ist natürlich eine Sensation – und deshalb stehe ich jetzt, bewaffnet mit Kamera, Block und Handy als ich selbst in einem fiktiven bayerischen Dorf, um zu erfahren, warum es hier kein Internet mehr gibt und sogar die Mark wieder eingeführt worden ist.

Eine sympathische Idee, findet mein „Kollege“, der Uli Bauer. In den 80er-Jahren hat er seine Karriere als Kabarettist gestartet. Die Skepsis gegenüber den neuen Medien hat er nie ganz ablegen können. „Ich habe immer noch mein altes Senioren-Klapphandy“, berichtet er schmunzelnd. 80er-Jahre: Das war auch meine Sturm-und-Drang-Zeit. Damals hing ich noch fest an der kurzen Schnur eines Telefons, wenn ich mich für die Disco verabreden wollte. Ich trug eine Dauerwelle und natürlich die legendären Karottenhosen.

Doch Zeit, gemeinsam mit Uli Bauer in Erinnerungen zu schwelgen, bleibt nicht. Sebastian Schindler brieft uns für die Ministerpräsidentenszene. Markus Söder alias Wolfgang Krebs wird in der Staatslimousine auf dem Dorfplatz in Kirchreit vorgefahren. Als er aussteigt, stürzen wir auf ihn zu und bombardieren ihn mit Fragen. Das ist in der Tat – eigentlich – keine schwere Rolle, denn das erste Foto und den ersten O-Ton zu erwischen, gehört zum Arbeitsalltag einer Reporterin.

Präzisionsarbeit

und Konzentration

Doch die Kollegen aus dem OVB-Medienhaus und ich stellen erstaunt fest: So einfach ist es nicht. Mal steht einer von uns der Kamera im Weg, mal sind wir zu spät, mal zu früh. Mal stimmt das Licht nicht, weil dunkle Regenwolken aufziehen, mal übertönt die Kirchenglocke alles. „Ruhe am Set! Wir drehen. Ton? Ton läuft, Kamera? Kamera läuft, Klappe, Set“. Immer und immer wieder müssen die Assistentinnen Lou Maller und Fiona Kruschnik sowie Oberbeleuchter David Hennerbichler von der FH Salzburg und die Mitarbeiter der Produktionsfirmen „Schnoifabrik“ und Skyeyepictures die Statisten auffordern, sich richtig zu positionieren. Das ist Millimeterarbeit. Als wir es endlich schaffen, ohne Kameramann Markus Beham über den Haufen zu rennen, bringt mein Einsatz wieder alle aus dem Tritt. „Herr Ministerpräsident, was sagen Sie zum neuen Lebensgefühl im Dorf“, brülle ich dem Söder entgegen, bin aber anscheinend, weil viel zu klein, nicht richtig im Bild. Also muss ich auf das Podest klettern und dem Söder mein Handy unter die Nase halten. Das dann aber wiederum die Sicht auf den Bürgermeister und seine Spezl aus dem Gemeinderat versperrt.

„Heike, das machen wir jetzt einfach noch ein paar mal“, sagt Regisseur Sebastian Schindler und lächelt mich dabei so aufmunternd an, wie ein Vater seine Tochter, die sich dumm anstellt beim Radlfahren lernen.

Er benötigt viel Geduld in der nächsten Stunde, die geprägt ist von einem Kreislauf von Szenen, die immer und immer wieder nachjustiert und weiter präzisiert werden. Auch Profi Krebs folgt brav den Anweisungen des Jungregisseurs. Seelenruhig stehen die Schauspieler Hans Schuler, Hubert Schlemer und Tom Kreß, die die besten Freunde des Bürgermeisters verkörpern, drei Stunden lang auf dem Podest für die Pressekonferenz – und wiederholen immer wieder das gleiche Gespräch. Kreß muss dabei laut Drehbuch rauchen, was er genüsslich tut – zum Bedauern von Wolfgang Krebs, der das Laster vor Monaten abgelegt hat. Corinna Binzer, die die Bürgermeistergattin spielt, friert in ihrem kurzen Rock, nimmt die zunehmende Kälte und den ersten Nieselregen jedoch tapfer hin.

Der Hofhund läuft wieder durchs Bild

Der Hofhund läuft immer mal wieder durch das Bild, ein neugieriges Nachbarskind ebenso – so ist das halt, wenn mit Sebastian Schindler gedreht wird. Er wohnt nur drei Kilometer vom Drehort entfernt und hat auch diesmal seine halbe Verwandtschaft und viele Freunde als Darsteller mitverpflichtet: Onkel und Cousin der Mutter verkörpern heute die Security des Ministerpräsidenten. Sie benötigen nur einen Take, da sitzt die Szene. Bei ihnen könnte ich mir eine Scheibe abschneiden.

Doch bei der letzten Szene, bei der die Journalistenschar vor dem Rathaus dem Bürgermeister auflauert, weil dieser um sein Dorf sogar eine Mauer gebaut hat, die übrigens wenige Meter weiter bei einem Bauern wirklich als Kulisse steht, übertreffen wir uns alle selbst. Nur drei Versuche – und die Szene ist im Kasten. „Gut hast Du das gemacht“, sagt Wolfgang Krebs, der jetzt wieder er selbst ist und nicht mehr der „mufflige Söder“, für den er nach eigenen Angaben nicht besonders viel Sympathie hegt. Für uns Journalisten ist jetzt die letzte Klappe gefallen, für den Regisseur, Drehbuchautor und Produzenten Schindler, der auch selbst eine kleine Rolle hat, und sein Team geht es bis zum Abend weiter. Für den Dreh einer Bürgerversammlung in Ramerberg am 12. September ab 18 Uhr beim Esterer werden noch Statisten gesucht.

Ein Video zu den Dreharbeiten gibt es unter www.ovb-online.de.

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