Rosenheim – Polizeigewalt und Rassismus am Rosenheimer Bahnhof? Das Video eines Polizeieinsatzes ist aktuell der große Aufreger in den sozialen Medien. Darin zu sehen: Beamte der Bundespolizei beim Versuch, einen Nigerianer zu kontrollieren – wobei die Situation eskaliert.
Der junge Mann wehrt sich, die Beamten versuchen dennoch, ihn zur Dienststelle zu bringen. Im Hintergrund: Tumult, wütende Zeugen des Vorfalls, die den Beamten Rassismus vorwerfen. Und eine völlig unbegründete Kontrolle.
Doch was steckt tatsächlich dahinter? „Das ist alles nur eine Momentaufnahme“, erklärt dazu der Sprecher der Bundespolizei Rosenheim, Rainer Scharf, auf Anfrage. Denn: Das Video zeigt offenbar nur einen Teil des Einsatzes – der laut Bundespolizei auch alles andere als unbegründet war.
Besagte Person, ein Nigerianer, 24 Jahre alt, in Rosenheim lebend, sei den Beamten bereits aufgefallen, als er torkelnd und lärmend die Eingangstreppen zum Bahnhof hinaufgestolpert sei. Für die Polizei also ein Grund: Den schaut man sich genauer an. „Egal ob schwarz oder weiß – wenn jemand sichtlich betrunken den Bahnhof betritt, haben wir allein aus Sicherheitsgründen ein Auge auf ihn“, so Scharf.
Den Vorwurf von Passanten, der Mann sei nur aufgrund seiner Hautfarbe einer Kontrolle unterzogen worden und hätte sich ansonsten unauffällig verhalten, weist er mit Nachdruck zurück. Rassismus? Ganz klar nicht: „Das war alltägliche Polizeiarbeit.“
Erst nach und nach sei die Situation eskaliert – belegen kann die Polizei den Hergang mit eigenen Videoaufnahmen von einer der 13zusätzlichen Kameras, die zur Herbstfestzeit vorübergehend am Bahnhof angebracht sind. Scharf: „Darauf sieht man das Verhalten des Mannes sehr gut.“
Die Aufnahmen bestätigten die Schilderungen der diensthabenden Beamten: Das Verweigern der Ausweiskontrolle, woraufhin die Beamten den Mann auf die Dienststelle baten – einzig, um dessen Angaben zu überprüfen. „Routine, schließlich will man ja wissen, mit wem man es zu tun hat“, klärt Scharf auf.
Doch dann: die Weigerung des 24-Jährigen, die Beamten zur Dienststelle zu begleiten, das Festklammern am Geländer vor dem Zugang, zwischen Apotheke und McDonalds gelegen. Und die Versuche der Beamten, dessen Griff zu lösen, um ihn abführen zu können. „Das sind die Szenen, die nun verbreitet werden“, erklärt der Sprecher.
Wurde dabei Gewalt angewandt, wie der Polizei nun vorgeworfen wird? Ganz und gar nicht, weist Scharf die Anschuldigungen zurück. „Es handelt sich um übliche Techniken aus der Polizeiausbildung, um den Griff des Mannes vom Geländer zu lösen.“
Und der wiederholte Griff ins Gesicht des Mannes, ersichtlich im kursierenden Video? Das sei nur der Versuch, den Kopf des 24-Jährigen zur Seite zu drücken, um ihn vom Geländer zu lösen, so Scharf.
Beim weiteren Gerangel auf dem Weg zur Dienststelle, das sich teils auf dem Boden fortsetzte, soll dann ein Beamter noch einen Schlag ins Gesicht kassiert haben. Ein weiterer Punkt in der nicht unbeträchtlichen Liste an Anzeigen und Vorwürfen, die wiederum die Polizei gegen den Nigerianer erhebt. Und die bereits bei der Staatsanwaltschaft Rosenheim zur Prüfung liegen. Darunter: Körperverletzung, Nötigung, tätlicher Angriff, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte – und zuletzt Missbrauch von Notrufeinrichtungen. Denn der 24-Jährige hatte auf dem Weg zur Dienststelle auch noch den Feueralarm ausgelöst.
In den Diensträumen bestätigte sich denn auch der Anfangsverdacht der Beamten: Der Nigerianer war durchaus alkoholisiert, was der Atemalkoholtest mit einem Ergebnis von über einem Promille ergab.
Nach Protest: Anzeige wegen Beleidigung
Gut eine Stunde nach der Auseinandersetzung von Mittwochabend konnte der 24-Jährige die Dienststelle dann wieder verlassen.
Die Tumulte rund um die Personenkontrollen haben auch für eine Jugendliche ein Nachspiel: Die 17-Jährige hatte das Geschehen, wie auf der Videosequenz ersichtlich, lautstark kritisiert und den Beamten fremdenfeindliche Motive vorgeworfen. Weil laut Bundespolizei auch die Beschuldigung „Nazis“ fiel, folgt nun eine Anzeige: wegen Beleidigung.
Das Video, das nun in den sozialen Medien kursiert, hat wiederum eine Freundin der jungen Frau gefilmt: Etenia K., ebenfalls 17 und aus Rosenheim. Sie sagt: „Ich finde, dass die Beamten von Anfang an überreagiert haben.“ Der Mann habe nichts gemacht.
Ein weiteres Video, ebenfalls von Etenia K., das der OVB-Redaktion vorliegt, zeigt, wie der Mann auf dem Fußboden der Bahnhofswache liegt, während sechs Polizeibeamte damit beschäftigt sind, den Mann unter Kontrolle zu bringen. Währenddessen hämmern von außen Beobachter gegen die Tür der Wache und fordern die Beamten auf, weniger gewaltsam gegen den Festgehaltenen vorzugehen. Dabei fallen auch „Nazi“-Rufe gegen die Beamten.
Etenia K. ist alles in allem äußerst irritiert über das Verhalten der Bundespolizei, wie sie im Gespräch verdeutlichte. „Wir kamen per Zufall dazu. Meiner Meinung nach hat es sich durch das Verhalten der Polizei so hochgeschaukelt. Wären die Beamten anders in die Situation reingegangen, wäre sie auch nicht so eskaliert.“
Nicht weniger irritiert ist die Bundespolizei über die Welle an Beleidigungen, die im Internet verbreitet werden. „Es ist bestürzend“, sagt Scharf. Den Kopf in den Sand stecken, kommt für ihn nicht in Frage: „Wir werden weiter für Transparenz in der Sache sorgen.“