„Keine Not-, eine Liebesehe“

von Redaktion

Interview Dr. Jens Deerberg-Wittram und Christof Maaßen zu Klinikbau

Wasserburg/Rosenheim – Die Teilnahme von Ministerpräsident Dr. Markus Söder und Staatsministerin Melanie Huml an der Grundsteinlegung für das Inn-Salzach- und Romed-Klinikum unterstreicht die Bedeutung, die der Freistaat dem Krankenhaus-Neubauvorhaben beimisst. Im Vorfeld des Festaktes in Gabersee am morgigen Dienstag erläutern Dr. Jens Deerberg-Wittram, Geschäftsführer des Romed-Klinikverbundes, und Christof Maaßen, kaufmännischer Leiter des Romed-Klinikums Wasserburg, wie sie die Investition bewerten.

„Wer hat schon Gelegenheit, in seinem Berufsleben eine neue Klinik zu planen“, sagt der Geschäftsführer des Inn-Salzach-Klinikums, Dr. Theodor Danzl. Sehen Sie dieses Bauvorhaben auch als große Chance oder ist es eher eine Belastung im Klinikalltag?

Deerberg-Wittram: Die wesentlichen Entscheidungen – etwa zu den Raum- und Funktionsprogrammen und zu den Versorgungsabläufen für diesen Neubau – sind ja schon vor meiner Zeit von Kollegen vorbereitet worden. Ich habe die Rolle, dass ich, nach den bereits erfolgten gründlichen Vorbereitungen, bei der Grundsteinlegung sprechen darf.

Maaßen: Gerade in den vergangenen Monaten war es viel Zeit, die aufgewendet werden musste, denn wir befinden uns in der Phase der detaillierten Abstimmung. Im Haus bemerke ich eine positive Aufbruchstimmung – vor allem, weil wir Nutzer intensiv einbezogen werden in die Planung. Das ist nicht bei jedem Krankenhausneubau üblich. Wir werden den Bau nicht im laufenden Betrieb erleben.

Mit 240 Millionen Euro Gesamtkosten ist der Neubau das derzeit größte Krankenhaus-Bauvorhaben im Freistaat. Welche Bedeutung hat er für die Romed-Kliniken und für den Standort?

Deerberg-Wittram: Für uns ist der Bau ein zentrales Thema, denn der RoMed-Klinikverbund ist ein Gesundheitsnetzwerk, in dem jede der vier Kliniken Spezialaufgaben übernimmt. Jeder einzelne Standort hat sich neben der Grundversorgung auf bestimmte Themen konzentriert, die er besonders gut kann. Wasserburg ist ein gutes Beispiel: Hier werden Not- und Grundversorgung sichergestellt. Aber wir haben hier eben auch mit Themen wie der Geburtshilfe, der Schmerztherapie und der Versorgung dementer Menschen echte Spezialangebote. Wasserburg ist ein ganz wichtiger Standort, den wir dringend brauchen.

Warum ist das so?

Deerberg-Wittram: Die Klinik ist sogar in den alten baulichen Strukturen von 1964 in den vergangenen Jahren erheblich gewachsen. Wir haben in Wasserburg eine Steigerung der Fallzahlen von gut sechs Prozent, das ist im Vergleich zu Bayern, wo wir 2018 ein Minus von 0,29 Prozent bei den Fallzahlen hatten, ein erheblicher Unterschied. Wasserburg ist innerhalb des Romed-Verbunds der am stärksten wachsende Standort.

Eine Sanierung im Bestand wäre nicht mehr möglich gewesen?

Deerberg-Wittram: Die Immobilie ist, obwohl sie gepflegt und gut ausschaut, am Ende. Nach 50 Jahren ist es mal gut. Außerdem steht fest: Wir benötigen andere technische Ausrüstungen und Anbindungen. Ein Beispiel: In den 60er-Jahren wurden Kliniken mit einer Deckenhöhe von 3 bis 3,50 Metern gebaut, heute sind in bestimmten Bereichen wegen der Installation der Technik eher vier und mehr Meter notwendig. Es ist extrem wichtig, dass wir uns auf den neuesten Stand bringen, räumlich die Rahmenbedingungen für neue Versorgungsprozesse, neue Anbindungen von Notaufnahme, Ambulanz und OP schaffen.

Wie bewerten Sie das Neubauvorhaben vor dem Hintergrund der Tatsache, dass so viele kleine Kliniken auf dem Land schließen müssen?

Deerberg-Wittram: Es gibt wohl kein stärkeres politisches Zeichen des Freistaates, als mit Beton Fakten zu schaffen. Wasserburg spielt in unserer Gesundheitsregion eine besondere Rolle, die der Freistaat mit seinem finanziellen Engagement anerkennt. Wir sind eine der wenigen Kliniken, die sich beispielsweise aufgrund der Nähe zu Attel auf die spezielle Patientengruppe der behinderten Menschen spezialisiert haben. Die Romed-Klinik Wasserburg hat Spezialprogramme für Patienten mit Demenz. Wir haben auch den Bereich der Schmerzmedizin ausgebaut. Die Nähe zum Inn-Salzach-Klinikum ist ein Schlüssel zur besonderen Rolle, die Wasserburg spielt. Wir haben schon immer einen intensiven Kontakt gehabt. Der gemeinsame Neubau ist nicht das Ergebnis einer Not-, sondern einer echten Liebesehe.

Psychiatrie und Somatik unter einem Dach, ist das eigentlich ein neuer Ansatz im Freistaat?

Maaßen: Zwei komplette Krankenhäuser, die zusammengehen, wobei die Psychiatrie das Zentralhaus stellt, das ist in der Tat neu.

Deerberg-Wittram: Wasserburg ist ein Ansatz mit Zukunft, denn fest steht: Bei der heutigen Lebenszeitinzidenz ist die statistische Wahrscheinlichkeit, dass wir im Laufe unseres Lebens einmal psychiatrisch behandlungsbedürftig sein werden, mit 20 bis 30 Prozent extrem hoch. Auch deshalb ist es ein hochinnovativer Ansatz des Freistaates, eine psychiatrische und eine somatische Klinik unter einem Dach räumlich zu vereinen. Das geschieht übrigens auch baulich: mit einem gemeinsamen Eingang und einer gemeinsamen Notaufnahme.

Gibt es auch in der Infrastruktur Synergien?

Deerberg-Wittram: Eine Vielzahl. Wir werden die Radiologie für uns und das ISK planen. Dort gibt es ja eine Neurologie, dementsprechend groß sind die Ansprüche an die Radiologie. Das Labor wird von ISK betrieben. Wir bauen eine gemeinsame Notaufnahme, es gibt eine gemeinsame Cafeteria. Wer dort einen Kaffee trinken geht, wird eventuell mit psychisch kranken Patienten zusammen sitzen. Tabus werden fallen – auch hier sehen wir uns in einer Vorreiterrolle.

Wird es nicht schwerer, die Marke Romed in einem gemeinsamen Neubau mit einem weitaus größeren Klinikum zu positionieren?

Deerberg-Wittram: In Anbetracht von 516 Betten gegenüber unseren 130 bekommt das kbo manchmal etwas mehr Sichtbarkeit. Wir sind so selbstbewusst, dass wir davon ausgehen, dass die Bürger unsere Leistung in der gesundheitlichen Grundversorgung und in unseren Spezialgebieten auch im Neubau mit dem Inn-Salzach-Klinikum anerkennen werden. Die Zusammenarbeit mit den Kollegen ist fair und auf Augenhöhe.

Interview: Heike Duczek

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