Mordversuch im Bordell?

von Redaktion

Unzufriedener Freier muss sich vor Gericht verantworten

Traunstein/Rosenheim –- Für seine 50 Euro wollte ein Bordellkunde in Rosenheim mehr, als vorher mit der Prostituierten (21) vereinbart. Dem Streit folgte der Rausschmiss. Der 57-Jährige drohte im Weggehen, „alle umzubringen“ und holte aus seiner Wohnung zwei Messer. Zurück in dem Etablissement verletzte er den 46-jährigen Freund des Hotelbetreibers (76) erheblich. Wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung muss sich der mutmaßliche Täter jetzt vor dem Schwurgericht Traunstein mit Vorsitzendem Richter Erich Fuchs verantworten. Der schweigende Angeklagte machte gestern über seinen Anwalt fehlende Erinnerung aufgrund Alkoholisierung geltend. Das Urteil soll am 24. September verkündet werden.

Schauplatz der Messerattacke war ein Hotel an der Kufsteiner Straße. Ein 76-jähriger Rentner ist Mieter des Gebäudes und nimmt rumänische Frauen, die alle ein bis zwei Wochen wechseln, als Untermieter auf. Der Zeuge, den alle nur „Chef“ nennen, erklärte vor Gericht: „Sie zahlen Miete an mich und arbeiten selbstständig.“

In der Nacht des 23. März geriet der 57-Jährige gegen 23 Uhr mit der 21-jährigen Liebesdienerin in Streit. Der Grund: Er fühlte sich betrogen. Sie hingegen sagte, der Kunde habe erhalten, was er bezahlt habe. Der türkische Staatsangehörige schrie herum. Kolleginnen eilten zu Hilfe und verständigten die Polizei. Der „Chef“ forderte daraufhin den Freier auf, das Haus zu verlassen. Beim Rausgehen kündigte der alkoholisierte 57-Jährige an, er werde zurückkommen und „alle umbringen“, was mehrere Zeugen bestätigten.

Eine Viertelstunde später war der Angeklagte wieder da, bewaffnet mit zwei Küchenmessern und begleitet von seinem Sohn, der den Vater beschwichtigen wollte. Im Erdgeschoss trat der 57-Jährige eine Tür ein, die über einen Flur zum Zimmer der besagten Prostituierten führte. Der 76-Jährige und sein zufällig anwesender 46-jähriger Bekannter wollten Schlimmeres verhindern.

Sohn hält seinen

Vater zurück

Zunächst konnte der Sohn seinen Vater noch zurückhalten. Dann riss er sich jedoch los und stach zweimal auf den 46-Jährigen ein. Den ersten Stich mit dem Messer konnte das Opfer mit dem Arm abblocken. Dabei erlitt der Geschädigte eine Verletzung über dem linken Auge. Der zweite Messerstich erwischte die rechte Schulter. Dem 46-Jährigen gelang es, den Angreifer am Arm zu fassen. Beim Versuch, ihm das Messer zu entwinden, verletzte er sich an der Hand.

Der 57-Jährige umklammerte das Messer weiter, auch als er bereits von seinem Sohn und dem Verletzten zu Boden gebracht worden war. Erst nach Schlägen und Tritten gegen den Arm ließ er die Waffe los.

Der verletzte 46-Jährige, der im Prozess als Nebenkläger auftritt, hatte in jener Nacht gerade Arbeitsschluss gehabt. Er sah das Auto des Freundes vor dem Hotel stehen und ging in dessen Büro. Da hörte er Mädchen von „Problemen mit einem Gast“ reden. Der „Chef“ nahm die Drohung mit dem Umbringen allerdings nicht ernst. So etwas höre er öfter, passiert sei aber nie etwas, meinte der 76-Jährige.

Der Geschädigte, dem Opferanwalt Peter Dürr aus Rosenheim zur Seite stand, bestätigte gestern den Sachverhalt der Anklage. Der 46-Jährige erinnerte sich, er habe „furchtbar geblutet“ und leide noch immer unter Folgen wie Bewegungseinschränkungen, Schmerzen und Kribbeln.

Ein Stich sei 4,5 Zentimeter tief in die Schulter eingedrungen, eine Sehne verletzt worden. Noch immer habe er keine Kraft im Arm, was ihn beruflich beeinträchtige. Am Kopf habe er ein Taubheitsgefühl, außerdem plagten ihn Ängste.

Die 21-jährige Prostituierte sagte aus, der Angeklagte habe sie gegen 50 Euro für 15 Minuten gebucht. Er habe sie während des Geschlechtsverkehrs an Gesicht und Hals angefasst, was sie nicht gewollt habe. Das habe sie ihm dreimal gesagt. Da habe sie gefordert: „Jetzt ist Schluss.“ Doch der 57-Jährige habe sie nicht gehen lassen wollen. Da sei er wütend geworden. Eine 24-jährige Kollegin hörte den Satz mit dem Umbringen und das Sturmklingeln des Angeklagten bei der Rückkehr. Sie schloss sich in ihrem Zimmer ein und wählte zweimal den Notruf.

Die Sachbearbeiterin der Kripo Rosenheim legte Überwachungsvideos vor, die die maßgeblichen Szenen aber nicht zeigten. Die Zeugin schilderte, fünf Damen hätten zur Tatzeit in dem Bordell gearbeitet. Beamte der Rosenheimer Polizei seien schnell da gewesen. Die Situation habe sich anfangs unübersichtlich dargestellt: „Es sah wüst aus. Überall war Blut.“

Der Angeklagte schweigt

Der Angeklagte, der seit 1990 in Deutschland lebt, zog sich gestern auf sein Schweigerecht zurück. Über seinen Verteidiger, Dr. Markus Frank aus Rosenheim, ließ er vortragen, er habe „keine Erinnerung“ an jene Nacht. Die Vorwürfe der Anklage seien nur im Zusammenhang mit starkem Alkoholkonsum erklärbar.

Nach Ansicht von Staatsanwalt Dr. Oliver Mößner stehe die versuchte Tötung aber in keinem Verhältnis zum Anlass – dem Streit mit der Prostituierten. Der 57-Jährige habe erkannt, dass die Stiche lebensgefährliche oder gar tödliche Folgen hätten haben können.

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