Rosenheim – Die Feuerwehr schlägt Alarm: Von den 852 Einsätzen des vergangenen Jahres in der Stadt Rosenheim basierten allein 168 auf Fehlalarmierungen. Das hat Folgen: personell, in der Motivation der Aktiven und in der Ausrichtung der Leitstelle, über welche die Alarmierungen zur Feuerwehr kommen. Experten sehen in der Zunahme der Fehlalarme unter anderem drei Entwicklungen: die Brandmeldepflicht (in Privatwohnungen) sowie ein gesellschaftliches Problem. Und das Handy.
„Die Hilflosigkeit des Bürgers ist immer mehr erkennbar“, stellt Stadtbrandrat Hans Meyrl fest. Statt sich bei „Kleinigkeiten“ selbst zu helfen oder den Nachbarn anzusprechen, werde sofort die Feuerwehr alarmiert. Klassisches Beispiel, mit dem sich die Feuerwehren herumschlagen müssen: Die Waschmaschine im Bad ist ausgelaufen. Statt Putzeimer und Wischtuch als erste Selbsthilfe zu nutzen, wird die Feuerwehr als „Mädchen für alles“ verständigt.
Handy verführt
zur Alarmierung
Und da kommt das Handy ins Spiel. „Es steckt in der Hosentasche, ist immer griffbereit, und so lässt sich sofort und bequem die Notrufnummer eintippen“, erklärt der Stadtbrandrat. Das alles im Gegensatz zum – umständlicheren – Anruf vom Festnetz-Telefon, bei dem der Betroffene aus Bequemlichkeit eher auf den Notruf verzichtet und nach dem Motto verfährt: „Selbst ist der Mann/die Frau“.
Das Phänomen, sich nicht selbst in überschaubaren Fällen zu helfen oder von Nachbarn helfen zu lassen, hat auch Kreisbrandrat Richard Schrank beobachtet. Er sieht aber einen Unterschied: „In den ländlichen Bereichen des Landkreises ist die Gemeinschaft noch ausgeprägt. Da hilft einer dem anderen. In Städten wie Bad Aibling, Kolbermoor oder Wasserburg wird wesentlich schneller der Notruf abgesetzt.“
Die Ursachen für Fehlalarmierungen sind vielschichtig. Schon vorgekommen: „Ein Autofahrer sieht im Vorbeifahren Rauch aus einem Haus aufsteigen, ruft uns und wir stellen fest: Es war der Kamin“, sagt Meyrl. Die Aufmerksamkeit sei lobenswert, ein vorheriges Nachhaken für die Feuerwehr hilfreich. Ein Einsatz wäre erspart geblieben.
Insgesamt 852 Einsätze gab es für die Rosenheimer Feuerwehr in 2018, wovon sie 168-mal wegen Falschmeldungen ausrückte. Davon waren wiederum elf böswillige Anrufe, 20-mal war ein Rauchmelder defekt, 15-mal gab es einen irrtümlichen Alarm – wie die Sache mit dem Kamin. Dazu kommen 120 Fehleranzeigen bei Gefahrenmeldeanlagen – das sind Rauchmelder in öffentlichen Gebäuden wie zum Beispiel im Eisstadion. „Wir haben in Rosenheim 300 Objekte, in denen solche Melder eingebaut sind“, betont der Stadtbrandrat. Dass sie plötzlich von selbst losheulen, könne an Programmierfehlern liegen oder einem technischen Defekt.
In Wasserburg kommt es vor, dass beim Beladen von Lkws eine Anlage an Industriebauten tangiert wird und den Alarm auslöst. Georg Schmaderer von der Feuerwehr in Wasserburg bestätigt die Erfahrungen seiner Kollegen: Er sieht Verbesserungen. Denn der Grund, warum Brandmeldeanlagen alarmieren, sei teils genauer. „Wir, als Feuerwehren, fahren lieber einmal zuviel, als zu wenig.“
Verschont bleibt auch der Landkreis nicht. 15 Prozent mehr Fehlalarmierungen als 2017 registriert Kreisbrandrat Schrank. 2018 waren es 531, im Jahr zuvor „nur“ 462 (siehe Statistik). Die Einbaupflicht von privaten Rauchwarnmeldern erhöht die Zahl der Falschmeldungen. 35 Prozent mehr sind es 2018 (absolute Zahl: 46) im Vergleich zu 2017 (30). Das angebrannte Essen im Kochtopf auf dem Herd ist auch hier das klassische Beispiel. „Oder die Batterien, die gewechselt werden müssen“, sagt Meyrl, die Wohnungsinhaber aber nicht daheim sind und die Mitbewohner uns verständigen.“ Fazit: Je mehr Meldeanlagen, desto mehr falsche Alarmierungen. Feuerwehrleute brauchen keine Statistik, um deswegen gefrustet zu sein. Wie zeigt sich das? Da sind sich Stadt- sowie Kreisbrandrat einig: Die Ausrückbereitschaft lässt nach, wenn es heißt: Alarmierung durch Brandmeldeanlage – da es sich dann fast immer um einen Fehlalarm handelt. So verlässt etwa ein Drittel der Aktiven mittlerweile seinen Arbeitsplatz untertags nicht mehr, trotz eines durchaus verständnisvollen Arbeitgebers. „Aber“, betonen beide Feuerwehr-Funktionäre, „wir nehmen jeden Einsatz ernst.“
Führt der Fehlalarm-Frust dazu, die Brocken hinzuschmeißen? Ein Kamerad, sagt Meyrl, habe vergangenes Jahr mit 61 Jahren aufgehört. Er denke aber nicht, dass die „falschen Einsätze“ alleiniger Grund dafür gewesen seien. Andere Fälle sind auch dem Kreisbrandrat nicht bekannt.
Meldebild bei der Leitstelle verbessern
Die Stadt Rosenheim hatte vor neun Jahren bereits in Abstimmung mit der Feuerwehr auf Fehlalarme reagiert. So rückt zunächst eine Einsatz-Staffel – das sind sechs hauptamtliche Kräfte – aus und sondiert die Lage. Schrank beabsichtigt mehr Vorsorge, denn das Thema Fehlalarm werde intern heiß diskutiert. Ziel: Das Meldebild verbessern. Alle Notrufe laufen bei der Leitstelle ein, die die Feuerwehr benachrichtigt. Eine Detail-Abfrage durch die Leitstelle, soll die Spreu vom Weizen trennen. Außerdem: „Immer wieder die Bevölkerung informieren“, sagt Schrank. „Es kann nicht sein, dass man, statt eines heruntergefallenen Astes selbst von der Straße zu entfernen, einfach weiterfährt und die Feuerwehr alarmiert. Früher half man sich hier selbst.“