Rosenheim – Es geht um Kalk. Je älter der Mensch wird, desto größer die Gefahr der Verkalkung von Arterien. Vor allem rund ums Herz. Die dortigen Kranzgefäße sind fragil und müssen sozusagen mit Samthandschuhen angefasst werden. Bisher sorgte ein Ballon dafür, dass die Kalkmassen, die diese Adern verstopfen und den Durchfluss von Blut und Sauerstoff verhindern, wieder frei werden.
Durch einen Ballon auf die Beine kommen
Der zusammengefaltete Ballon wird mit einem äußerst dünnen Herzkatheter in die Engstelle eingesetzt, dann per Druckspritze aufgeblasen. Dadurch wird das Gefäß geweitet, Blut und Sauerstoff können den Herzmuskel wieder ernähren. Um ihn weiter fit zu halten, wird zugleich ein Stent (maschenartiges Metallgerüst) eingesetzt. Er stabilisiert das geweitete Gefäß, entfaltet sich nach der Implantation, und „sieht dann aus wie das Gitter eines Zaunes“, erklärt Chefarzt Dr. Martin Morgenstern.
Der Kardiologe und Leiter der Medizinischen KlinikI an der Romed-Klinik in Rosenheim ist hierzulande einmal mehr Vorreiter für eine hochmoderne, neue Methode gegen verkalkte Herzkranzgefäße: die Stoßwellenbehandlung. Sie ersetzt oder ergänzt die herkömmliche Therapie in bestimmten Fällen. Zum Beispiel bei hochbetagten und/ oder kranken Patienten, denen etwa eine Bypass-Operation nicht zumutbar wäre. Morgenstern: „Die koronare Lithotripsie (Zertrümmerung der Kalkmasse in den Herzkranzgefäßen) ist eine neue Behandlungsmöglichkeit der chronisch stabilen Herzkranzgefäßerkrankung, die durch Atemnot und Druck auf der Brust bei Belastung gekennzeichnet ist.“ Diese Einengung der Herzkranzgefäße (Atherosklerose) nennt sich stabile koronare Herzerkrankung. Aus der stabilen kann indes eine instabile werden: Symptome wie Beklemmungsgefühl treten dann auch ohne Belastung auf.
Patient wundert sich: Wie, das war´s schon?
Seit Juni 2018 ist die Stoßwellenbehandlung an der Rosenheimer Klinik etabliert. Dem Vernehmen nach einzigartig in Oberbayern, nur noch das Klinikum der Ludwig-Maximilian-Universität in Großhadern bietet zurzeit diese Behandlung an. Zusammen mit seinem Oberarzt Dr. Stefan Gozolis hat Morgenstern am Donnerstag gerade dem vierten Patienten erfolgreich zu einem wieder lebenswerten Leben verholfen. Denn: „Diese Menschen sind Tag für Tag großem Leidensdruck ausgesetzt“, so der Mediziner. Reaktion eines kürzlich operierten Patienten, ein Mann in den 80-ern: „Das ist ja gar kein Vergleich zu vorher!“ und, gleich nach dem Eingriff, eines weiteren: „Wie, das war´s schon?“.
Die Stoßwellenmethode entwickelten Gozolis zufolge erstmals Kardiologen in Kalifornien (USA) nach entsprechenden Studien. Ausgerechnet dort ist die Methode noch nicht zugelassen. Das liegt an einem komplizierteren Genehmigungssystem. „Bei der Herzchirurgie“, sagt Morgenstein, „hat Europa immer schon die Nase vorn gehabt.“
Seit der Zulassung Mitte 2018 wurden auf dem Kontinent 3000 Menschen auf diese Weise operiert, in Deutschland bieten 60 bis 70 Kliniken die Methode an, in ganz Bayern etwa 15. Der erste Patient in der Romed-Klinik wurde am 1. August erfolgreich operiert. Alle diese Fälle haben eins gemeinsam: Bisher kam es weder in den Studien noch bei den klinischen Einsätzen außerhalb der Studien zu Komplikationen aufgrund der Anwendung.
Die Kardiologie in Rosenheim ist immer schon ein großes Interventionszentrum gewesen und Herzspezialist Morgenstein ständig auf der Suche nach innovativen und schonenden Verfahren – gerade mit Blick auf die älter werdenden Menschen und damit die wachsende Patientengruppe, bei der sich im Laufe des Lebens Arteriosklerose einstellt. Dies sei auch im Landkreis Rosenheim zu beobachten, so Morgenstern.
Kardiologie: 4000 Patienten jährlich
Die Rosenheimer Kardiologie verarztet inzwischen im Jahr 4000 herzkranke Menschen – nun auch mit dem neuen Verfahren, das übrigens seit längeren ähnlich angewendet wird bei der Zertrümmerung von Nierensteinen oder einer Kalkschulter. Am Herzen aber, wo die Arterien gerade mal zwei Millimeter dick sind, ist das eine Arbeit mit Fingerspitzengefühl.
Wie aber funktioniert die koronare Lithotripsie im Vergleich zur herkömmlichen Methode? „Im Gegensatz zum akuten Herzinfarkt, der meist durch Blutgerinnsel in den Herzkranzgefäßen zustande kommt, sind hier oftmals stark verkalkte Arterien am Herzen die Ursache der Beschwerden“, sagt Morgenstern. Nicht immer könne mit Ballon-Kathetern ein Platz für einen Stent geschaffen werden, der dann das Blutgefäß langfristig offen halte. „In einigen Fällen kann mit einem Hochfrequenz-Diamant-Bohrer der Kalk in den Adern abgefräst werden. Häufig ist dies aber nicht möglich oder mit einem erhöhten Risiko verbunden“, so der Chefarzt.
Was das dem Operateur und dem Patienten abverlangt, zeigt diese Angabe: Der Hochfrequenz-Diamantbohrer arbeitet mit 160000 Umdrehungen pro Minute. Während des Eingriffs muss der Fräser immer wieder gekühlt werden. Auch dadurch dauert die OP circa zwei Stunden. Die Stoßwellenzerkleinerung der Koronarverkalkung – so der Begriff – ist laut den Kardiologen hingegen „ein neues schonendes und sicheres Verfahren.“ OP-Dauer: etwa eine Stunde.
So geht es weiter
im Herzkatheterlabor
Die beiden Fachärzte stehen im Herzkatheterlabor – ähnlich dem OP-Saal – in Schutzkleidung (Bleischürzen). Sie verabreichen dem Patienten ein Rötgenkontrastmittel. Damit können sie das Innenleben der Gefäße erkennen und die Verkalkung präzise orten. Für diese Untersuchung haben sie zuvor einen speziellen dünnen Katheter über den Arm zum Herzen vorgeschoben. Schmerzfrei. Wie überhaupt die gesamte Operation für den Patienten ist.
Ohne Vollnarkose
und nur eine Stunde
Es geht los: Der Patient hat längst eine Lokalanästhesie bekommen – an dieser Stelle verzichtete sogar einer der bisher Operierten auf den Sichtschutz, der ihn vom Chirurgen abschirmt. Morgenstern und Gozolis rücken den Verengungen zu Leibe und sprengen die Verkalkungen mit Stoßwellenenergie auf. Das geschieht ebenfalls mit einem Ballon, in dem der Stoßwellen-Katheter steckt. Er gibt Druckwellen ab, welche die Verkalkung fragmentieren, also in feinste Partikel zerreiben. So wird die Masse weich und an die Gefäßwand gedrückt. Danach: Ballon raus, nächster Ballon mit dem Stent rein. Der stammt aus der aktuellen dritten Generation und hat eine Spezialbeschichtung. „Sie verhindert, dass sich erneut Kalk absetzt und blockiert“, so Morgenstern. Über den Stent wachse dann eine neue Gefäßinnenwand.