Rosenheim – Polizei, Wirtschaftlicher Verband (WV) als Veranstalter und die Stadt Rosenheim präsentieren regelmäßig vor dem Wiesn-Start ihr ausgeklügeltes Sicherheitskonzept: an Spitzentagen bis zu 100 Sicherheitskräfte auf dem Festgelände, uniformierte und zivile Beamte, Videoüberwachung, Sprengstoffhunde, Reiterstaffel und vieles mehr. Auch an die Feiernden nach Wiesn-Schluss um 23 Uhr ist gedacht: mit erhöhter Polizeipräsenz in der Innenstadt und einer „City-Streife“, die Donnerstag bis Samstag nachts durch die Straßen patrouilliert.
Und dennoch: In der Nacht auf den 8. September wurde eine 21-Jährige aus dem Landkreis Rosenheim im Riedergarten Opfer einer brutalen Vergewaltigung. Bis heute konnte der Täter trotz intensiver Ermittlungen nicht gefasst werden. Spuren und Hinweisen geht die achtköpfige Ermittlungsgruppe „Park“ mit Hochdruck nach.
Neben der Bestürzung über die schreckliche Tat ist in der Bevölkerung eine Diskussion entbrannt, wie es um die Sicherheit in der Stadt steht.
Erst recht, seit eine weitere Sexualstraftat bekannt wurde, die sich in derselben Nacht im „Tatzlwurm“ auf dem Rosenheimer Herbstfest ereignet hat: Hier wurde eine junge Frau aus Prutting Opfer einer sexuellen Belästigung. Eine Gruppe Männer hatte die junge Frau im Gedränge umzingelt, ihr Bluse und Mieder aufgerissen, war ihr unter den Dirndlrock gegangen. Ein massiver und brutaler Übergriff, wie die OVB-Heimatzeitungen aus zuverlässiger Quelle erfahren haben.
Der Polizei Rosenheim liegt eine Anzeige wegen sexueller Belästigung vor, die Ermittlungen laufen auch in diesem Fall. „Es handelt sich um eine Straftat, die sich gewissermaßen im öffentlichen Raum ereignet hat, es müsste also auch jemand etwas mitbekommen haben“, erklärt dazu Polizeisprecher Alexander Huber. Entsprechende Befragungen würden vorgenommen. Sind sie bereits von Erfolg gekrönt? „Es gibt Ansätze, man muss sehen, was dabei rauskommt“, ergänzt er.
Ein angezeigter und damit registrierter sexueller Übergriff während des Herbstfestbetriebs – doch wieso wird das Thema gänzlich von der offiziellen Wiesn-Bilanz ausgeklammert?
Für das Weglassen führt die Polizei auf Nachfrage gleich mehrere Gründe an. Zum einen: Weil es sich um einen, wenn auch unschönen, Einzelfall handle, erklärt der Polizeisprecher. Zum anderen: wegen des Opferschutzes. Und: Weil kein falsches Bild in der Öffentlichkeit entstehen solle. Schließlich, ergänzt Huber, solle nicht der Eindruck erweckt werden, man könne nicht mehr auf das Herbstfest gehen, ohne begrapscht zu werden. „Denn im Verhältnis zu anderen Veranstaltungen und auch zum Besucheraufkommen haben wir ein sehr sicheres Fest“, betont der Sprecher. „Wir können stolz darauf sein, dass so wenig passiert.“
Deutlich mehr
Wiesnverbote
Die Zahlen der Wiesn-Bilanzen aus den letzten Jahren zeigen folgendes Bild: In einigen Bereichen ist die Zahl der Straftaten gesunken, die Wiesnverbote sind indes deutlich gestiegen.
Zur Gesamtzahl: Während 2009 noch insgesamt 153 Straftaten mit Herbstfest-Bezug registriert wurden, liegen die aktuellen Zahlen laut Polizei bei 128.
Im Einzelnen: Die Anzahl der „Gewahrsamnahmen“, also Personen, die im Zellentrakt der PI Rosenheim landeten (Krawall, Ausnüchterung, etc.), reduzierte sich gegenüber 2009 von 66 auf 38 Fälle.
Ebenfalls ein Rückgang: bei den Körperverletzungen. Deren Anzahl ging gegenüber vor zehn Jahren von damals 48 auf aktuell 35 zurück.
Deutlich nach oben schnellten indes die Wiesnverbote. Waren es 2009 noch 44 Personen, die vom Festplatz verbannt wurden, liegt die aktuelle Anzahl bereits bei 119 Verweisen. Betroffen davon sind laut Polizei Störenfriede, Randalierer und Krawallmacher. Halten sie sich nicht daran, folgt eine Anzeige wegen Hausfriedensbruch. Hier mache sich das Sicherheitskonzept bezahlt, ist Polizeisprecher Huber überzeugt. „Die Zusammenarbeit mit den Sicherheitsdiensten klappt super.“
Die Waage halten sich dieDiebstähle, vorwiegend Handtaschen, Geldbeutel und Handys: 2009 waren 45 registriert, zehn Jahre später sind es 47. Wobei zuletzt insbesondere die Radldiebstähle herausstachen mit insgesamt 15 Fällen (2018: 6). Gleichzeitig kann auf diesem Feld die Polizei einen Fahndungserfolg aufweisen: Zivilbeamte ertappten einen Radldieb auf frischer Tat. Die Ermittlungen dazu sind laut Polizei noch nicht abgeschlossen.
Keine großen Ausreißer zeigen sich bei den Verkehrsdelikten. Mit Alkohol und/oder Drogen am Steuer wurden 2009 insgesamt 18 Autofahrer herausgefischt, in diesem Jahr 16.
Die teuren Lehrgelder von teils mehreren Hundert Euro scheinen sich bei den Parksündern bezahlt gemacht zu haben. Das vermutet zumindest Polizeisprecher Huber.
Denn die Anzahl der Autos, die Rettungswege oder Feuerwehrzufahrten versperrten und in der Folge an den Abschlepphaken mussten, reduzierte sich von 54 auf zuletzt neun Stück. „Es hat sich offenbar rumgesprochen, dass das teuer wird“, meint Huber.
Eine stolze Wiesn-Bilanz 2019 von Polizei und Wirtschaftlichem Verband – demgegenüber eine gewisse Sorge der Bevölkerung steht. Denn die Sexualdelikte entsetzen nicht nur, sie machen auch nachdenklich. Erhöhte Wachsamkeit ist zumindest unabdingbar, darauf verweist der Frauen- und Mädchennotruf Rosenheim. Karin Gack, Mitglied des Vorstands, warnt deshalb eindringlich: Nie alleine gehen, sich verabreden und absprechen, wann es wie nach Hause oder in eine andere Lokalität geht.
„Das kann auch über eine kleine, private Whatsapp-Gruppe funktionieren“, gibt sie Ratschläge aus der Praxis. Und Gack betont noch einmal: „Einfach nie alleine gehen.“