Vertreter aus Kommunen, Investoren und Architekten verfolgten die Ausführungen zu modernen Bauten.
Kolbermoor – „Besser bauen – besser leben“, unter diesem Motto fand im Kesselhaus in Kolbermoor der Baukulturtag statt. Dabei ging es um viel mehr als um das reine Bauen an sich. Nicht weniger als die Frage „Wie wollen wir in Zukunft leben?“ stand im Mittelpunkt. Themen wie Nachhaltigkeit, Verantwortung für die Region, Einzelbedürfnisse und Gemeinwohl kamen auf die Agenda. Die Quest AG und Partner hatten dazu Architekten, Lokalpolitiker, Verbände und Bürger eingeladen. Auf dem Podium gaben namhafte Referenten unerwartete und unkonventionelle Einblicke in das Bauen von heute und morgen.
Zusammenarbeit ein wichtiger Baustein
Moderatorin Karla Schilde, Baudirektorin vom Referat für Stadtplanung und Bauordnung München, skizzierte den Begriff der Baukultur eingangs wie folgt: „Ein Ort oder eine Gruppe von Personen, die mit Engagement Projekte vorantreiben.“ Dass es dazu nicht nur kompetente Bauherren und Planer braucht, sondern gerade bei kommunalen Projekten auch eine Beteiligung der Öffentlichkeit, wussten die anwesenden Bürgermeister nur zu gut. Wie dieser Prozess gewinnbringend und zielführend durchschritten werden kann, das zeigte Roland Gruber, Geschäftsführer der Firma nonconform.
Räume für Menschen und mit Menschen
Das Architekturbüro für partizipative Planung mit Hauptsitz in Wien hat es sich zur Aufgabe gemacht, Räume für Menschen mit Menschen zu entwickeln. Dabei verlässt man in Sachen Bürgerbeteiligung ganz bewusst ausgetrampelte Pfade. Anhand einiger Tipps skizzierte Gruber, wie sich ein Planungsprozess mit Einbeziehung der Öffentlichkeit sinnvoll gestalten lässt.
In „Ideenwerkstätten“ bietet das Unternehmen dazu eine Begleitung vor Ort an. Dabei sei es wichtig, anfangs alle Aufgaben zu definieren und natürlich möglichst viele Menschen zum Mitmachen zu animieren. Eine besondere Dynamik erlangen die Arbeitstreffen, indem eine gute Atmosphäre und „magische Momente“ kreiert werden. Dazu eignen sich etwa besondere Orte und das Schaffen einer Werkstattatmosphäre.
Gutes Essen und Trinken fördert die Laune der Beteiligten. „Das schaut meist einfach aus, ist es aber nicht“, so Gruber. Nicht zuletzt gehe es auch darum, aus dem Prozess die Essenz herauszufiltern. Mit einer ganz neuen Form – einer Kombination aus Architektenwettbewerb und Bürgerbeteiligung – experimentiere man gerade. Dabei werden etwa Colloquien und Jurysitzung mit einer Teilöffentlichkeit ergänzt. Grundsätzlich, so Gruber, gehe es bei der Bürgerbeteiligung immer darum, Vorurteile ab- und Vertrauen aufzubauen. So würden Bauvorhaben zu „Wir-Projekten“.
Einen Blick auf das Bauen auf dem Land warf Prof. Florian Nagler, Architekt und Dozent an der TU München. „Das Land ist unter Druck“, betonte er. Wohnraummangel herrscht immerhin nicht mehr nur in Metropolen, sondern auch in der Fläche. Prof. Nagler zeigte Ansätze, wie man mit Nachverdichtung oder Umnutzung Wohnraum schaffen kann. Einfamilienhäuser – der Traum vieler Deutscher – sind ihm ein Dorn im Auge. Ein Projekt in Fischbachau, wo sein Team in großem Umfang Wohnraum mit teils viergeschossigen Häusern mit flexiblen Grundrissen schaffen wollte, sei aber nicht zu vermitteln gewesen. Dort werden nun 27 Einfamilienhäuser entstehen.
Sparsamer Umgang mit Boden-Ressource
Nagler sprach sich aber nicht nur dafür aus, die Ressource „Boden“ zu sparen. Er plädierte auch für eine Reduzierung der Technik beim Bauen. Anhand eines vom ihm geplanten Projekts – einer Schule in Augsburg, in der elfschichtige Trennwände verbaut werden mussten, um Auflagen zu erfüllen – machte er klar: „So kann es nicht weitergehen!“ An der TU forscht er nun an drei ganz simplen Konstruktionen: Einem Haus aus Holz, einem aus Dämmbeton und einem mit Mauerwerk. In Sachen Baukosten, so sein Fazit, seien die reduzierten Ausführungen aus Holz und Mauerwerk konkurrenzfähig.
Für den Gastgeber, Dr. Max von Bredow, Vorstandsvorsitzender der Quest AG, setzt sich Baukultur aus vier Aspekten zusammen: Gestaltung, einer ökonomischen, einer ökologischen und einer sozialen Dimension. Er machte klar, dass Vorzeigeprojekte wie die Alte Spinnerei – im vergangenen Jahr mit dem Baukulturpreis der Metropolregion München ausgezeichnet – nicht geradlinig realisiert würden.
„Es ist meist eher ein Kuddelmuddel“, sagte er. Seine Tipps, um dabei trotzdem zu einem erfolgreichen Ziel zu kommen, waren vielfältig. So solle man etwa vom Kunden lernen – wobei man bei öffentlichen Projekten den Bürger durchaus als Kunde anerkennen dürfe. Der Hinweis, bereits in der „Leistungsphase 0“ sorgfältig zu planen, dürfte einiges an Budget sparen.
Der soziale Aspekt kann durch das Schaffen von Treffpunkten außerhalb der Wohnungen bedient werden. Von Bredow lässt in Quest-Projekten gerne einen „Flez“ realisieren. Angelehnt an den Eingangsbereich alter Bauernhäuser lädt ein Bankerl in einem geschützten Durchgangsbereich zum Treffen und zur Kommunikation ein. „Gute Architektur trage mit Attraktivität und Funktion dazu bei, dass Menschen dort gerne wohnen“, betonte Landtagsabgeordneter Otto Lederer. Das gelinge, wenn sich Planer, Architekten und Bürger intensiv austauschten. Eine wichtige Plattform dafür sei der Baukulturtag. Gesundes, bezahlbares Wohnen mit mehr Licht, Luft und Natur – diese Forderung von Bauhaus-Gründer Walter Gropius sei heute aktueller denn je. Ein erster Schritt zur Verbesserung ist ihm zufolge die Reform der bayerischen Bauverordnung, die ein schnelleres Bauen ermögliche. Wolfgang Wittmann sah als Geschäftsführer der Europäischen Metropolregion München keinen Widerspruch darin, sich mit Baukultur auf dem Land zu beschäftigen. Nicht nur Metropolen, sondern auch die gesamte Region um München wachse.
Ziel: Akteure zusammenbringen
„Wir wollen die Akteure zusammenbringen und zeigen, wie man das schön gestalten kann“, sagte er. Damit wolle man die Angst vor dem Wachstum nehmen und einen Beitrag leisten für eine nachhaltige Entwicklung der Region.
Wie eine Industriebrache sinnvoll und ästhetisch neu belebt wurde, das konnten die Besucher beim anschließenden Rundgang erleben. Die Führungen über die Alte Spinnerei und durch die Werkssiedlung beinhalteten Themen wie Architektur und Quartiersmanagement.