Olympiahelden wieder „dahoam“ in Inzell

von Redaktion

Sportwelt atmet nach Horror-Sturz auf: Norwegische Athleten hatten Glück im Unglück

Bernau/Inzell – Eisschnellläufer sind hart im Nehmen. Blaue Flecken oder Schürfwunden gehören zum Trainingsalltag. Nicht aber dieser Sturz: Die norwegischen Olympiahelden Sverre Lunde Pedersen (27) und Simen Spieler Nilsen (26) sind am Dienstagnachmittag bei Bernau am Chiemsee so schwer mit ihren Rennrädern verunglückt, dass sogar ein Rettungshubschrauber im Einsatz war.

Mit dem Helikopter wurde Spieler Nilsen ins Krankenhaus nach Traunstein geflogen, Lunde Pedersen kam in die Romed-Klinik Prien – tagelang hielt die Sportwelt den Atem an.

Dann am Donnerstag die erlösende Nachricht: Die Ausnahme-Athleten haben weder schwere Rückenverletzungen noch Knochenbrüche davongetragen, wie zunächst befürchtet worden war. So durfte Lunde Pedersen schon am Mittwochabend wieder „heim“ nach Inzell. Spieler Nilsen stieß einen Tag später zum norwegischen Team, das vor einer Woche sein Trainingsquartier im Hotel Chiemgau-Appartments bezogen hat.

Doch es muss ein fürchterlicher Sturz gewesen sein, der die zwei Kufenflitzer nicht nur körperlich gezeichnet hat. „Die Geschwindigkeit war hoch, beide haben einen schweren Schock erlitten“, verriet der Sportliche Leiter des norwegischen Eislaufverbands, Lasse Sætre. „Sverre hat beim Aufprall tiefe Schürfwunden erlitten, bei Simen waren mehrere Untersuchungen erforderlich, um schwerere Verletzungen auszuschließen“, so der Teamchef weiter.

Zu dem Unglück kam es während einer Trainingseinheit mit dem Rennrad. Die Norweger waren zu viert durch den Chiemgau unterwegs, radelten auf der Aschauer Straße von Aschau nach Bernau – und ausgerechnet in dem lang gezogenen Gefällstück vor dem Ortseingang von Bernau passierte es. Genau dort, wo Freizeitradler gern einmal auf die Bremse treten, weil es mehrere hundert Meter leicht bergab geht.

Die Spitzensportler aus Skandinavien werden das nicht gemacht haben. „Bei dem schnellen Sprint“, so formuliert es die Polizei in Grassau, sei einer der Norweger ins Straucheln gekommen, habe die Kontrolle über sein Rennrad verloren und einen Mannschaftskameraden touchiert. So stürzten die zwei Olympiasieger von Pyeongchang schwer auf den Asphalt der Kreisstraße.

Kenner der Strecke schätzen, dass Top-Sportler dort locker auf 50 km/h kommen – „vielleicht sogar auf deutlich mehr“, sagt ein Priener, der ab und zu als Hobbyradler von Aschau nach Bernau unterwegs ist. „Ich bremse da lieber ein paarmal, weil mir das sonst zu schnell wird“, sagt der 57-Jährige.

Wer im Chiemgau daheim ist, für den sind Radlergruppen, die mit hohem Tempo unterwegs sind, speziell im Spätsommer nichts Besonderes. Eisschnellläufer und Biathleten holen sich im September nicht nur in den Chiemgauer Arenen und Fitnessräumen, sondern auch auf der Straße Kraft und Ausdauer für den Sportwinter. Das ist schon seit Jahrzehnten so. „Die Eisschnellläufer und Inzell – wir sind längst eine große Sportfamilie. Freundschaften sind entstanden, der Zusammenhalt ist groß“, sagt Marcus Geppert, Geschäftsführer der Chiemgau-Appartments.

Das zeigt sich auch an den Friesingers – der wohl berühmtesten Eisschnelllauffamilie aus dem Chiemgau: Anni Friesinger (42), dreifache Olympiasiegerin, hat den niederländischen Ex-Läufer Ids Postma geheiratet, Schwester Agnes Friesinger (34) wohnt mit ihrem Freund, Ex-Läufer Risto Rosendahl, in Finnland, und Bruder Jan Friesinger (38) lebt dort, wo die zwei Pechvögel von Bernau herkommen: in Norwegen.

Aber „Pechvögel“ trifft es in den Augen von Geppert nicht. „Sie hatten großes Glück im Unglück, gottseidank ist es glimpflicher abgegangen als befürchtet“, sagt der Hotelchef. In der Tat: Sverre Lunde Pedersen wird laut Teamchef Sætre nach einem reduzierten Trainingspensum schon in wenigen Tagen wieder voll einsteigen, bei Simen Spieler Nilsen wird es Mitte Oktober so weit sein. Die Erleichterung ist groß in der 20-köpfigen norwegischen Delegation, die in den Chiemgau-Appartments – mit kurzen Unterbrechungen – etwa noch einen Monat wohnen wird.

Dass Inzell heute weltweit als Eislauf-Mekka gilt, dass nicht nur die Norweger da sind, „sondern auch viele weitere Spitzenathleten aus Holland, Russland, Italien, Rumänien oder Polen“ (Geppert) – das liegt an vielen Faktoren: Am besonderen Eis in der Max-Aicher-Arena, der touristischen Infrastruktur im Ort, der traumhaften Umgebung und den Visionären, die vor Jahrzehnten die Weichen gestellt und kräftig investiert haben.

Für Eisschnellläufer ist Radfahren ein elementarer Bestandteil des Trainingsprogramms. „Hier in Inzell schwingen sich die Sportler quasi vor der Haustür aufs Fahrrad – und ab geht die Post. In der Großstadt geht so etwas nicht“, erklärt Geppert einen der vielen Standortvorteile.

Kleinere Zwischenfälle hat es bei den Trainingseinheiten auf öffentlichen Straßen schon ab und zu gegeben. Vor zehn Jahren etwa soll eine Gruppe von Biathleten fast von einem Lkw gestreift worden sein. Die Sportler retteten sich damals mit einem Sprung in die Wiese, kamen mit dem Schrecken davon.

„Das Eis gibt
auch nicht nach“

An einen ähnlich schweren Unfall wie den Sturz der beiden Norweger vom Mittwoch kann sich aber niemand erinnern. Doch Sverre und Simen, da ist Geppert sicher, werden schnell wieder auf die Beine kommen: „Das sind zähe Burschen. Das Eis gibt, wie der Asphalt, auch nicht nach.“

Die Athleten

Simen Spieler Nilsen (26) feierte seine ersten Erfolge 2010 bei der Junioren-WM im Eisschnelllauf in Moskau. 2014 wurde er bei den Olympischen Spielen in Sotschi Fünfter in der Teamverfolgung, 2018 in Pyeongchang holte er mit Norwegen in der Teamverfolgung Olympia-Gold.

Sverre Lunde Pedersen (27) fährt seit 2009 im Eisschnelllauf-Weltcup, gewann 2010 Gold bei der Junioren-WM in Moskau. Bei der ersten Olympiateilnahme 2014 in Sotschi gab es einen fünften und einen achten Platz, 2018 in der Teamverfolgung Gold und über 5000 Meter Bronze.

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