Samerberg/Rosenheim – Für das Ehepaar Kerstin und Ralf Rüth sowie Tochter Chiara war es wie ein Besuch aus dem Jenseits: Kaum mit dem Boot an einem von Tochter und Schwester Melanies (21) Lieblingsort, einer einsamen Bucht auf der griechischen Insel Lefkas, angekommen, gesellten sich zwei bunte Schmetterlinge zur Samerberger Familie. Über zwei Stunden blieben die Tiere im Umkreis der Familie, so als wollten sie sagen: „Seid nicht traurig, wir sind doch noch hier.“
Nicht nur die 21-jährige Melanie, auch ihre Freundin und Nachbarin Ramona (15) hatte diesen Ort geliebt. Mehrere Urlaube hatten die befreundeten Samerberger Familien Rüth und Daxlberger dort gemeinsam verbracht. Bis vor fast drei Jahren ein schwerer Unfall das Glück der beiden Familien in wenigen Sekunden zerstörte.
Es ist der 20. November 2016, als Melanie, Ramona und deren Schwester Lena, damals 19 Jahre alt, nach einem Pizzeriabesuch zurück auf den Samerberg fahren wollen. In einer Kurve der Miesbacher Straße kommt ihnen kurz nach 21 Uhr plötzlich mit hoher Geschwindigkeit ein VW Golf entgegen. Fahrerin Melanie hat keine Chance, auszuweichen. Beim Frontalzusammenstoß wird die 21-Jährige tödlich verletzt und stirbt noch an der Unfallstelle. Ramona wird zwar noch ins Krankenhaus gebracht, erliegt aber wenige Stunden später ihren schweren Verletzungen. Lena überlebt wie durch ein Wunder – kämpft aber noch heute Tag für Tag mit den körperlichen und seelischen Narben, die der Unfall hinterlassen hat.
Körperliche und seelische Narben
Der Unfallfahrer, ein damals 24-jähriger Mann aus Ulm, wird später vom Amtsgericht Rosenheim zu einer Bewährungsstrafe verurteilt; zwei Männer, heute 25 und 26 Jahre alt, aus Kolbermoor und Riedering zu Freiheitsstrafen, weil sie den Golf-Fahrer beim Überholvorgang behindert haben sollen. Die beiden Männer haben Berufung gegen das Urteil eingelegt, weshalb ab dem morgigen Donnerstag vor dem Landgericht Traunstein erneut gegen sie verhandelt wird (siehe Kasten).
Übrig geblieben sind den Samerberger Familien von ihren Liebsten vor allem Erinnerungsstücke. Wie beispielsweise eine Jacke von Ramona, die seit der dramatischen Nacht im November 2016 an der Garderobe im Hause Daxlberger hängt. „Ich kann sie einfach nicht wegräumen“, sagt Mutter Manuela Daxlberger im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen. „Sonst hätte ich das Gefühl, dass ich einen Teil von dem, was mir von meiner Tochter geblieben ist, aufgeben würde.“
Besonders schmerzliche Erinnerungen bilden für beide Familien zudem Autofahrten Richtung Rosenheim – besonders auf der Unfallstrecke. Dort sind die Gedanken an den tödlichen Unfall sofort wieder präsent. Und dennoch mischte sich auf der jüngsten Fahrt entlang der Miesbacher Straße bei Manuela Daxlberger zur Trauer ein Gefühl von Dankbarkeit. Dankbarkeit gegenüber den bislang unbekannten Menschen, die an der Unfallstelle drei weiße Kreuze aufgestellt haben.
„Für mich war das sehr bewegend“, erinnert sich Daxlberger an den Moment zurück, an dem sie die schlichten Holzkreuze erstmals mit dem Auto passiert hatte. „Das zeigt uns, dass wir in unserer Trauer nicht alleine sind.“ Sie ist überzeugt davon, dass sich der oder die Menschen, die die Kreuze aufgestellt haben, dabei etwas gedacht haben. Beispielsweise bei der Farbwahl. Daxlberger: „Das Weiß symbolisiert für mich eindeutig die Unschuld unserer Mädchen, die sich nichts zuschulden kommen haben lassen.“
Auch für Melanies Papa Ralf Rüth eine bewegende Aktion – gesehen hat er die Mahnmale selbst allerdings noch nicht. Zu sehr schmerzt es ihn, die Straße zu befahren. „Ich meide diese Strecke, so gut es geht“, sagt der trauernde Vater, der sich dennoch freuen würde, etwas über die Urheber der Kreuze zu erfahren.
Orte, an denen er sich an seine verstorbene Tochter erinnern kann und sich ihr ganz nahe fühlt, hat Rüth aber ganz andere im Kopf. Beispielsweise ein Aussichtspunkt am Samerberg, an dem sich Melanie gerne mit Freunden getroffen hat und den heute ein großes Holzkreuz schmückt, das Mitschüler zum Gedenken an die beiden jungen Frauen angefertigt und aufgestellt haben. Oder wenn er Zeit im Mellaland verbringt, einer Permakulturlandschaft auf seinem Anwesen am Samerberg, in dem Melanie und Ramona gerne gearbeitet haben.
Besonders nah ist er seiner verstorbenen Tochter allerdings, wenn sich Erinnerungen an Melanie nicht nur als Gedanken in seinem Kopf abspielen, sondern er ihre Anwesenheit fühlen kann. Wie in dem Moment, als sich die Schmetterlinge auf der einsamen griechischen Insel Lefkas stundenlang bei der Familie niedergelassen hatten und nicht mehr von der Seite weichen wollten.
„Ich weiß hundertprozentig, dass das die Möglichkeit für Melanie war, sich uns zu zeigen“, sagt Rüth. „In diesen Momenten ist die Trauer für mich dann zwar besonders stark. Aber nicht nur die Trauer, sondern auch die Gewissheit, dass ich Melanie irgendwann wiedersehen werde.“