Bernau – Matt, schlapp, plötzliches Zahnfleischbluten – als diese Symptome Mitte September bei den beiden Hunden Armani und Bella auftraten, war man im Tierheim Bernau sogleich alarmiert. Weil der Tierarzt schnell vor Ort war, konnte zumindest einer der beiden gerettet werden. Für Armani kam indes jede Hilfe zu spät. Der Rüde verendete an inneren Blutungen.
Bella, die denkbar knapp überlebt hat, geht es inzwischen vergleichsweise gut. Doch sie leidet, trauert um ihren „Freund“. Den seelischen Schmerz, das Vermissen, wird Clarissa von Reinhardt, der Ersten Vorsitzenden des Tierheim-Betreibervereins „Häuser der Hoffnung“, jedes Mal bewusst, wenn sie die Hündin sieht.
Ein seltsamer Zufall, dass es beide Hunde, die zusammen mit einem ehrenamtlichen Helfer auf Gassi-Spaziergang auf der Bernauer Sportplatzrunde unterwegs waren, so arg erwischt hat? Daran wollte zumindest Clarissa von Reinhardt nicht glauben. Sie veranlasste die Obduktion des verstorbenen Armani – und es stellte sich heraus: Gift. Noch dazu: kein gängiges Gift, wie es möglicherweise gegen Ratten eingesetzt wird.
In Bernau war man alarmiert, hörte sich um – und stieß auf eine ganze Reihe weiterer Verdachtsfälle. Hunde, die plötzlich verstorben sind. Oder nur knapp überlebt haben. Insgesamt: zwölf Tiere, sieben davon tot, fünf konnten gerettet werden. Und die dubiosen Vorfälle traten offenbar nicht nur in Bernau auf, wo die beliebte Sportplatzrunde in den Fokus rückt, sondern auch im erweiterten Umkreis. Auf der Strecke zwischen Bernau und Prien waren die Besitzer mit einem Zwergspitz, eineinhalb Jahre alt, unterwegs, der wenig später verendete. Möglicherweise ebenfalls vergiftet: ein Schäferhund, drei Jahre alt, unterwegs auf der Gassi-Runde am Herrnberg in Prien.
Weitere
Verdachtsfälle
Andere Fälle traten offenbar nach Spaziergängen in Prien-Eichenthal, in Rottau, Achenmühle und Frasdorf auf. Eine ganze Reihe betroffener Hundebesitzer hatten sich, nachdem die OVB-Heimatzeitungen über den Fall Armani berichtet hatten, im Tierheim Bernau gemeldet. Und ihre Verdachtsmomente geschildert.
So auch Susanne Stuffer aus Frasdorf. Auch wenn ihr Korbinian bereits am 13. Juni gestorben ist, hatte sich Susanne Stuffer bisher nicht an die Öffentlichkeit gewandt. Die Frasdorferin musste nicht nur den Tod ihres zwölf Jahre alten Münsterländers verkraften, sondern sich auch im Ort nachreden lassen, dass sie sich das alles nur einbilde. Dabei, so erklärt sie im Gespräch mit der OVB-Heimatzeitung, habe ihr der Tierarzt versichert, dass Korbinian eindeutig vergiftet worden war. Besonders tragisch: Korbinian war ausgebildeter Flächensuchhund beim Roten Kreuz. Als solcher war er bei der Vermisstensuche im Einsatz, um Leben zu retten. Nur ihn selbst konnte keiner mehr retten. Die Ärzte in der Tierklinik in Stephanskirchen hätten alles versucht, doch irgendwann stand für die Frasdorferin fest, dass sie für Korbinian nur noch eines tun kann: sein Leiden nicht verlängern.
Genau wie der Bernauer Tierheimhund Armani war Stuffer mit Korbinian auf der beliebten Bernauer Sportplatzrunde Gassi. Zwei Tage später zeigte der Rettungshund die ersten Symptome. Erst war das Auge blutunterlaufen, dann Nase und Ohren. Danach ging alles sehr schnell. „Wir haben noch getobt, eine Stunde später ging es ihm schon sehr schlecht“, erinnert sich die Frasdorferin.
So schlimm alles war, sie hatte sich dazu durchgerungen, Fotos von Korbinian zu machen. „Ich wusste, ich brauche das irgendwann, um alles zu beweisen“, sagt sie. Nach den ersten negativen Reaktionen anderer ließ sie dies dann jedoch bleiben. Nun aber, nachdem das Bernauer Tierheim die Vergiftungsfälle öffentlich gemacht hatte, hätte ihr eine Bekannte geraten, sich zu melden – zumal Korbinian möglicherweise der erste Hund der aktuellen Vergiftungsserie sein könnte.
Tierheim-Betreibervereinsvorsitzende Clarissa von Reinhardt kann es bis heute nicht fassen, welche Kreise das Thema inzwischen zieht – und hat, auch aufgrund der wachsenden Verunsicherung in der Bevölkerung, ganz aktuell zum Infoabend ins Bernauer Tenniszentrum geladen. Das Interesse: übergroß. Weit mehr Hundefreunde, als überhaupt im Restaurant „Sportiv“ Platz hatten, waren gekommen und drängten sich im Raum. Die Grundstimmung: bedrückt. Und hochinteressiert. An den Ausführungen von Clarissa von Reinhardt zum ersten Verdachtsfall, dem Ergebnis der Obduktion und damit die Bestätigung des fürchterlichen Verdachts, aber auch zu den weiteren Vorfällen im Ort und in der Region.
Vieles ist
noch unklar
Clarissa von Reinhardt warnt, weil eben noch vieles unklar ist. Man weiß nicht, wie der Köder aufgenommen wurde; möglicherweise nahezu unbemerkt von Herrchen oder Frauchen; und um welche Substanz es sich genau handelt. Verdächtiges sollte deshalb am besten in eine Tüte verpackt und bei „Elsa‘s Futterhäusl“ in Bernau, Am Anger 36, abgegeben werden, rät die Vorsitzende. Dort würde alles inspiziert und gegebenenfalls zur Beprobung eingeschickt. Und: Vergiftungsfälle sollten unbedingt bei der Polizei angezeigt werden.
Zur Wachsamkeit rät auch Bernaus Bürgermeister Philipp Bernhofer, der beim Infoabend ebenfalls vor Ort war. „Die Bevölkerung muss aktiv werden und die Augen offen halten, jedoch ohne dabei eine Hetzjagd zu beginnen“, bekräftigte er. „Diese Person, die hier Giftköder auslegt, gefährdet nicht nur Hunde, sondern auch andere Tiere.“
Zu guter Letzt gab Clarissa von Reinhardt noch eine ganze Reihe Tipps, wie Sie ihren Vierbeiner schützen können: „Das Wichtigste ist natürlich, dass Sie besonders gut darauf achten, dass der Hund nichts vom Boden aufliest. Beobachten Sie Ihren Hund genau und suchen Sie bei merkbaren Verhaltensänderungen, vor allem aber bei dem Auftritt von Symptomen einer Vergiftung, umgehend Ihren Tierarzt oder eine Tierklinik auf!“
Als Anzeichen für eine Vergiftung nannte die Vorsitzende: Übelkeit, Erbrechen, Sabbern des Hundes; (blutiger) Durchfall; Mattigkeit, Müdigkeit, Antriebslosigkeit; Appetitlosigkeit; blutiges Zahnfleisch, blutige Augenschleimhäute, Blutansammlungen in der Haut. Und sie warnt weiter: „Es wird dringend davon abgeraten, sein Tier selbst zu behandeln, indem man vorsichtshalber das Blutgerinnungsmittel K1 spritzt. Dies hat eine starke Eindickung des Blutes zur Folge und kann – sofern es nicht fachgemäß verabreicht wird – zu Organversagen und damit zum Tod des Tieres führen.“ Daher unterstrich Clarissa von Reinhardt nochmals deutlich: „Bei einem Verdacht auf eine Vergiftung muss man sofort zu einem Tierarzt gehen, der sein Handwerk versteht und sich mit Vergiftungen auskennt!“