Höslwang – Welcher Hundebesitzer kennt das nicht: Man geht Gassi, und der Vierbeiner findet etwas vermeintlich Leckeres und gibt es nicht mehr her. Wendet sich flink ab, noch bevor man die Hand danach ausstreckt und entwischt frech, um in aller Ruhe auf dem Fundstück herumzukauen. Was tun, wenn der Hund etwas aufgegabelt hat, was nicht gut für ihn ist? Oder gar ein Giftköder, der ihn, wie jüngst einige Hunde im Chiemgau (wir berichteten), das Leben kosten könnte?
Erst einmal keine Panik, rät Hundetrainerin Andrea Aß aus Höslwang. Die Inhaberin einer Hundeschule rät, vor allem das eigene Verhalten zu ändern. Denn für Hunde sei die Welt da draußen wie ein Schlaraffenland voller Gratis-Häppchen: „Da würden wir selbst doch auch zuschlagen wollen.“ Sie hat ein Training konzipiert, das Halter wie Hunde lehrt, mit solchen Situationen umzugehen.
Sie bieten Anti-Giftködertrainings an. Entsprechend muss es dafür eine Nachfrage geben. Was war für Sie die Motivation, dieses Training anzubieten?
Auch ich habe einst dieselben Fehler gemacht, wenn mein Hund Lino draußen etwas Essbares gefunden hat, wie meine Kursteilnehmer heute. Zum Beispiel Schimpfen und Strafe. Mit Druck und Angst arbeiten. Auf diese Weise habe ich es damals tatsächlich geschafft, dass ein kooperativer Hund wie Lino lieber vor mir wegrannte, als zu mir zu kommen. Es hilft etwa gar nichts, wenn man seinem Hund bisher verboten hat, irgendetwas vom Boden zu fressen. Wenn da etwas Interessantes liegt, wird der Hund es fressen, wenn der Halter nicht mit ihm übt. Denn Strafen machen Hunde nur erfinderisch und klüger!
Was haben Sie selbst in dieser Zeit gelernt?
Aus meiner Erfahrung vor 14 Jahren mit Lino war mir klar, dass er sich vollkommen normal für einen Hund verhält und frei verfügbares Essen einfach frisst – Gratisessen finden Hunde super! Wir Menschen doch auch, nur liegt unser Essen selten auf der Straße. Das ist so, als würden überall Gummibärchen herumliegen. Ich habe damals als erstes mein eigenes Verhalten verändert, statt den Hund – wenn er etwas gefunden hat, habe ich es ihm nicht mehr sofort aus dem Maul gerissen. Im Zweifelsfall habe ich das Gefundene gegen etwas Erlaubtes getauscht. Das sogenannte Ausgeben musste ich erst trainieren. Ich habe schließlich ein Konzept ausgearbeitet, das jeder mit seinem Hund umsetzen kann.
Wer nimmt an solchen Trainings teil? Hundefreunde, die stark verunsichert sind?
Die Motivation ist ganz unterschiedlich. Zum Glück hat noch keiner meiner Teilnehmer seinen Hund wegen eines Giftköders verloren. Aber die Panik ist groß, das Thema ist allgegenwärtig im Alltag von Hundebesitzern. Viel häufiger kommt es allerdings vor, dass Hunde Hinterlassenschaften aus der Landwirtschaft fressen, etwa Dünger oder hochkonzentrierte Unkrautvernichter. Auch Pferdeäpfel von Pferden, die frisch entwurmt wurden und das Medikament ausscheiden. Vergiftung ist allerdings Vergiftung! Das Schönste an dem Training ist, dass es den Haltern und den Hunden Spaß macht und die Halter sich sicherer fühlen.
Was lernen die Teilnehmer und ihre Hunde?
Vor allem spezielle Signale, die ich über Jahre aufgebaut habe und heute für mein Antigiftködertraining nutze: Im ersten Schritt lernt der Hund, dass es sich lohnt, etwas Gefundenes fallen zu lassen. Es folgen ein Markersignal und eine Belohnung. Im zweiten Schritt überträgt der Halter das Gelernte in andere Situationen. Im dritten Schritt wird ein Wortsignal wie „Lass das“ oder „Nix da!“ eingeführt und zwar so, dass der Hund lernt, etwas Fremdes gar nicht erst ins Maul zu nehmen oder es gar zu fressen. Der Hund lernt, auf das Signal hin zum Menschen zu rennen und das Gefundene herzugeben. Wer fleißig übt, kann dem Hund auch beibringen, durch sein Verhalten anzuzeigen, dass er etwas Fressbares gefunden hat. Entweder durch Sitzen, Liegen oder Wuffen.
Welche Erfahrungen bringen die Teilnehmer mit? Hatten viele schon einschlägige Erlebnisse?
Die Teilnehmer haben meistens Hunde, die einfach super gerne fressen. Da ist mein erster Rat, die Hunde nicht „nüchtern“ Gassi zu führen. Viele Hunde haben schlichtweg Hunger! Sehr häufig erlebe ich, dass sie aus Unwissenheit zu wenig gefüttert werden.
Sind die Hundehalter durch die aktuellen Geschehnisse sensibilisiert?
Ja. Auf Nachfrage ehemaliger Anti-Giftköder-Kursteilnehmer bieten wir in der Hundeschule jetzt eine Auffrischung an, in der das Gelernte und die Signale noch einmal wiederholt werden. Nur, was geübt wird, beherrscht der Hund zuverlässig, selbst wenn er dazu 500-mal das Wort „Aus“ gehört haben muss. Das ist wie mit einer Fremdsprache. Aber wenn der Hund gerade in dem Moment den Kiefer aufmacht, wenn er „Aus“ hört, fehlt nur noch das Markersignal und es findet eine Verknüpfung im Hundegehirn statt. Interview: Elisabeth Sennhenn