Von Samarkand zum Samerberg

von Redaktion

47 Grad im Schatten, acht Kilo Gewichtsverlust, zwei platte Reifen, ein Treppensturz und kein einziger Sack Reis, den er in China hat umfallen sehen: Christoph Mayer (63) hat ein gigantisches Abenteuer hinter sich. 16500 Kilometer ist er „hoamzua“ geradelt, von Shanghai bis zum Samerberg.

Samerberg/Shanghai – „I bin da Christoph und do bin i dahoam.“ Man könnte sich Mayers Gesicht gut im Fernsehen vorstellen, den Fahrradhelm auf dem Kopf, die Hochries im Hintergrund. Schließlich weiß er wie kein Zweiter, was „Heimat“ bedeutet. Und wer hat schon so viel zu erzählen wie er?

Am 2. Januar ist der Ex-Geschäftsführer am China-Standort der Siegsdorfer Firma Brückner an der Ostküste losgeradelt – 16500 Kilometer „hoamzua“, wie er seine Mega-Tour betitelt hat. Jetzt ist er wieder daheim in Grainbach. Familie, Gemeinde, Ex-Arbeitskollegen in Siegsdorf – alle haben ihm einen großen Empfang bereitet. Und das erste, was auf Mayers Teller landet, ist tatsächlich ein Stück Heimat: Die ersten Weißwürscht nach langer Zeit. „Ob China oder Tadschikistan – Bier gibt es überall, Weißwürscht dagegen nirgends“, lacht er.

Ganz anders ist das mit dem Internet: „In China hat man überall Netz, sogar im hintersten Winkel.“ Und so bloggt der 63-Jährige auf seiner „Hoamzua-Tour“ nicht nur eifrig über seine Reisestationen – er hält sich auch auf dem Laufenden, was in der Heimat passiert. Der Brennerzulaufwirbel, das Szenario vom untertunnelten Samerberg, der Aufstieg der WSV-Fußballer in die Kreisklasse: Mayer liest alles Wissenswerte im E-Paper der OVB-Heimatzeitungen – am anderen Ende der Welt oder in Kirgisistan: „Schon toll, was moderne Technik heute möglich macht.“

Enkelin Lea und die Pick-ups der Polizei

Neun Monate und neun Tage ist Mayer unterwegs. Ungefähr genauso lang wie Enkeltochter Lea, die im April zur Welt kommt. Der stolze Doppel-Großvater – die zweite Enkelin ist vier – erinnert sich genau: An Leas Geburtstag befindet er sich in der Stadt Hami, Provinz Xinjiang, China: „Ich hatte mich einen Tag in meinem Hotelzimmer verkrochen, um den täglichen Polizeikontrollen zu entkommen.“

In der Konflikt-Region Xinjiang zeigt China als starke Besatzungsmacht Präsenz. Radfahrende Ausländer sind dort nicht willkommen. „Der Tag zuvor war besonders schlimm“, schildert Mayer, „ich wurde mehrfach gefilzt und kontrolliert, schließlich hat mich die Polizei 200 Kilometer weit nach Hami verfrachtet, samt Radl und Ausrüstung, auf Polizei-Pick-ups.“ Da habe er einfach mal Ruhe, eine kleine Auszeit gebraucht, um sich über Lena zu freuen.

Doch eine solche Sonderbehandlung der unangenehmen Art ist auf der langen Reise die Ausnahme. In der Regel wird der Radler aus Bayern überall freundlich aufgenommen. Mit 13 Ländern hat er direkten Reifenkontakt: China, Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan, Usbekistan, Georgien, Türkei, Griechenland, Albanien, Kosovo, Kroatien, Slowenien und Österreich.

Dass in Kopfhöhe stets die passende Nationenflagge an der Fahnenstange seines Rades weht, öffnet ihm viele Türen: „Darüber haben sich die Menschen überall gefreut.“ Apropos Tür: Wie findet ein Weltenbummler eigentlich ein Quartier, wenn er nie weiß, wo er wann ankommt, wenn es dämmert?

In China und später, ab der westlichen Türkei, ist es einfach: Dort sucht sich Mayer sein Hotel über die Buchungsportale im Internet oder auch erst vor Ort: „Da kann man einen Bogen um das Haus machen, wenn es einem nicht gefällt.“ Das Vorbuchen erledigt er meist mittags. Da ist schon absehbar, wie weit die Tagesetappe noch führt.

Anders läuft es in Zentralasien. Dort ist nichts planbar. Die Straßenverhältnisse sind extrem schwierig und die Buchungsportale geben kaum etwas her. Umso dankbarer ist Christoph Mayer, dass er dort nicht allein ist. Franz Bauer aus Rosenheim, ein guter Freund, begleitet ihn von Bishkek in Kirgisistan bis nach Griechenland auf einer Strecke von knapp 6000 Kilometern.

In den „schwierigsten und auch anstrengendsten Regionen“, in Kirgisistan und Tadschikistan etwa, gibt es für das Duo nur zwei Möglichkeiten: „Entweder im Dorf suchen – oder einfach an eine Tür klopfen und nach einem Hotel fragen.“ Die Standardantwort ist: „Nein, hier gibt es kein Hotel, aber ihr könnt gerne bei uns übernachten.“ Das Angebot nehmen Mayer und Bauer dann gern an, manchmal zum Nulltarif, meist für rund zehn Dollar pro Kopf, gute Hausmannskost inklusive.

Shanghai und Samarkand, Taschkent und Tibet, Himalaya und Hanghzou, Piräus und der Pamir, der zum Dach der Welt gezählt wird – Mayers Reisestationen lesen sich wie aus einem Buch von Marco Polo. Natürlich läuft da nicht alles glatt. Einmal stürzt Mayer schwer – aber nicht mit dem Rad. Er fällt eine Hoteltreppe hinunter, zieht sich eine schmerzhafte Rippen- und Steißbeinprellung zu. Aber der 63-Jährige beißt auf die Zähne und fährt weiter.

Auf den ärgsten Schotter- und Steinpisten, die Pässe sind bis zu 4300 Meter hoch, fällt der Grainbacher ein paarmal samt Radl um. Kein Wunder, denn der Drahtesel ist mit 60 Kilo fast so schwer wie ein kleines Motorrad. Das ist der Preis für Stabilität und moderne Technik. Das Rad allein wiegt 22 Kilo, plus acht Kilo Elektronik, 24 Kilo Gepäck, dazu sechs Kilo Wasser und Proviant.

Dafür wird Mayer selbst immer leichter. Bis zu acht Kilo hat er auf den ersten zwei Monaten an Körpergewicht verloren. Fast unerträglich wird die Hitze in Usbekistan, bei bis zu 47 Grad im Schatten. Das ist auch der Hauptgrund, warum dem Heimradler zwei Länder und 1500 Kilometer auf seiner Bilanz fehlen. Von Taschkent fliegt er über Turkmenistan und den Iran mit dem Flugzeug nach Tiflis in Georgien.

So sind es am Ende „nur“ 16500 statt 18000 Kilometer. Trotzdem bemerkenswert, dass Mayer nur zweimal einen Platten hat: In China bohrt sich ein Dorn in den Mantel, in der Türkei ein Draht. Mayer flickt den Mantel beide Male im Handumdrehen. Auch kein einziger umfallender Sack Reis kommt ihm in die Quere, wie er auf Nachfrage versichert. So erreicht Mayer planmäßig erst alle Etappenziele und schließlich den Chiemgau.

Profis sind schneller – aber ohne Gepäck

Da sind wohl fahrerisches Können und gutes Material zusammengekommen. Hat Mayer nun ein paar Tipps parat, etwa für Profi Marcus Burghardt, den zweiten radelnden Samerberger? „Der Marcus ist schon schneller unterwegs als ich – aber mit einem leichteren Fahrrad und ohne Gepäck“, lacht der Heimkehrer. Und Burghardt muss einen Platten bei der nächsten Tour de France auch sicher nicht selber flicken.

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