Abschied von einer mutigen Verfechterin der Ökumene

von Redaktion

Dekanin Hanna Wirth geht in den Ruhestand – Konfessionsübergreifendes Lob für ihr Wirken

Rosenheim – Was ihr bezüglich der Zukunft der Kirche besonders am Herzen liegt, machte die evangelische Dekanin Hanna Wirth (65) jetzt bei ihrer Verabschiedungsfeier in Rosenheim deutlich: die Ökumene. Denn schon zu Beginn ihrer Predigt in der Erlöserkirche verwies sie auf den 31. Oktober, „einen besonderen Festtag“, an dem sich die gemeinsame Erklärung der evangelischen und katholischen Kirche zur sogenannten Rechtfertigungslehre zum 20. Mal jährt.

Theologischer Streit überwunden

Bei dieser Erklärung wurde ein jahrhundertelanger theologischer Streit überwunden, der die Kirchen trennte. Es ging dabei um die Frage, ob schon allein der Glaube zur Erlösung genüge, oder ob es dazu auch aktives Handeln im Sinne des Glaubens brauche.

Für das Wesen und Wirken Hanna Wirths ist es wohl bezeichnend, dass sie bei dieser Frage zunächst das Handeln herausstellte. Und auch, dass sie dafür besonders auf die Briefe des Jakobus verwies, der vehement für das Handeln eintrat, von Luther aber ganz ans Ende seiner Bibelübersetzung verschoben wurde: „In den Briefen von Jakobus steckt Emotion dahinter, Leidenschaft, die voller Überzeugung dafür eintritt, dass ein Glauben ohne Handeln tot ist“, sagte die 65-Jährige.

Und ein engagiertes Handeln, angetrieben von Emotion, vom sich Anrühren lassen der Lebensumstände anderer, hat auch Wirths Wirken in ihrer Amtsperiode als Dekanin bestimmt. Zumindest kann man so die zahlreichen Äußerungen zusammenfassen, mit denen Vertreter aus Politik und Kirche, aber auch ihre Mitarbeiter an diesem Festtag deren Arbeit beschrieben.

Sie selbst hat in ihrer Predigt zwei Punkte herausgegriffen, die ihr in ihrer Arbeit mit ihrem Dekanat offenbar besonders wichtig waren: das Vorantreiben der Notfallseelsorge und die klare Entscheidung für das Kirchenasyl. „Gerade die eindeutige Haltung zum Kirchenasyl sei nicht leichtfertig gefallen, sondern aus dem Glauben heraus“, erklärte Wirth.

Blick über den christlichen Tellerrand

Für Pfarrer André Golob von der altkatholischen Gemeinde kommt, das machte er in seiner Ansprache bei der anschließenden Feierstunde im Ballhaus deutlich, hier sicher noch ein anderer wichtiger Punkt hinzu: Ein Weitblick, der weit über den christlichen Tellerrand hinausgehe. Und er bezog sich dabei auch auf ein Projekt, das der Dekanin ebenfalls sehr am Herzen gelegen sei: der Rosenheimer Friedensweg als eine Brücke zwischen Christen und Muslimen.

All dieses Engagement ist wohl nicht ohne Mut zu haben. Einen Mut, den vor allem der katholische Dekan Daniel Reichel eindrucksvoll würdigte, als er sagte, er selbst habe ganz persönlich in der Begegnung mit Hanna Wirth lernen dürfen, ab und an noch etwas mehr Mut zu zeigen. Mut, der wie Rosenheims Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer in ihrer Festrede ergänzte, in einer Zeit, in der sich die Maßstäbe verschöben und sich antisemitischer Ungeist wieder rege, als gesellschaftliche Tugend immer wichtiger werde.

Fragte man Hanna Wirth, woher dieser Mut rührt, so würde sie sicher sagen, aus dem Gehaltensein im Glauben. Denn ganz im Sinne der erwähnten gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre betonte sie in ihrer Predigt, dass ihr ganzes Tun aus einer festen Sicherheit heraus erwachse: „Dass der Mensch in all seiner Unzulänglichkeit schon von vornherein von Gott gehalten, akzeptiert und aus diesem Bewusstsein heraus frei zum Handeln wird.“

Eine Glaubensüberzeugung, die wohl auch mitverantwortlich ist für eine positive Grundstimmung für die Zukunft. Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler sagte in ihrer Würdigung, sie habe an Hanna Wirth immer bewundert, dass diese nie vom Status quo ausgegangen sei, „vom Hier und Jetzt“. Sondern in allem eine mögliche positive Entwicklung mit in Betracht gezogen habe.

Das sei nicht zuletzt auch bei den dienstlichen Beurteilungen ihrer Mitarbeiter deutlich geworden „Du hast immer versucht, herauszustellen, was in dem Einzelnen noch stecken, wohin er sich noch entwickeln könnte“, sagte Breit-Keßler. Das aber, ohne sich im Unbestimmten und Weichgespülten zu verlieren, weshalb sie scherzhaft hinzufügte: „Wo es nötig war, hast Du Klartext geredet, hast gezeigt, wo der geistliche sanfte Hammer hängt, Frauenpower eben.“

Was die persönliche Zukunft angeht, so gab die Regionalbischöfin, die ebenfalls vor dem Eintritt in den Ruhestand steht, für sich und Wirth halb im Unernst eine Direktive vor, die für eine gewisse Zurückhaltung plädierte: „Über Dinge, die man vorher nicht angesprochen hat, braucht man auch nachher nicht herumzukrähen.“ Da sich aber beide nun nie gescheut haben, Dinge anzusprechen, die sie für nicht in Ordnung hielten, haben sie auch das Recht, sich nach wie vor zu Wort zu melden.

Die Pflicht, sich zu Wort zu melden

Ein Recht, das, wie Hanna Wirth meinte, manchmal auch zur Pflicht wird: „Man muss es uns anmerken, was wir glauben“, sagte sie am Ende ihrer Predigt. „Es braucht auch unsere Stimme als eine Stimme des Lebens. Die anderen, die meinen, es sei schon alles sinnlos und vergebens, eine Zukunft nicht mehr möglich, sind doch schon so laut.“

Und Regionalbischöfin Breit-Keßler brachte es noch einmal leicht scherzhaft, aber deutlich auf den Punkt: Der Aufruf, „Christen, hört die Signale“ hätte vielleicht möglicherweise einen falschen Unterton. Aber die Aufforderung „Setzt Hannas Ideen um“ sei sicher gut gewählt. Johannes Thomae

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