Bad Aibling – „Boykottiert die Deutsche Botschaft in Kathmandu die Arbeit des Ministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung?“ – Diese Frage stellt sich Marianne Weber-Keller, Vorsitzende von Ukalo-Aufwärts. Der Bad Aiblinger Verein organisiert seit 2015 nachhaltige Hilfe für Nepal. Und die Spendenbereitschaft der Bad Aiblinger Bürger ist riesig. Im Mai wurde für 70000 Euro das moderne Labor „Neo Health Clinic and Lab“ in Kathmandu eröffnet (wir berichteten). „Es soll Patienten mit einer transplantierten Niere regelmäßigen Zugang zu lebenswichtigen Laborkontrollen ermöglichen“, erklärt Weber-Keller.
Labor inzwischen ein Versorgungszentrum
Inzwischen hat sich das Labor zu einem Medizinischen Versorgungszentrum entwickelt. Eine Nephrologin und eine Kinderneurologin haben ihre Praxen eröffnet. Ein Kardiologe, Physiotherapie und Logopädie kommen in den nächsten Wochen hinzu. Mehr als 5000 Menschen werden von hier aus versorgt.
Jetzt wurde Laborleiter Surya Bahadur Kunwar Chhetri (49) mit einer vierköpfigen Delegation zum medizinischen Erfahrungsaustausch in Bad Aibling erwartet. Doch er kam nur mit Ingenieur Narayan Khatewoda (68), seinem Technischen Leiter. Die beiden Laborassistentinnen – Ambika Shrestha (32) und Laxmi Gurung (24) – durften nicht einreisen. Die Deutsche Botschaft in Kathmandu hat ihnen das Visum verwehrt. „Mit der Begründung, dass sie in ihrem Heimatland nicht ausreichend verwurzelt seien, weil sie unverheiratet sind und keine Kinder haben“, zitiert die Vereinsvorsitzende den Bescheid.
Für sie ist diese Entscheidung unfassbar. „Da entscheiden sich zwei junge Frauen für ein unabhängiges Leben, erarbeiten ihren eigenen Lebensunterhalt, und ausgerechnet wir Deutschen verwehren ihnen deshalb eine berufliche Entwicklung“, kritisiert sie.
Dabei lernte sie die Gepflogenheiten der Deutschen Botschaft schon 2016 kennen. „Damals habe ich mich darum bemüht, dass Buna Tamang in Neubeuern eine Handprothese erhält. Ihr Visum wurde nur unter der Bedingung erteilt, dass ihre beiden Kinder in Nepal als Pfand zurückbleiben.“
Genau aus diesem Grund bemühte sich Weber-Keller schon seit Anfang August, das Fachtraining des Laborteams gemeinsam mit der Deutschen Botschaft in Nepal vorzubereiten, um klarzumachen, dass dieser Studienaufenthalt Teil eines Projektes des Deutschen Entwicklungsministeriums ist.
Zusammenarbeit mit Botschaft unmöglich
Ukalo erhält dafür von August 2019 bis September 2021 etwa 48000 Euro. „Das Ziel dieser Klinikpartnerschaft habe ich der Botschaft in Kathmandu mehrmals schriftlich dargelegt“, so die engagierte Bad Aiblingerin. Doch ihre Schreiben blieben unbeantwortet.
Im August war sie schließlich selbst in Nepal. Einen Termin in der Botschaft bekam sie nicht. Dabei ist der Bad Aiblinger Ukalo-Verein in Nepal kein unbekannter Partner. Seit vier Jahren arbeitet er eng mit dem Nationalen Gesundheitskomitee des Landes zusammen, hat ein Gymnasium aufgebaut, bezahlt dessen Fachlehrkräfte und hilft mit dem modernen Labor seit Mai bei der medizinischen Versorgung von mehr als 5000 Menschen. „Offenbar keine ausreichenden Gründe für eine Zusammenarbeit mit unserer Botschaft“, resümiert die Vereinsvorsitzende.
Die Heimatzeitungen fragten nach. Doch weder aus der Deutschen Botschaft in Kathmandu noch aus dem Entwicklungsministerium kam bis zum Redaktionsschluss eine Antwort. Das Auswärtige Amt teilte mit: „Entscheidungen über die Erteilung eines Visums ergehen immer im Einzelfall. Dabei sind unsere Auslandsvertretungen an die für den jeweiligen Aufenthaltszweck einschlägigen aufenthaltsrechtlichen Vorschriften gebunden“, informiert Ruben Schwarz. Weitere oder konkrete Angaben zu den Einzelfällen könnten aus Datenschutzgründen nicht gemacht werden.
Wenigstens in der Heimat erhält der Verein Ukalo Unterstützung. „Die Spendenbereitschaft der Menschen hier ist ungebrochen hoch“, ist Weber-Keller dankbar. Und auch die Ausländerbehörde des Landratsamtes Rosenheim hat den Verein nach Kräften unterstützt. „Normalerweise müsste ich eine finanzielle Verpflichtungserklärung unterzeichnen, dass ich fünf Jahre lang für alle anfallenden Kosten jedes einzelnen Besuchers hafte“, erklärt sie. Das blieb ihr erspart, ebenso wie die Bearbeitungsgebühr, denn die Einladung erfolgte schließlich im Namen des Entwicklungsministeriums.
Direkten Draht ins Ministerium knüpfen
Auch Bad Aiblings Bürgermeister Felix Schwaller, der den Verein von Beginn an tatkräftig unterstützt, bringt sich ein. Er wird versuchen, einen direkten Draht zu Entwicklungsminister Gerd Müller herzustellen.
Die jungen Frauen mussten in Nepal bleiben. Der Laborleiter und sein technischer Mitarbeiter sind in Bayern gelandet. Sie werden in den nächsten Tagen in medizinischen Laboren, Dialysezentren und Kliniken von Bad Aibling, Raubling, Holzkirchen, München und Göttingen hospitieren. Ziel ist es, die Arbeit im Medizinischen Versorgungszentrum in Kathmandu weiter zu verbessern und die Fachärzte stärker zu vernetzen. Am morgigen Mittwoch stellt Laborleiter Kunwar Chhetri die medizinische Einrichtung und die Arbeit seines Teams anhand zahlreicher Fotos vor. Ab 17 Uhr sind dazu Interessenten ins Hotel Johannisbad in Bad Aibling eingeladen.