Oberaudorf – In weniger als einer Woche feiert der kleine Nazar seinen ersten Geburtstag – und wenn nicht ein kleines Wunder eintritt, wird ihn seine Mama Rebecca wohl auch an diesem so besonderen Tag nicht in die Arme schließen können. Denn: Nazar ist verschwunden. In der Türkei. Womöglich bei seinem Vater und dessen Familie – das vermuten zumindest Mama Rebecca (24) und Oma Gabi Sillaber. Sie kämpfen verzweifelt um den Jungen, sprechen von Kindesentführung – und fühlen sich mehr als hilflos gegenüber Polizei, Ämtern und Behörden.
Rebecca ist inzwischen zurück aus der Türkei, wieder daheim in Oberaudorf – und versucht nun von hier aus, ihren Jungen aufzuspüren und nach Deutschland zurückzuholen. „Es ist einfach schrecklich“, beschreibt sie gegenüber den OVB-Heimatzeitungen ihre Lage. Sie will alles dafür tun, ihren Nazar wieder in die Arme zu schließen.
„Plötzlich waren
alle weg“
Der Schrecken begann für Mama Rebecca und Oma Gabi Sillaber am 3. Oktober: An diesem Tag verschwand der kleine Nazar in der Stadt Mustafakemalpasa in der Türkei – und mit ihm dessen Vater und Rebeccas „Schwiegermutter“. Die junge Mutter, so schildert sie es im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen, befand sich zu diesem Zeitpunkt in der Innenstadt, war abgelenkt durch eine Cousine. „Plötzlich waren alle weg“, erzählt sie. „Ich bin dann zu Fuß nach Hause gelaufen. Aber da war niemand mehr.“
Das Haus, in dem sie seit Ankunft in der Türkei Anfang September mit ihrem Sohn gewohnt hatte: verriegelt und verrammelt. Vom Vater ihres Kindes und der türkischstämmigen Oma: keine Spur. Ihr Junge: wie vom Erdboden verschluckt.
„Ich war sofort alarmiert, weil kurz zuvor der Reisepass von Nazar verschwunden war“, erinnert sich die 24-Jährige. Und das wiederum zu dem Zeitpunkt, als sie angekündigt habe, nicht in der Türkei bleiben und dort auch nicht leben zu wollen – denn ursprünglicher Gedanke sei tatsächlich gewesen, sich in der Region Mustafakemalpasa niederzulassen. „Weil mir daheim alles zu viel wurde“, gibt sie Einblick in ihr junges Leben. Probleme mit dem Jugendamt, Drogen, Entzug – und immer die Angst, Nazar zu verlieren. „Es war Cannabis im Spiel“, verrät die 24-Jährige, weshalb das Jugendamt in Hinblick auf ihr wenige Monate altes Baby auf Entzug gedrängt hätte. Den Entzug im Sommer habe sie zwar nach gut zwei Wochen abgebrochen, sich aber stets kooperativ gegenüber dem Jugendamt gezeigt. „Ich mache freiwillig Urintests, mein Sozialbericht war sehr positiv.“
Baby wird am 31. Oktober ein Jahr alt
Dann überschlugen sich die Ereignisse: Die Hoffnung auf ein schönes Leben in der Türkei, die Enge in der türkischen Familie – und die Feststellung: Das ist nichts für uns. Die Pläne für ihre Rückkehr – und das Verschwinden ihres Sohnes. Rebecca Sillaber und Oma Gabi sprechen nun von Kindesentführung – und untermauern ihre Position mit der Tatsache, dass die 24-Jährige das alleinige Sorgerecht für Nazar hat. Mit dem Vater des Jungen ist sie nicht verheiratet.
Er und dessen Familie wiederum, so schildern es Rebecca und Gabi Sillaber, würden indes zur Schlammschlacht ausholen. Der Austausch erfolgt offenbar nur noch über Anwälte, Polizei und Staatsanwaltschaft. Drogenvorwürfe stünden im Raum, Nazars Vater soll seine (Ex-)Partnerin auf Unterhalt verklagt haben, das Sorgerecht in der Türkei anstreben – unter anderem über einen von ihm veranlassten Vaterschaftstest. Familienzwist par excellence – und mittendrin ein kleiner Junge mit knapp zwölf Monaten. Am 31. Oktober wird er ein Jahr alt.
Zurück aus der Türkei, untermauert Rebecca Sillaber nun von Oberaudorf aus, unterstützt von ihrer Mutter, die ebenfalls seit Wochen um ihren Enkel kämpft, ihre Position im Sorgerechtsstreit. Ihr Ziel ist es, über ihre Rechtsanwältin die verfahrene Situation zu klären – und damit Polizei und Staatsanwaltschaft vor Ort dazu zu bewegen, endlich nach Nazar zu suchen und ihr den Buben zu übergeben. Eingeschaltet sind auch das Auswärtige Amt und die Deutsche Botschaft in Istanbul mit ihrem Konsulat in Bursa. Bis dato: ohne Erfolg. „Wir drehen uns im Kreis, aber ich will meinen Sohn zurück“, klagt sie verzweifelt – und hofft eben auf ein kleines Wunder: Den ersten Geburtstag ihres Jungen nächsten Donnerstag mit ihm verbringen zu können.