Stephanskirchen – Schön herausgeputzte Pferde, festliche Trachten und mit Girlanden verzierte Gespanne und Votivwagen: Der Leonhardiritt gehört zweifelsohne zu den schönsten bayerischen Traditionen – gleich gar wenn das Wetter so gut mitspielt, wie in Leonhardspfunzen bei Stephanskirchen. Dort fand am gestrigen Sonntag wieder die größte Prozession zu Ehren des heiligen Ross- und Viehpatrons St. Leonhard im Landkreis Rosenheim statt. Bei traumhaftem Herbstwetter zogen über 110 Rösser, zwei Esel, 21 Wagen und erstmals auch ein Kälbchen an den rund 1500 Besuchern vorbei.
Ganz viele Streicheleinheiten
Vier Monate ist Kälbchen Lisa alt. Die Anwesenheit der vielen großen und starken Pferde um sich herum nimmt es ganz gelassen. Ihre beiden Besitzerinnen, die siebenjährige Helena und die zehnjährige Anna aus Vogtareuth versorgen das Tierkind auch mit ganz vielen Streicheleinheiten. Die Schwestern wünschen sich ein eigenes Pferd. Aber das bekommen sie nur, wenn sie ihren Eltern beweisen können, dass sie mit den Tieren, die bereits bei ihnen am Hof leben, gut umgehen können. Dementsprechend legen sie sich ins Zeug, damit es Lisa an diesem Tag auch garantiert an gar nichts fehlt.
Ihre Oma hat einen Blumenkranz gebunden und die Mama einen rosafarbenen Überwurf genäht. Beides legen die Mädchen dem Kälbchen liebevoll um. „Wir üben auch schon seit zwei Monaten mit der Lisa, dass sie brav mit uns mitgeht“, erzählen Helena und Anna stolz.
Die Segnung des Kälbchen ist eine Premiere beim Leonhardiritt in Leonhardspfunzen. Zwei Esel marschieren schon seit einigen Jahren ganz selbstverständlich mit, aber eine Kuh gab es bisher noch nie. Für den Papa von Helena und Anna schien aber jetzt der Zeitpunkt gekommen, das zu ändern. „Der St. Leonhard ist schließlich der Schutzpatron des Viehs und der Tiere“, sagt er.
Als er bei der Vorstandschaft des Leonhardivereins Leonhardspfunzen nachfragte, ob in diesem Jahr auch mal ein Kalb mitmarschieren dürfe, bekam er sofort eine Zusage erteilt. „Ich finde, alles was vier Füße hat, gehört dazu“, meint Thomas Aßbichler, Zweiter Vorstand des Vereins.
Kälbchen Lisa war beim diesjährigen Leonhardiritt in Leonhardspfunzen nicht die einzige Premiere. Neu war auch die Holzfigur des Heiligen Leonhard, die nach ihrer Segnung hinten auf einer kleinen Pferdekutsche ebenfalls am Umritt teilnahm. Gestiftet wurde die Figur vom ehemaligen Vereinsvorstand Günther Weidlich.
Wunsch nach
einer eigenen Figur
„Wir wünschen uns schon seit vielen Jahren eine eigene Figur“, erzählt Thomas Aßbichler. Die Suche danach gestaltete sich aber nicht ganz einfach, weil sich die Mitglieder des Vereins mit vielen Darstellungsformen nicht anfreunden konnten. Bei einem Holzschnitzer in Fürstätt wurde man schließlich fündig. Unter der Kutte des Heiligen lugt ein Stier hervor. „Ein Pferd aus Holz werden wir dann in den kommenden Jahren noch dazukaufen“, schmunzelt Aßbichler.
Während Pfarrer Guido Seidenberger zusammen mit der Gemeindereferentin Katharina Hauer den feierlichen Gottesdienst zelebriert, nehmen die Gespanne und Pferde langsam Aufstellung zum dreimaligen Umritt mit Segen. Hengst Bartl ist schon ein alter Hase und weiß genau, was seine Besitzerin Martina Pistel von ihm erwartet. 23 Jahre ist Bartl alt und macht schon seit seinem vierten Lebensjahr beim Leonhardiritt in Leonhardspfunzen mit. „Solange er noch gut gehen kann, kommen wir“, sagt Martina Pistel.
Mit Samantha
und Steffi am Start
Erst zum zweiten Mal in Leonhardspfunzen mit dabei ist dagegen Markus Gmeiner aus Frasdorf mit seinen zwei Kaltblüterstuten Steffi und Samantha. Stolz schauen sich die schönen Pferdedamen auf der Wiese um. Ihr Fell glänzt in der Sonne. Am Vortag wurden sie von ihrem Besitzer gewaschen. Am Festtag selbst wurden sie dann bereits um 5 Uhr in der Früh noch mal gestriegelt und fein herausgeputzt. „Die wissen jetzt genau, was los ist und haben auch Freude daran, sich so schön zu präsentieren“, ist sich Markus Gmeiner sicher.
Farbenfrohes
Familienfest
Ein Höhepunkt im Jahr ist der Leonhardiritt in Leonhardspfunzen aber nicht nur für Reiter, Kutscher und Pferde. Auch die Anwohner rund um die Festwiese genießen diesen Tag sichtlich. Viele von ihnen nutzen diesen Anlass jedes Jahr für ein großes Familienfest mit bestem Blick auf das farbenprächtige Geschehen. Auch für Pfarrer Seidenberger ist die Segnung der Tiere etwas ganz Besonderes. „Darauf freue ich mich immer sehr“, erzählt er.
Für die Leonhardspfunzener selbst besteht der Leonhardiritt nicht nur aus der Prozession. Für sie beginnen die Feierlichkeiten immer schon eine Woche vorher mit dem gemeinsamen Binden der Gestecke und Girlanden für die Gespanne des Vereins. Das Festprogramm endet am heutigen Montag, 28. Oktober, mit dem Kesselfleischessen im Feuerwehrhaus Leonhardspfunzen.