Brannenburg – Nass, kalt und grau: Das Wetter passte zur melancholischen Stimmung, als sich am 12. November 2009 das traditionsreiche Gebirgspionierbataillon 8 aus Brannenburg verabschiedete. Zum militärischen Zeremoniell mit Gelöbnis und einem Großen Zapfenstreich fanden sich vor zehn Jahren rund 1000 Besucher im strömenden Regen in der Karfreitkaserne ein, darunter militärische Traditionsverbände, Trachtenvereine, Feuerwehren, Gebirgsschützen und zahlreiche Persönlichkeiten aus der Politik und aus dem öffentlichen Leben.
Was viele von ihnen dachten, brachte der damalige Landrat Josef Neiderhell auf den Punkt. Er begrüßte die Anwesenden „voller Ehre, aber auch Wehmut“ und äußerte sein Unverständnis über die bevorstehende Verlagerung des Gebirgspionierbataillons nach Ingolstadt. „Damit verliert Brannenburg nicht nur einen großen Arbeitgeber und einen wichtigen Wirtschaftsfaktor, der Ort büßt auch einen Teil seiner Geschichte ein. Nicht nur das Inntal, die Region wird die Pioniere als zuverlässigen Partner vermissen“, so Neiderhell.
Bau der Kaserne
in den 30er-Jahren
Die Geschichte des militärischen Standorts reichte bis in die 30er-Jahre zurück: Im Zuge der Aufrüstung der Wehrmacht wurde 1935/36 im Ortsteil Degerndorf (beim „Kreuzfeld“) die Karfreitkaserne gebaut. Die Garnison Brannenburg-Degerndorf beherbergte ab 1936 das I. Bataillon des Gebirgsjägerregiments 100. Während des Zweiten Weltkriegs lagen hier Ersatz- und Ausbildungstruppenteile.
Die „Hunderter“, wie sie genannt wurden, verblieben bis zu ihrem Ausmarsch 1939 am Standort. In den ersten Kriegsjahren wurde die Kaserne durch Teile der 167. Infanterie-Division belegt sowie weitere ihr unterstellte Ersatz- und Ausbildungstruppenteile. Ab Sommer 1943 bis Kriegsende 1945 befand sich in der Karfreitkaserne das Zentral-Ersatzteil-Lager 406, das aus etwa 500 Soldaten, zivilen Mitarbeitern und Kriegsgefangenen bestand.
Gebirgspioniere
ziehen 1956 ein
Nach Kriegsende wurde die Kaserne zunächst von Einheiten der Besatzungsmächte genutzt. Die Verbundenheit der Bundeswehr mit Brannenburg begann 1956, als erstmals Pioniere zum Pionierbataillon 4 und zur Schwimmbrückenkompanie 734 in die Karfreitkaserne einzogen. Am 1. Juni 1957, dem offiziellen Gründungstag des Gebirgsbataillons 8, gab Kommandeur Major Hans-Georg Meyer in einem Tagesbefehl die Kommandoübernahme über das Gebirgspionierbataillon 8 bekannt. Schon wenige Wochen später folgte der erste Katastropheneinsatz der Gebirgspioniere, als sie Unwetter- und Bergrutschschäden im Inntal beseitigten. In den folgenden Jahrzehnten trainierten die Pioniere in Brannenburg für ihre Aufgaben als Kampfunterstützungstruppe: die Beweglichkeit und Durchhaltefähigkeit der eigenen Truppe fördern sowie die Beweglichkeit gegnerischer Truppen hemmen. Außerdem brachten sie bei zahlreichen Hilfs- und Katastropheneinsätzen ihre Fähigkeiten ein. Dass die Soldaten das Inntal verlassen mussten, war der Transformation der Bundeswehr zu Beginn des Jahrtausends geschuldet. Im Rahmen der Reform wurden die ursprünglichen Aufgaben der Bundeswehr an veränderte politische Konstellationen angepasst.
„Immer da, wenn
Not am Mann war“
Bei der Verabschiedung des Gebirgspionierbataillons 8 im November 2009 drückte der damalige Brannenburger Bürgermeister Mathias Lederer sein Bedauern über den Abzug mit folgenden Worten aus: „Die Gebirgspioniere waren immer da, wenn Not am Mann war, und dafür gebührt ihnen unser besonderer Dank.“ Zehn Jahre später erinnert sich Lederer im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen an die besondere Verbundenheit der Soldaten mit dem Ort. „Die gehörten einfach zu uns, wir hatten eine enge Bindung“, so das frühere Gemeindeoberhaupt. So habe man zum Beispiel gemeinsame Faschingsbälle veranstaltet. Zudem hätten viele Einwohner als Zivilbeschäftigte für die Bundeswehr gearbeitet.
„Wir waren ins Ortsleben eingebunden, man kannte sich untereinander“, bestätigt Peter Plank, der 13 Jahre lang in der Karfreitkaserne Dienst tat und jetzt in Bernau lebt. Als Vorsitzender der Truppenkameradschaft hält er gemeinsam mit etwa 200 Gleichgesinnten die Erinnerung an vergangene Zeiten hoch.
Einmal im Jahr besucht Plank mit früheren Kameraden das Areal, wo einstmals die Kaserne stand. Sie ist einem gigantischen Bauprojekt gewichen: Inzwischen steht dort ein neuer Ortsteil, den der Bauträger, die InnZeit Bau GmbH, „Dahoam im Inntal“ getauft hat. Ein Dorf im Dorf auf einer Fläche von 21 Fußballfeldern. Letztes sichtbares Relikt aus vergangenen Tagen ist eine riesige Uhr mit goldenem Zifferblatt, die früher auf einem Kasernengebäude gethront hat.
Schöne
Erinnerungen
Es sei „schon ein komisches Gefühl“, wenn man zwischen den neuen Häusern hindurch gehe, so Plank. Begleitet werden er und die anderen Mitglieder der Truppenkameradschaft beim Rundgang von Unternehmer Wolfgang Endler, der das Areal 2012 gekauft hat. Er nimmt sich Zeit, um den ehemaligen Gebirgsjägern zu zeigen, was an ihrem früheren Arbeitsplatz entsteht. „Beeindruckend“ sei das, sagt Plank. Aber in seiner Stimme klingt Wehmut durch. Schöne Erinnerungen an seine Zeit in Brannenburg hat auch Oberst Jochen Gumprich. Er war vom 2. Oktober 2008 bis zur Schließung 2010 der letzte Kommandeur des Standorts und leitet derzeit den Ausbildungsstützpunkt Kampfmittelabwehr in Stetten am kalten Markt (Baden-Württemberg). „Für mich als Norddeutschen war das etwas ganz Besonderes in Oberbayern, eine eigene Welt“, blickt der Oberst zurück. Wie seine Vorgänger sei er scherzhaft „Fürst vom Inntal“ genannt worden. „Eine nette Bezeichnung, aber als Fürst habe ich mich nie gefühlt“, so Gumprich. Er sei, wie seine Kameraden damals in Brannenburg, „ein Gebirgsjäger – durch und durch“.