Der „Millipritschler“ wird 80

von Redaktion

Sepp Ranner im Porträt: Ein Bauer aus Leidenschaft und Vollblutpolitiker zugleich

Bad Aibling – Den Trachtenanzug zieht er einem feinen Zwirn mit Einstecktuch vor und nennt sein Festgewand schmunzelnd „Raiffeisen-Smoking“; als Politiker sah er sich stets in der „Leberkas-Etage“ und nicht in der Riege der Kaviar-Freunde; im Grunde seines Herzens ist er ein Bauer mit Leib und Seele, der tief im Glauben verwurzelt ist und seiner Liebe zur Heimat einen festen Platz auf seiner Werteskala einräumt: Sepp Ranner, der „Millipritschler“ aus dem Bad Aiblinger Ortsteil Mitterham, wird am morgigen Sonntag 80 Jahre alt.

Diesen Spitznamen gaben die Kollegen der CSU-Fraktion dem ehemaligen Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbandes schon kurz, nachdem das Geburtstagskind 1990 erstmals in den Landtag einzog. Eine Bezeichnung, die das feinsinnig-ironische Element des bayerischen Dialektes mit dem großen Respekt vor dem profunden Fachwissen des gelernten Landwirtschaftsmeisters liebevoll vereint. Ranner ließ im Verlauf seines Politiker-Daseins nicht nur einmal aufhorchen, wenn im Maximilianeum wichtige Entscheidungen anstanden – vor allem im Bereich der Agrarpolitik.

Zahlreiche Auszeichnungen

Welches Schwergewicht für derlei Fachfragen von nun an die Fraktion verstärkt, das war seinen Abgeordnetenkollegen vom ersten Tag seiner Tätigkeit an klar. Ranner wurde sofort stellvertretender agrarpolitischer Sprecher der CSU-Fraktion, zudem stellvertretender Vorsitzender im Agrarausschuss. Freude bereitete dem passionierten Hobbyimker auch das Amt des bienenpolitischen Sprechers seiner Fraktion. Dass ihm die Bienenzüchter mit der Goldenen Ehrennadel die höchste Auszeichnung der deutschen Imker für seinen Einsatz für ihre Interessen verliehen, diese Auszeichnung freut Ranner ganz besonders. Er nennt sie wie selbstverständlich in einem Atemzug mit dem Bayerischen Verdienstorden, dem Bundesverdienstkreuz oder der Verfassungsmedaille, deren Träger er ebenfalls ist.

Alles Ehrungen, die nicht zuletzt das politische Lebenswerk des 80-Jährigen würdigen. Sein besonderes Augenmerk galt dabei stets dem Erhalt der bäuerlichen Familienbetriebe und weniger der Agrarindustrie. „Wir müssen schauen, dass wir den Bauern Geld geben, damit sie auf ihren Höfen bleiben können.“ Dieses Credo seines Handelns predigt er noch heute, wenn er in Parteikreisen über Agrarpolitik diskutiert oder bei Veranstaltungen das Wort ergreift.

Als eines von acht Kindern 1939 in Willing geboren, verlor Ranner nie den Bezug zur beruflichen Praxis – auch als Abgeordneter nicht. „Ich bin ein leidenschaftlicher Bauer und habe mir diesen Titel auch als Abgeordneter nie nehmen lassen“, erinnert er sich gerne an die Doppelfunktion, die er während seiner Parlamentstätigkeit ausübte. Jeden Tag ist er mit seiner Frau Elisabeth – Ranner spricht von „einem Glücksfall für sein Leben“ – um 5 Uhr in der Früh aufgestanden, hat im Stall die Kühe gemolken, geduscht und ist dann in Richtung München gefahren. Viel Zeit beanspruchten auch Dutzende Ehrenämter, die er neben der Funktion als BBV-Kreisobmann und seinem kommunalpolitischen Engagement wahrnahm. „Ich war an der Basis verwurzelt und habe Politik von unten nach oben gemacht“, erzählt er von sich selbst. Und weiter: „Es gibt keine bäuerliche Selbsthilfeeinrichtung in der Region, in deren Vorstand ich nicht war.“ Hinzu kamen die Ämter als jeweils stellvertretender Präsident im Verband der deutschen Milchwirtschaft und der deutschen Rinderzüchter.

Mit Stoiber und
Beckstein ausgesöhnt

Ehrlichkeit und klare Worte, das sind Markenzeichen von Sepp Ranner. Da konnte er in der Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner auch mal ein wenig grob werden. „Lautes Schreien hat mit Hirn nichts zu tun, auch wenn Sie dafür von der SPD Beifall bekommen“, raunzte er in einer Debatte einst Sepp Dürr an, der für die Grünen im Landtag saß. Als aufgrund der Stimmkreisreform der Staatsregierung die Gemeinden Feldkirchen-Westerham und Bad Feilnbach aus seinem Wahlkreis herausgelöst und dem neuen Stimmkreis Miesbach zugeschlagen wurden, nannte er den damals dafür zuständigen Innenminister Günther Beckstein einen „Tagedieb und Wegelagerer“. Ranner hat sich später bei ihm entschuldigt, beide sind bis heute freundschaftlich verbunden. Der emotionale Ausbruch von einst ist für sie Schnee von gestern.

Auch Edmund Stoiber, dessen Sturz in Kreuth im Jahr 2007 Ranner damals befürwortete, diese Entmachtung später aber als Fehler der CSU einstufte, ist ihm nicht mehr gram. Als Ranner Jahre später bei ihm Abbitte leistete, schrieb der langjährige Ministerpräsident wörtlich. „Du brauchst Dich bei mir nicht zu entschuldigen, auch wenn Du ‚Kreuth 2007’ heute völlig anders siehst als damals. Du warst eine exzellenter Volksvertreter im wahrsten Sinne des Wortes.“ Wenn er heute auf den CSU-Ehrenvorsitzenden zu sprechen kommt, redet er von einem „hervorragenden Ministerpräsidenten.“

Dieses Amt gut auszuüben, hätte er auch Ilse Aigner zugetraut. „Ich ziehe den Hut vor ihrer Arbeit. Sie ist halt kein Ellenbogenmensch“, sagt der Parteifreund über sie – auch wenn er nach eigenem Bekunden mit ihr „schon mal über Kreuz war“. Damals, als ihm Landesbäuerin Annemarie Biechl auf seinen Wunsch hin als CSU-Direktkandidatin im Stimmkreis Rosenheim West nachfolgte und auch Aigner sich hier gerne um die Gunst des Wahlvolkes beworben hätte.

Noch heute ein

täglicher Stallbesuch

An Markus Söder erkennt der langjährige Parlamentarier durchaus „gute Seiten“. Wie der Ministerpräsident zuletzt mit den Bauern umging, das schmeckt ihm weniger. „In manchen Fragen hat er extrem grüne Positionen eingenommen“, sagt der Vater von vier Kindern, der seit 1970 mit seiner Frau Elisabeth verheiratet ist.

Noch heute schaut er mit ihr regelmäßig in den Stall, auch wenn er glücklich ist, dass Sohn Martin den seit 120 Jahren in Familienhand befindlichen Betrieb längst übernommen hat und ihn zur vollsten Zufriedenheit des Vaters führt.

Der findet als „Austragler“ dafür mehr Zeit für Dinge, die mit Politik wenig zu tun haben. Beispielsweise für das geliebte Zitherspiel. Als er sich 2013 bei einem Unfall auf dem Hof einen Oberschenkelhalsbruch zuzog und er in der ersten Zeit nach der Operation manchmal keine Nachtruhe fand, ging Ranner unter die Autoren. Er verfasste kurzerhand ein Buch über die Geschichte von Mitterham. „Ich habe mir die Schmerzen einfach aus dem Leib geschrieben“, sagt er rückblickend.

Auch wenn er sich als Folge des Unfalls erst kürzlich erneut einer Oparation unterziehen musste, ist der Jubilar mit seiner Gesundheit zufrieden und freut sich auf seine Geburtstagsfeier. Protokollarische Zwänge kennt er nicht (mehr), er will nur mit der Familie und echten Freunden feiern. Und vor allem auch dem Herrgott für sein Leben mit allen Höhen und Tiefen danken. Das macht der gläubige Christ regelmäßig auch beim Besuch des Sonntagsgottesdienstes und immer dann, wenn er als Marienverehrer mit seiner Frau in der Gnadenkapelle in Birkenstein oder der Basilika in Altötting ein stilles Gebet spricht.

Der Tod
ist kein Tabu

Sepp Ranner wollte nicht nur als Politiker und Interessenvertreter immer Realist sein. Entwicklungen offen ins Auge zu sehen, das war stets auch die Devise für sein Privatleben. Und genau das ist der Grund, warum er schon längst festgelegt hat, wie sein Sterbebild aussehen soll, wenn sein Dasein auf dieser Welt zu Ende ist. Der Ex-Abgeordnete spricht sehr offen über den Tod, auch wenn er sich jetzt erst einmal richtig auf einen ganz besonderen Ehrentag in seinem erfüllten Leben freut.

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