Bad Feilnbach – Als „verrückter Typ“ überzeugte er die Macher von „Die Höhle der Löwen“ bei VOX: Markus Wiesböck, Entwickler, Chef und Marketing-Maschine in einer Person. Wenn man wissen will, wie er tickt, kann man sich Youtube-Clips anschauen. Zum Beispiel die Schulungsvideos für Verkäufer. Auf Markus Wiesböcks Topfhaarschnitt ruht ein Filzhut, gekleidet ist er in einen Kapuzenpullover mit Brotzeitdecken-Karomuster; neben ihm steht eine Mass Bier, vor ihm liegt eine Brezn. Wiesböck hält auf Bayerisch einen Vortrag über Wolle und Schlafsäcke, der in Untertiteln auf Hochdeutsch über den Bildschirm flimmert.
„Wir müssen an die
Zukunft denken“
Wiesböck ist eine Marke aus eigener Kraft. Er verbindet Selbstbewusstsein mit Selbstironie. Wiesböcks bester Werbeträger ist – Wiesböck selbst. Dem 49-Jährigen ist sein Unternehmen absolut ernst. Die Botschaft aber verkauft er mit Humor. Die Mischung schlug vor drei Jahren auch bei „Höhle der Löwen“ ein. Wiesböck bewarb sich, wurde ausgefragt – und siegte. Ralf Dümmel machte einen Deal mit ihm.
Markus Wiesböck entwickelt Schlafsäcke. Er tut das mit Überzeugung und Liebe. Er weiß, dass sein Produkt die richtige Idee zur richtigen Zeit ist. Seit die Menschen verstärkt über Umwelt- und Artenschutz nachdenken, liegen seine schonend produzierten Schlafsäcke verstärkt im Trend. „Wir müssen an die Zukunft denken“, sagt der Unternehmer und Entwickler. „Ich finde es extrem wichtig, sich Gedanken zu machen, wohin der viele Müll soll, den wir produzieren.“
2014 brachte Wiesböck, der in Au entwickelt und in Aschau lebt, seinen ersten Daunen-Schlafsack heraus, ein Jahr später folgte sein Meisterstück. Bisher hatte man auf Daune und Kunstfaser gesetzt, Wiesböck aber verwendete nunmehr Wolle als Füllung, da Wolle wie eine natürliche Klimaanlage wirkt und unempfindlicher gegen Feuchtigkeit ist. Einfach Wolle in den Schlafsack zu füllen – das funktionierte nicht. Wiesböck musste Rückschläge einstecken. Dann kam er auf den Dreh: Er ließ Wollfasern mit Maisstärke versetzen. Ergebnis: eine stabile, waschbare Füllung.
Die Wolle für seine Schlafsäcke stammt von „glücklichen Schafen“ etwa aus der Schweiz, die besonders hohe Tierschutzstandards einfordert. Die restlichen Materialien sind zumindest wiederzuverwerten. Sein Meisterstück stellte er kürzlich bei der Ispo in München vor: Sein von der Daunen-Woll-Füllung bis hin zu den Olivenholzknöpfen zu hundert Prozent kompostierbarer Schlafsack wurde als bestes Produkt ausgezeichnet. Nur eine von vielen Auszeichnungen. „Die bekommen wir, weil wir nicht aufs Geld schauen“, sagt Wiesböck.
Inspiration durch
Mücken-Attacken
Kein Plastik, keine Misshandlung von Tieren, das alles findet Wiesböck toll, natürlich. Wirklich wichtig aber ist ihm der Kunde, den er im Sack hat: „Es geht um Schlafkomfort. Immer!“ Dafür dürfte der Schlafsack im Notfall sogar etwas mehr wiegen: „Wer gut schläft, hat mehr Energie. Dann macht es auch nichts, wenn man hundert Gramm mehr auf den Gipfel schleppt.“
Wolle ist vor allem für Frühling und Herbst geeignet, „Wolle reguliert die Temperatur“, sagt Wiesböck. Für den perfekten Schlummer lässt sich Wiesböck aber auch immer etwas Neues einfallen. Etwa ein Heizelement, das mit einer handelsüblichen Powerbank betrieben werden kann. Oder Noppen an der Unterseite, die das Abrutschen von der Isomatte verhindern.
Oder mit seiner Moskitonetzkuppel über der Schlafsacköffnung. „Die Idee kam mir in Schottland“, sagt Wiesböck und lacht, „da haben die mich so zerstochen, dass mein Arm schwarz war“. Die, das sind die Mücken, denen Wiesböck nicht böse zu sein scheint. Ein Ärgernis, zunächst. Eine Idee am Ende.
Wiesböck hat in seinem Leben vieles angefangen. Er hat einen Friseursalon aufgemacht, ein Café, ein Sportgeschäft, Versandfirmen. Hat die Sache ins Rollen gebracht und dann in andere Hände gegeben, um sich auf sein Kerngeschäft zu konzentrieren: Schlafsäcke.
Für seinen Traum vom perfekten Schlummer ließ sich Wiesböck auch auf das Abenteuer mit der „Höhle der Löwen“ ein. „Ich hatte eigentlich nur daran gedacht, dass ein Auftritt in der Show eine gute Werbung wäre“, sagt Wiesböck.
Bei der Werbung und beim Sammeln von Erfahrung blieb es dann aber auch. Der eine Unternehmer wollte Einfluss, der andere Freiheit. Wiesböck und sein TV-Partner schieden im Guten. Wiesböck verließ die „Höhle“ ohne neues Geld, aber mit seiner Vision vom edlen Outdoor-Produkt.
Daniel Artmann vom Digitalen Gründerzentrum Stellwerk 18 in Rosenheim kann das nachvollziehen. „,Höhle der Löwen‘ leistet viel dafür, dass sich so etwas wie eine Start-up-Kultur bei uns etabliert, ein Verständnis dafür auch, dass Scheitern keine Schande ist“, sagt der Geschäftsführer. „Aber man muss sich auch genau überlegen, auf was und wen man sich da einlässt.“
Wiesböck hatte seine Start-up-Fähigkeiten schon vor dem Auftritt in der „Höhle der Löwen“ entwickelt. Am wichtigsten sind seine Verwegenheit und sein Antritt. Um seine Schlafsäcke so produzieren lassen zu können, wie er sie sich vorstellt, reiste Wiesböck bis nach China. Er hatte sich vorab im Internet informiert, flog mehr oder weniger aufs Geratewohl nach Schanghai – und fand eine Partnerfirma.
Dieses Rangehen ohne Scheu ist ein Wesenszug des 49-Jährigen. Wiesböck hat nach eigenen Worten zwar keine Ahnung vom Komponieren, schreibt aber selber Werbesongs. Seine Werbefilme macht er auch selber. Wenn er Zeit hat, schreibt er auch noch Science-Fiction. „Es gibt zu viel Realität in der Welt“, sagt er.
So jemandem wird schnell die Zeit zu knapp. Wiesböck redet dann auch sehr, sehr schnell. Hauptsache, was machen. „Wer nicht anfängt, kann nichts zu Ende bringen.“ Findet der Entwickler, der seinen Beruf allerdings kokett auch mal als „Testschläfer“ beschreibt.
11000 Schlafsäcke sind schon verkauft
Ist Wiesböck Unternehmer, ist er Träumer? „Ich möchte nicht die beste Spanne, ich möchte den besten Schlafsack“, sagt er. Er spart an Personal – dreieinhalb Mitarbeiter zählt Grüezi Bag –, das meiste Geld geht in Entwicklung und Produktion. 10000 bis 11000 Schlafsäcke hat er heuer bereits verkauft. Die „Höhle der Löwen“ hat er nicht gebraucht. „Ich weiß jetzt aber immerhin, wie’s im Fernsehen zugeht“, sagt er. Wenn jemand Tipps benötigt, verschließt er sich nicht. „Es rufen schon manchmal Leute an, die mit ihrer Idee in die Show wollen.“ Wiesböck hilft. „Solange es mich nur Arbeitszeit kostet“, sagt er. Zeit ist eben doch nicht immer Geld. Das fließt bei Wiesböck bis auf Weiteres in den Traum vom perfekten Schlafsack. Nächstes Jahr, so schätzt er, könnte er erstmals mehr einnehmen als ausgeben.