Wasserburg – Am Tag nach dem Brandanschlag auf einen Pfleger im kbo-Inn-Salzach-Klinikum in Wasserburgs Stadtteil Gabersee stand gestern die Krisenintervention im Mittelpunkt. Ärzte und Psychologen boten Gespräche auch für die vier Mitarbeiter von Haus 50 an, in dem in den frühen Morgenstunden der Überfall stattgefunden hatte.
Währenddessen laufen die Ermittlungen der Kriminalpolizei „auf Hochtouren“, wie eine Sprecherin der Polizei mitteilte. Eine Gruppe von acht Beamten hat sich unter dem Namen „Kanister“ an die Aufklärung des Falles gemacht.
Zur Identität des immer noch flüchtigen Täters konnte die Polizei gestern zum Zeitpunkt des Redaktionsschlusses allerdings noch keine Angaben machen.
Aggressivität nimmt
seit Jahren zu
„Bis jetzt haben alle das Geschehene relativ gut weggesteckt“, sagt Geschäftsführer Dr. Theodor Danzl. Doch ein vorschnelles Urteil darüber, ob der Anschlag seelische Folgen haben wird, will er noch nicht fällen. Oft mache sich ein Schock erst zwei bis drei Tage danach bemerkbar.
Der Kollege, der vom immer noch flüchtigen Angreifer mit einer brennbaren Flüssigkeit überschüttet worden war, befindet sich noch im Krankenhaus – zur Beobachtung, denn er konnte sich zwar geistesgegenwärtig wegducken, bekam jedoch etwas von der noch unbekannten Flüssigkeit ins Auge. Auch ihm gehe es den Umständen entsprechend gut, so Danzl weiter.
„Ich kann mich nicht erinnern, dass wir in den vergangenen 30 Jahren, in denen ich tätig bin, einen Vorfall von solcher Brutalität erlebt haben“, sagt der Geschäftsführer des Inn-Salzach-Klinikums. Eine zunehmende Aggressivität, die bekanntlich auch Rettungskräfte beklagen, stellen er und die Mitarbeiter zwar in den vergangenen Jahren fest – wobei nicht nur Patienten negativ auffallen, sondern oft auch Besucher und Angehörige. Doch zu anscheinend geplanten Überfällen so wie am Sonntagmorgen sei es bisher noch nie gekommen. Warum der Täter sich genau dieses Haus aussuchte, warum er eben diesen Pfleger als Ziel wählte: die Polizei muss die Antworten auf diese Fragen erst noch finden. Stellt sich also die Frage, ob und, wenn ja, wie das Klinikum auf die neue Bedrohungslage reagieren sollte. „Wir werden eventuelle Maßnahmen jetzt im Kreis der Stationsleiter und Ärzteschaft besprechen – in aller Ruhe“, wie Danzl betont. „Einen Schnellschuss wird es nicht geben.“
Wie kann man die
Gefahr verringern?
Für ihn steht fest: Das parkähnliche Gelände mit einer Größe von über 50 Hektar, auf dem sich die Klinikbauten im Pavillonstil lose zwischen großen Grünanlagen und Waldflächen verteilen, lasse sich nicht hermetisch abriegeln. Umzäunt ist nur die Forensik. Ansonsten legt das Klinikum sogar Wert auf Offenheit, abschotten will sich die Einrichtung bewusst nicht. Jeder kann jederzeit das Gelände betreten. Hier sind tagsüber auch viele Spaziergänger unterwegs. Trotzdem müsse etwas geschehen, denn die Verunsicherung unter den Mitarbeitern sei spürbar, sagt Danzl. „Der Überfall hat Ängste ausgelöst.“ Das Gelände mit Schranken zu versehen, sei jedoch angesichts der Weitläufigkeit unmöglich. Eine Kameraüberwachung, die es bisher beim Inn-Salzach-Klinikum noch nicht gab, könnte eine Option sein.
Bürger, die das Inn-Salzach-Klinikum nicht kennen, fragen sich, wie es überhaupt dazu kommen kann, dass nachts nach einem Klingeln an einer Tür geöffnet wird. Haus 50 ist nach Angaben von Danzl eine Aufnahmestation für psychisch schwer kranke Menschen. Viele kämen – nach akuten Krisen – auch nachts, die meisten im Krankenwagen oder von der Polizei gebracht. Es gebe auch Patienten, die selbst um Aufnahme bitten oder von Angehörigen gebracht würden. Deshalb müsse aufgemacht werden, wenn es an der Stationstür klingele, und sei es mitten in der Nacht.
Im Neubau von Inn-Salzach- und Romed-Klinikum, der bis 2025 fertiggestellt sein soll, wird diese Sicherheitsproblematik Geschichte sein. Es wird eine gemeinsame, zentrale Aufnahme geben.
Nicht nur die Frage, was getan werden kann, um die Gefahr für einen Überfall in Zukunft zu verringern, steht derzeit im Fokus im Inn-Salzach-Klinikum. Auch das große Aufräumen hat begonnen. Die ebenfalls evakuierte Nachbarstation, deren Patienten für eine Nacht in den Festsaal ausgewichen waren, konnte bereits wieder bezogen werden.
Andere Stationen haben die 26 verlegten Patienten des Bereiches, in dem das Feuer gelegt worden war, aufgenommen. Gutachter der Versicherung sind vor Ort, um den Schaden zu beurteilen und Maßnahmen vorzuschlagen, berichtet Danzl. „Wir sind dabei, die Reinigung zu organisieren und hoffen, dass im Laufe der Woche die Station, in der das Feuer gelegt wurde, ebenfalls wieder bezugsfertig ist.“
Trotz Ärgers und Sorgen gibt es auch einen Aspekt, der den Geschäftsführer freut: „Der Zusammenhalt unserer Mannschaft hat sich mal wieder als extrem gut erwiesen.“ Ärzte, Therapeuten und Pflegekräfte seien, auch wenn sie nicht zum Dienst eingeteilt gewesen seien, spontan gekommen, um zu helfen. Viele würden freiwillig mit anpacken beim Aufräumen.
Polizei bittet
um Hinweise
Der gesuchte Mann ist etwa 40 bis 60 Jahre alt und von kräftiger Statur. Er hat dunkle Haare und trug eine schwarze Wollmütze und einen ebenfalls schwarzen, hüftlangen Anorak mit Kapuze, dazu eine schwarze Jeans und schwarze Schuhe mit einem weißen gebogenen Streifen an der Seite.
Der Unbekannte trug einen kurzen Bart um Mund und Kinn. Es kann sich dabei um einen Backenbart handeln, wegen der Kapuze war das allerdings nicht zu erkennen. Der Mann sprach deutsch ohne Akzent. Er führte einen schwarzen Fünf-Liter-Kanister mit gelben Drehverschluss mit sich, den er nach der Tat wieder mitnahm.
Die Kripo Rosenheim bittet unter Telefon 08031/ 2000 um Hinweise aus der Bevölkerung. Wem ist in der Nacht von Samstag auf Sonntag auf oder an dem Gelände der kbo-Inn-Salzach-Klinik in Gabersee eine verdächtige Person aufgefallen? Der Unbekannte könnte bei seinem Anschlag seinerseits Verletzungen erlitten haben.