So bunt wie das Leben

von Redaktion

Leser zeigen Herz Vorbild für KJSW-Projekt: Inklusive WG in München

Rosenheim/München – Wenn das keine perfekte Idee ist: Menschen mit und ohne Beeinträchtigung leben auf Augenhöhe miteinander in einer WG, in der Studenten keine Miete zahlen. Dafür übernehmen sie den einen oder anderen Dienst und sorgen dafür, dass der Laden läuft.

In der Wirtschaft würde man das als Win-Win-Situation bezeichnen. Und tatsächlich gibt es nur Gewinner, weil sich sowohl Studenten als auch Menschen mit Hilfebedarf extrem schwer tun, eine bezahlbare Wohnung zu finden – auch in der Region. Deshalb will das Katholische Jugendsozialwerk (KJSW) in Rosenheim mithilfe der OVB-Leser die erste inklusive WG dieser Art gründen.

Vorbilder für das wegweisende Projekt in Rosenheim, das heuer von der Weihnachtsaktion „OVB-Leser zeigen Herz“ unterstützt wird, sind die WGs von „Gemeinsam Leben Lernen“ (GLL) in München. Dort klappt das gleichberechtigte Miteinander schon länger so gut, dass Tobias Polsfuß, Student, verblüfft sagt: „Eigentlich kaum zu glauben, dass diese tolle Idee noch so wenig bekannt ist.“

Polsfuß ist einer der treibenden Kräfte des Modells. Ganz selbstverständlich leben in „seiner“ WG am Hart neun Menschen mit und ohne Beeinträchtigung im Alter von 23 bis 47 Jahren zusammen.

Dazu gehört auch Gesa Romm, eine bemerkenswerte Frau (24) mit vielen Talenten. Als die OVB-Heimatzeitungen zu Besuch in der WG sind, kommt sie gerade von ihrer Arbeit in einer Kantine zurück. Es riecht nach Abendessen. „Hmmm, Auflauf, das schmeckt“, freut sich Gesa, die Hunger mitbringt. Die 24-Jährige lebt schon seit sechs Jahren in der inklusiven Wohngemeinschaft im Münchner Norden. Die WG liebt sie ebenso wie die große Bühne: Die Schauspielerei ist ihre große Leidenschaft. An der Freien Bühne München hat sich die ausdrucksstarke, zierliche Frau zur Schauspielerin ausbilden lassen.

Eine geistige Beeinträchtigung macht ihr das Leben aber nicht immer leicht. Ganz allein würde Gesa deshalb schwer zurechtkommen. Umso glücklicher war sie, als es mit der inklusiven WG klappte. „Ich bin 2013 hier eingezogen. Meine Mutter hat mir beim Aussuchen der Möbel für mein Zimmer geholfen“, erzählt die 24-Jährige. Jeder hat in der WG sein eigenes „Reich“, nur Küche und Wohnzimmer nutzen alle gemeinsam.

„Es läuft ganz gut: Wir kochen selbst, kaufen ein und Party machen wir auch. Party ist richtig toll“, so Romm. Heute wird aber nicht mehr gefeiert. Gesa ist müde von der Arbeit. Nach dem Essen will sie noch etwas fernsehen, vielleicht mit den anderen ratschen – das war‘s.

Jede Woche ein Früh-
und ein Nachtdienst

Tobias Polsfuß hat sich zu Gesa gesetzt. Der 26-Jährige, der gerade seinen Master in „Gesellschaftlicher Wandel und Teilhabe“ abgeschlossen hat, lebt seit sechseinhalb Jahren in der WG. Er bezahlt keine Miete für sein Zimmer, leistet dafür aber einen Abend-, Nacht-, und Frühdienst pro Woche und einen Wochenenddienst pro Monat. Meist geht es darum, einfach als Ansprechpartner bei Fragen greifbar zu sein, die Freizeit gemeinsam zu verbringen oder am Wochenende einen Ausflug zu organisieren.

Fünf seiner Mitbewohnerinnen und Mitbewohner haben eine geistige Beeinträchtigung. Einige davon brauchen auch Unterstützung in der Körperpflege, etwa beim Duschen. Für Tobias Polsfuß ist es kein Problem, ihnen dabei zu helfen. Auch Unterstützung von außen gibt es: Zwei Fachkräfte kommen regelmäßig und jemand, der ein Freiwilliges Soziales Jahr absolviert, ist ebenfalls greifbar. Sie wohnen allerdings nicht in der WG.

Die WG gibt es schon seit 14 Jahren, die Bewohner sind so bunt und vielfältig wie das Leben: Neben Studierenden sind es junge Leute in einer Berufsausbildung und auch Berufstätige. „Es ist bereichernd, dass hier immer wieder so spannende Menschen wohnen. Wir hatten hier schon einen Sportstudenten, einen Tanzlehrer oder eine Mitarbeiterin des Europäischen Patentamts. Jeder von uns bringt auch seine Interessen und seine Hobbys in die WG ein“, sagt Polsfuß.

Das Münchner Modell begeistert auch den Gesamtleiter des Katholischen Jugendsozialwerks in Rosenheim, Thomas Bacher. „Wir sehen, wie toll das in der WG von GLL läuft. Deshalb inspiriert sie uns auch für die inklusive WG, die wir selbst in Rosenheim aufbauen wollen.“

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