„Ich merke nicht, dass ich HIV habe“

von Redaktion

Welt-Aids-Tag 48-Jähriger ist vor elf Jahren erkrankt und führt ein ganz normales Leben

Rosenheim – In den 1980er- Jahren kam eine HIV-Infektion einem Todesurteil gleich. Die Medizin war noch nicht so weit, das Leben der Betroffenen zu retten. Fast 40 Jahre später scheint für Infizierte ein annähernd normales Leben mit Therapien möglich. Auch für die insgesamt 11800 HIV-positiven Männer und Frauen in Bayern. Einer von ihnen: Maik Schoeneich (48).

Es ist eine Art Ritual geworden. Jeden Morgen, um 7 Uhr, trinkt Maik Schoeneich eine Tasse Kaffee. Schwarz. Dazu drei Tabletten. Er nimmt sie, spült sie mit dem Kaffee runter. Dann macht er sich auf den Weg zur Arbeit. Er ist Diplom-Ingenieur, arbeitet als Testfahrer. Sein Arbeitstag ist lang, anstrengend. Nach der Arbeit kommt Schoeneich nach Hause. Manchmal geht er zum Sport, manchmal lässt er den Abend vor dem Fernseher ausklingen. An den Wochenenden verbringt er Zeit mit Freunden, Familie und seinem Partner. Es ist ein ganz normales Leben, das Maik Schoeneich lebt. Mit einem Unterschied. Er ist HIV-positiv, lebt seit elf Jahren mit dem Virus.

Im Frühjahr 2008 ist der Tag, der alles ändert, eigentlich ein Tag wie viele andere vorher. Schoeneich wacht morgens auf, spürt nur, dass er sich krank fühlt. Schnupfen und Husten plagen ihn. Er vermutet eine Sommergrippe. Meldet sich krank. Geht zum Arzt, lässt sich Medikamente verschreiben. Die Grippe bleibt. Es folgen Wochen ohne Besserung, bald sind es Monate. Immer neue Arzttermine, immer neue Medikamente.

Von 90 auf

60 Kilogramm

Schließlich verschlechtert sich sein Zustand deutlich. Ein Jahr ist seit dem Morgen mit der vermeintlichen Sommergrippe schon vergangen. Schoeneich hat stark abgenommen, wiegt nur noch 60 statt der 90 Kilogramm, Dauerdurchfall quält ihn und eine Pilzinfektion in Mund- und Rachenraum. Er geht wieder zum Arzt, bekommt Lutschpastillen für den Hals. Heute weiß er: Die „Untätigkeit“ der Ärzte wurde Teil seiner Verdrängungsstrategie. „Für mich kam HIV nie in Frage“, sagt er. Und das, obwohl er als Schwuler zur Risikogruppe gehört.

Schließlich rät ein Magen-Darm-Spezialist Schoeneich dazu, einen HIV-Test zu machen. Ein Bluttest ergibt: Er ist HIV-positiv. Seine Helferzellen sind nicht mehr nachweisbar, er hat Millionen Viren in jedem Milliliter Blut. „Mein Immunsystem war praktisch nicht mehr vorhanden“, sagt er.

Nach der Diagnose spürt er eine Vielzahl von Emotionen. Erst Erleichterung, dann Angst, dann Wut. Erleichterung darüber, dass er endlich weiß, was mit ihm los ist. Angst davor, dass die Diagnose zu spät kommt, sein Leben zu Ende sein könnte. Und Wut. Wut darüber, dass er nicht den Mut hatte, einen HIV-Test zu machen.

„Ich dachte, dass ich in den nächsten zwei Wochen sterben werde“, sagt er. Seinen damaligen Lebensgefährten stellte er vor die Wahl: „Du kannst gehen, oder bleiben, bis ich tot bin.“ Der Lebensgefährte entschied sich fürs Bleiben sorgte sich um Schoeneich. Gemeinsam suchten sie nach einem Spezialisten. Und fanden ihn.

Maik bekam Infusionen, Mittel gegen die Pilzinfektionen und kalorienhaltige Joghurtshakes. Sechs Wochen später saß er wieder an seinem Arbeitsplatz.

Die große Veränderung, die er nach der Diagnose erwartet hatte, blieb aus. Sein Leben geht weiter. Einfach so. Er probiert verschiedene Therapiemöglichkeiten aus. Beginnt mit sieben Tabletten, reduziert einige Jahre später auf drei. Die Medikamente beginnen zu wirken, die HI-Virenlast in seinem Körper liegt schnell unter der Nachweisgrenze, infektiös ist er nicht mehr. Um sein Selbstbewusstsein nach der Diagnose zu stärken, besucht er außerdem Selbsthilfegruppen. Lernt mit der Krankheit umzugehen.

Heute weiß er, dass er kein Einzelfall ist. Ein Jahr nach der Diagnose sucht er das Gespräch mit seinen Eltern, seinem Arbeitgeber und den engsten Freunden. „Mittlerweile weiß jeder, der es wissen will, dass ich HIV-positiv bin“, sagt er. Die Reaktionen seien durchweg positiv gewesen. „Ich hätte gedacht, dass die Ablehnung größer ist.“ Die Reaktionen geben ihm Mut, weiterhin offensiv mit seiner Krankheit umzugehen. Er will helfen, die Bevölkerung aufzuklären. „HIV ist heutzutage kein Todesurteil mehr. Man muss keine Angst davor haben, einen Test zu machen“, sagt er.

Er selbst kann es heute kaum glauben, dass er mit dem HIV-Test damals so lange gewartet hat. „Ich habe wahnsinnig viel Glück gehabt“, sagt er. Kurz hält er inne, denkt nach. „Ich merke nicht, dass ich HIV habe“, sagt er. Nur morgens wird er kurz daran erinnert. Dann, wenn er seine drei Tabletten nimmt und mit einem Schluck Kaffee runterspült.

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Ich dachte, dass ich in den

nächsten zwei Wochen sterben werde.

Maik (48), HIV-positiv

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