Nächster Akt in der Aufzugsposse

von Redaktion

Bahnhof Kiefersfelden: Beide Lifts sind über die Wintermonate außer Betrieb gesetzt

Kiefersfelden – Barrierefreiheit ist eines der großen Themen, die sich Politik und Gesellschaft auf die Fahnen geschrieben haben. Am Kiefersfeldener Bahnhof ist davon aber nichts zu spüren. Die Bahn will die Aufzüge, die immer wieder ihren Geist aufgeben, zwar erneuern – allerdings erst im Frühjahr 2020. Dafür haben sie ihre Ankündigung, die Anlagen aus Sicherheitsgründen in den Wintermonaten außer Betrieb zu nehmen, bereits umgesetzt. Für gehandicapte Bahnfahrer eine nahezu unüberwindbare Hürde.

Seit Jahren
problematisch

Die Situation am Kiefersfeldener Bahnhof ist seit Jahren problematisch: Der Bahnsteig eins, auf dem die Züge in Richtung Österreich abfahren, ist nicht barrierefrei. Das stellt für Menschen mit Handicap beim Aus- und Einsteigen in die Züge oftmals große, wenn nicht sogar unüberwindliche Hindernisse dar. Aber auch Mütter mit Kinderwagen oder ältere, gebrechliche Menschen mit Rollator werden hier durch die bauliche Situation vor eine große Herausforderung gestellt – insbesondere bei widrigen Witterungsverhältnissen.

Denn die Höhendifferenz vom Bahnsteig zur Zugeinstiegskante beträgt knapp 60 Zentimeter, die erst einmal überwunden werden müssen. Da es auf dieser Strecke keinen sogenannten mobilen Dienst gibt, sieht das bisherige Prozedere für Menschen mit Behinderung so aus: Sie müssen rechtzeitig beim Betreiber ihre Zugfahrt anmelden. Im Zug selbst helfen dann Zugbegleiter oder Fahrdienstleiter beim Aus- oder Einstieg. Ist der hilfebedürftige Fahrgast jedoch nicht angemeldet, kann es passieren, dass kein Zugpersonal zur Hilfeleistung zur Verfügung steht und die Betroffenen auf die Hilfe von Mitreisenden angewiesen sind.

Erschwerend kommt nun die Situation auf den Bahnsteigen 2 und 3 hinzu: Dort fahren die Züge in Richtung Rosenheim ab. Diese Bahngleise sind zwar barrierefrei, aber nun nicht mehr per Aufzug zu erreichen, da die Bahn infolge vermehrter Störungen beide Aufzüge aus Sicherheitsgründen stillgelegt hat (wir berichteten). „Die Aufzüge sollen im ersten Halbjahr 2020 ausgetauscht werden und wieder zur Verfügung stehen. Aus Sicherheitsgründen bleiben die störanfälligen alten Aufzüge über die Wintermonate vorsorglich außer Betrieb“, teilte ein Sprecher der Bahn, die für die Aufzuganlagen verantwortlich zeichnet, gegenüber den OVB-Heimatzeitungen mit.

Alternativen für Menschen mit Behinderungen, Senioren mit Rollatoren oder Müttern mit Kinderwagen? Fehlanzeige! Fahrgäste, die auf die Aufzüge angewiesen sind, erreichen die Züge in Richtung Rosenheim nicht oder nur mehr mithilfe von Verwandten oder Bekannten.

Umweg
über Kufstein

Josef Aschauer, der selbst Rollstuhlfahrer ist und in Kiefersfelden lebt, empfindet diesen Zustand als „Frechheit“ und „Zumutung“: „Wie sollen wir jetzt nach Rosenheim oder weiter kommen, vor allem im Winter?“ Für ihn bleibt, da er auf die Bahn angewiesen ist, „nur der Umweg über Kufstein“, das ungefähr sechs Kilometer entfernt liegt. Aschauer: „Aber da kann ich wenigstens barrierefrei in den Zug ein- und aussteigen.“ Auch wenn der lange Umweg bei tristem Wetter und – je nach Tageszeit – dunklen Passagen Risiken birgt, hat der Kiefersfeldener mittlerweile fast schon resigniert: „Der Bahn ist scheinbar egal, was mit uns passiert.“

Diese Einschätzung teilt Ralph Kaifusch. Er ist auf einen Rollator angewiesen. Erst Mitte Oktober war er nach eigenen Angaben im Bahnhofsaufzug steckengeblieben und „konnte von Polizei und Feuerwehr erst nach qualvollen Stunden aus dem Aufzug befreit werden“. Seither sei der Aufzug nun als „defekt“ gekennzeichnet. Er sagt: „Die Bahn investiert nichts und lässt uns völlig im Regen stehen.“

Für Menschen wie ihn, die auf technische Hilfe wie den Rollator angewiesen sind, „bleibt nur die äußerst gefährliche Aktion, den Rollator über die Bahnhofstreppen zu schleppen“. Menschen im Rollstuhl, wie Josef Aschauer, oder Mütter mit Kinderwagen sind seither sogar komplett abgehängt.

Auch Initiativen der Gemeinde, die Situation am Kieferer Bahnhof zu verbessern, laufen ins Leere. So hatte die Kommune noch vor der Aufzugsposse beantragt, Meridian-Züge in Richtung Kufstein von den barrierefreien Gleisen 2 und 3 abfahren zu lassen. Was die Station & Service AG der Deutschen Bahn ablehnte – und nun durch den Ausfall der Aufzüge auch hinfällig ist. Die damalige Begründung für die Absage der Bahn: Durch diese Maßnahme käme es zu einer deutlich höheren Belegungszeit der Bahnsteige, in deren Auswirkung es zu „erheblichen Restriktionen für den Fahrplan zwischen Kufstein und Rosenheim“ kommen würde.

Bürgermeister
selbst betroffen

Für Kiefersfeldens Bürgermeister Hajo Gruber eine unbefriedigende Situation – und eine, die ihn selbst ausbremst. Denn Gruber, der selbst im Rollstuhl sitzt, ist nach eigenen Angaben mehrmals in der Woche gezwungen, „mit dem Auto zu einem Termin nach Rosenheim zu fahren, weil die Aufzüge am Bahnhof defekt sind“. Für ihn ist der Ist-Zustand „unglücklich“. Daher will er weiterhin das Gespräch mit der Bahn suchen, „damit es mit dem Einbau der neuen Aufzugsanlage nicht so lange dauert“. Denn die Beschwerden von Bürgern im Rathaus über die Zustände am Kiefersfeldener Bahnhof häufen sich. Die einzige Antwort, die der Gemeindeverwaltung bleibt: „Es liegt nicht in unserer Hand.“

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