Kahlschlag: Rätselraten hält an

von Redaktion

Warum alles, warum so krass: Weiter Bestürzung über Abholzung am Brünnstein

Rosenheim – Das Entsetzen ist groß, die Ratlosigkeit auch – noch immer. Wie konnte es passieren, dass an der Seeon-Alm zehn Hektar wertvollen Lärchen-Waldes ausgelöscht wurden, und das unbemerkt von Behörden und – wenn man einem prominenten Waldbesitzer glaubt – von Eigentümern?

Rolf Sachs, Sohn von Gunter Sachs, vor allem aber Künstler, Designer und Fotograf, besitzt Wald im Schatten des Brünnsteins. Er hat auch sonst eine gewisse Nähe zu Holz und vor allem zur Lärche.

Das liege an seiner Kindheit im Engadin, sagt er den OVB-Heimatzeitungen. Dort, in Graubünden, wohnt er immer noch, im historischen Hauptgebäude des Olympiastadions von St. Moritz. Bevorzugter natürlicher Baustoff dort: Lärche. „Ich liebe die Lärche einfach“, sagt Rolf Sachs.

Und doch erstreckt sich die rabiate Abholzaktion westlich des Brünnsteins offenbar auch über seinen Wald, wenn auch Sachs versichert, lediglich den „hinteren Teil“ des Almgeländes an der Seeon-Alm zu besitzen. Den Teil, so sagt es Rolf Sachs, „wo an sich kein Wald ist“. Was ist da nur schiefgelaufen? Ganz klar ist das noch nicht, auch zehn Tage, nachdem Martin Adamczyks Bericht im „Donaukurier“ Wellen schlug.

Was feststeht: Zehn Hektar Wald, größtenteils lockerer Lärchenwald, sind verschwunden. Und beim Abtransport des Holzes wurde der Boden des Waldes übel beschädigt.

Fest steht auch, dass der Kahlschlag des Waldes hätte genehmigt werden müssen. Und zwar erstens, weil sich der Wald in einem Landschaftsschutzgebiet befindet und zweitens, weil er auch noch als Biotop ausgewiesen ist.

Allerdings: Was von den zehn Hektar, auf denen sich bis vor Kurzem Bäume befanden, ist überhaupt Wald im Sinne des Gesetzes? Offenbar nur ein Drittel der kahl geschlagenen Fläche. Der Rest ist – als ursprüngliches Weidegelände – der Almwirtschaft zuzurechnen.

Almen werden als wertvoll für die Artenvielfalt und als schutzwürdig angesehen. Seit einigen Jahren gibt es dafür eine Förderung: Für Maßnahmen, die dazu dienen, die Fläche freizuhalten, erhält der Eigentümer oder Pächter 900 Euro pro Hektar. Wald oder Weide? Das sei in diesem Falle eine Unterscheidung zum „Leidwesen der Förster“, sagt Marius Benner vom Forstamt Rosenheim.

Mit solchen Weideflächen „haben wir seitdem nichts mehr am Hut“, sagt Benner. Wohl aber mit den 3,6 Hektar, die nicht als Weidefläche zählen: Da eine Nutzungsänderung und damit eine Rodung nie genehmigt wurde, muss dort der Wald wieder aufgeforstet werden. Und zwar innerhalb von drei Jahren.

Was Marius Benner besonders bestürzt, ist das schon brutale Vorgehen. Denn Almwirtschaft erfordert längst nicht die Abholzung aller Bäume. Und: Der Holzunternehmer, der die Bäume fällte, setzte schweres Gerät offenbar auch bei Regen und auf schwerem Boden ein – was erklärt, warum das Terrain rund um die Seeon-Alm teilweise wie ein Truppenübungsplatz aussieht. Ein Waldbauer, der nicht genannt werden will, hat dafür allerdings ein gewisses Verständnis: „Da wird eine Seilbahn zum Transport des Holzes aufgespannt worden sein“, vermutet er. „Und die kostet Geld. Da hörst du nicht auf, nur weil‘s regnet.“ Was Benner aber überdies irritiert: Dass man nach ersten Vorfällen 2016 das Gespräch gesucht, der Waldbauer 2017 ruhig gehalten und schließlich 2018 wie im Handstreich abgeholzt habe.

Warum so krass, warum gleich alles, warum ohne Genehmigung? Der Waldbesitzer, von dem Sachs vor gut 30 Jahren Wald abgekauft hat und der für die Abholzung verantwortlich sein dürfte, war weiterhin nicht zu erreichen. Sachs betont, mit dem Kahlschlag nichts zu tun zu haben. Er habe davon nichts gewusst. „Ich bin verstört“, sagt Sachs. „Als Künstler liebe ich schöne Dinge. Ich hätte das nie zugelassen.“

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