Botschaften gegen Antisemitismus

von Redaktion

Dr. Ludwig Spaenle und Charlotte Knobloch eröffnen Ausstellung „Abgestempelt“

Raubling – „Der Antisemitismus war aus Deutschland nie weg. Er war auch nach 1945 nie weg. Er war offiziell gebrandmarkt – aber weg war er nie.“ Diese deutlichen Worte fielen bei der Eröffnung der Ausstellung „Abgestempelt“ im Raublinger Gymnasium, in der judenfeindliche Postkarten aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg ausgestellt werden. Gesprochen hat sie einer der Gastredner, Dr. Ludwig Spaenle, der als Beauftragter der Staatsregierung „für Jüdisches Leben und gegen Antisemitismus“ mit dem Problem vertraut ist. Er zeigte sich über die Entwicklung der vergangenen Jahre sichtlich erschüttert: „Dass der Judenhass seine hässliche Fratze noch einmal in solcher Deutlichkeit zeigen kann, hätte ich mir nicht vorzustellen gewagt.“

Und doch gab es für den Kmapf gegen Antisemitismus einen großen Hoffnungsschimmer. Durch die Rede von Kilian Franz, dem Schülersprecher des Raublinger Gymnasiums, der nicht nur für sich, seine Schule, sondern für seine ganze Generation sprach.

Er erklärte zunächst, dass es nicht leicht für ihn und die meisten seines Umfeldes sei, sich dem Thema Antisemitismus zu nähern. Denn zu jenen, die er kenne, zählten eigentlich nur solche, für die Ausgrenzung jeder Art ein absolutes Unding sei. So sehr, dass es schwerfalle, sich in die Gedankenwelt derer, die antisemitisches und rassistisches Gedankengut verbreiteten, auch nur halbwegs hineinzuversetzen. „Es verwundert einen, wie sich in unserer aufgeklärten Welt noch ein Platz findet für solche Ansichten“, sagte Franz.

Und dennoch sei es Fakt, dass es noch ein weiter Weg sei bis zu einem Deutschland, in dem sich tatsächlich jeder Mensch sicher und akzeptiert fühlen könne. Hier müsse grundsätzlich angepackt werden, denn es gehe mittlerweile um den Kampf gegen Ereignisse wie den Anschlagsversuch auf die Synagoge in Halle. Da seien Ratschläge wie der des Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung das falsche Mittel. Der hatte jüdischen Mitbürgern schlicht empfohlen, in der Öffentlichkeit auf das Tragen der Kippa zu verzichten.

Die zuversichtlich stimmende Botschaft in seiner Rede war, dass er seine Generation als eine beschrieb, die seit langem wieder die politische Aktivität für sich entdeckt habe, Wie beispielsweise bei „Fridays for Future“. Entscheidend sei es, diese Tendenz, dieses politische Erwachen, auch für den Kampf gegen den Antisemitismus zu nutzen. Und genau dafür lieferten Ausstellungen wie die an der Raublinger Schule die nötige Voraussetzung.

Kilian Franz hat damit auf den Punkt gebracht, warum diese Ausstellung der Bundeszentrale für politische Bildung, die schon 1999 entworfen worden war, heute wichtiger ist denn je. Weil sie an den judenfeindlichen Postkarten, die schon lange vor dem Nationalsozialismus ganz ungeniert verschickt wurden, noch einmal glasklar jenen fatalen Weg zeigt: Wie aus dem eher verdrucksten „Das wird man doch noch einmal sagen dürfen“ Aussagen werden, die man ganz ungeniert und ohne Gegenreaktionen auszulösen auch öffentlich verkünden kann.

„Brandbeschleuniger
der asozialen Medien“

Und wohin das ganze führt, wenn, aufgestachelt durch die Art des Diskurses, immer mehr Menschen auf die Idee kommen, geredet sei genug, jetzt müssten Taten folgen. Dabei sei die Situation heute in gewisser Weise prekärer als damals, so meinte Spaenle, denn heute gäbe es statt der Postkarten „die Brandbeschleuniger der asozialen Medien“, die dem Ungeist schnelle und grenzenlose Verbreitung garantierten.

Wie weit die Gesellschaft auf dieser schiefen Ebene tatsächlich schon wieder gekommen sind, zeigt der Umstand, dass ein weiterer Gast der Veranstaltung, Charlotte Knobloch, die Präsidentin der israelitischen Kultusgemeinde für München und Oberbayern, von Polizei und Personenschützern begleitet werden muss. „Eine Schande“, nannte das der Raublinger Bürgermeister Olaf Kalsperger in seiner Rede. Er sprach gewissermaßen in Vertretung für alle Inntaler Bürgermeister, die ebenso anwesend waren, wie die stellvertretende Landrätin Alexandra Burgmaier.

Charlotte Knobloch selbst sah in der Veranstaltung ein „Hoffnungszeichen“. Nicht nur wegen der Rede des Schülersprechers, sondern auch wegen der Tatsache, dass die Gäste nicht von einem Lehrer, sondern von Thomas Ebner, einem weiteren Schüler, durch die Ausstellung geführt wurden. „Ich habe mich“, so erzählte sie während der Führung, „oft gefragt, wie das notwendige Gedenken an den Holocaust wachgehalten und weitergegeben werden könnte, wenn die Generation der Zeitzeugen endgültig verstorben sind.“ Zu sehen, wie engagierte junge Leute sich der Erinnerung annähmen und das Weitertragen zu ihrer eigenen Sache machten, mache sie jedoch etwas weniger bang.

Ausstellungs-Infos

Die Ausstellung kann bis Freitag, 17. Januar 2020, von Montag bis Freitag zu den Schulzeiten in der Aula des Raublinger Gymnasiums besichtigt werden. Größere Besuchergruppen werden gebeten, sich an das Sekretariat zu wenden. Die Mitarbeiter sind telefonisch unter 08035/87890 und per Mail unter info@gym-raubling.de erreichbar.

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